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Eigentlich königsblaues Blut : Ein Jahrhundert-Talent in der perfekten Liga

Eigentlich königsblaues Blut : Ein Jahrhundert-Talent in der perfekten Liga

Bei Borussia Dortmund schien Felix Passlack durchzustarten. Bei Fortuna Sittard hat er nun seinen Rhythmus gefunden.

Bottrop – wer hier aufwächst, der hat in der Regel königsblaues Blut in sich. So war es auch beim kleinen Felix Passlack. Als Vierjähriger begann er bei den Bambinis der ortsansässigen Fortuna mit dem Fußballspielen, sein Vater hatte ebenfalls dort gekickt, doch das Herz schlug für den FC Schalke 04. Felix ließ ein ordentliches Talent erkennen, mit 12 wechselte er zu
RW Oberhausen, und schon in seinem zweiten Jahr dort war der halbe Westen mit den Nachwuchsleistungszentren der großen Klubs hinter ihm her. Auch der S04.

„Ich hatte Gespräche mit Willi Landgraf“, einem Alemannia-Helden aus den guten Zeiten, damals U15- und heute U16-Trainer auf Schalke. Man kannte sich aus Bottrop, doch dann traf Felix eine Entscheidung, die die Frage aufwirft: Was war da schiefgelaufen? Der Schalke-Fan „machte rüber“ ausgerechnet zum Erzfeind, zu Borussia Dortmund – aus einem Bauchgefühl heraus. „Persönliche Vorlieben spielten keine Rolle. Ich habe einfach geschaut, was für mich fußballerisch das Beste war. Und es war die richtige Entscheidung.“

Felix Passlack sagt das, obwohl er erst jetzt, zwar immer noch keine 22 Jahre jung, aber schon in seiner fünften Profi-Saison, wieder regelmäßig zu Einsatzzeiten kommt. Nach suboptimalen Versuchen bei 1899 Hoffenheim und Norwich City hat ihn der BVB erneut verliehen, diesmal an Fortuna Sittard. Beim Erstligisten aus Südlimburg ist Passlack eine feste Größe, er hat nur ein Spiel im Team von Chefcoach Sjors Ultee wegen Gelbsperre verpasst. Hier spürt er allseits Vertrauen, „das macht es einfacher, Leistung zu bringen. Ich tanke wieder mehr Selbstvertrauen. Ich wollte mir selber zeigen, dass ich es noch kann.“

Der Weg des Felix Passlack ging steil nach oben. Sowohl mit den B- als auch mit den A-Junioren von Borussia Dortmund wurde er zweimal Deutscher Meister. Er erhielt in der U17 die Fritz-Walter-Medaille in Gold und durchlief sämtliche U-Nationalmannschaften des DFB. Im November 2016, mit 18 Jahren und 177 Tagen, wurde er beim wilden 8:4 gegen Legia Warschau zum jüngsten deutschen Torschützen in der Champions League.

Am Borsigplatz galt Passlack schon als legitimer Nachfolger von Lukasz Pisczek, Sportdirektor Michael Zorc rief ihn als „Jahrhundert-Talent“ aus. Zu viel der Lorbeeren? Schon manchem jungen Fußballer ist es nicht gut bekommen, hochgejubelt zu werden; Passlack hat das „alles so genommen“ ohne das Gefühl, die Bodenhaftung zu verlieren. „Ich habe mir das nicht aufgehangen, um jeden Morgen draufzugucken.“

Als er mit 16 im DFB-Winter-Trainingslager war, holte ihn Jürgen Klopp rüber zu den Dortmunder Profis, die sich ebenfalls im spanischen La Manga einquartiert hatten. Klopp verschaffte ihm auch den ersten Profivertrag, Thomas Tuchel machte aus dem „Zehner“ mit reichlich Toren einen Rechtsverteidiger. Spielpraxis sollte Felix Passlack in Hoffenheim sammeln, doch mehr als zwei Einsätze unter Julian Nagelsmann und ein Dutzend in der 2. Mannschaft sprangen nicht heraus. „Es war schwer für einen jungen Kerl, zum ersten Mal weg von zu Hause, sich durchzubeißen. Aber ich bin mit jeder Erfahrung glücklich, die ich gemacht habe“, sagt Passlack. „Es ist wichtig für die Entwicklung.“

Auch in Norwich erfüllten sich die Hoffnungen nicht. „Die Mannschaft war erfolgreich, es galt: never change a winning team.“ Sechs Minuten durfte er mitmachen beim Marsch in die Premier League unter Daniel ­Farke, dem ehemaligen Trainer der U 23 von Borussia Dortmund. „Von den Spielzeiten her war dieses Jahr auf jeden Fall verschenkt. Aber ich habe mich persönlich weiterentwickelt.“ Und er konnte sich immer auf seine Freundin und ihre Unterstützung verlassen. „Sie ist auch jetzt mit mir zusammen hier“, mit dem Labrador im Selfkant gleich hinter der Grenze zu Deutschland.

Vielleicht erklärt der 11. April 2017, warum der steile Weg des Felix Passlack ein vorläufiges Ende nahm. „Es gab auf jeden Fall ein Kopfproblem“, der Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus vor dem Champions-League-Spiel gegen AS Monaco hinterließ Spuren. „Ich hatte Angstzustände, konnte schlecht schlafen, war extrem schreckhaft. Wenn eine Gabel vom Tisch fiel, bin ich um die Ecke gerannt.“ Der Jung-Profi nahm die vom Klub angebotene psychologische Hilfe an. „Ich denke jetzt nicht mehr jeden Tag daran.“

Bei Fortuna Sittard hat Passlack nun seinen Rhythmus gefunden. Die Saison begann auf der Position des rechten Verteidigers, im rechten Mittelfeld spielte er sich dann fest, beim ehrenwerten 1:2 zuletzt bei Feyenoord Rotterdam lief Passlack mal wieder als „Zehner“ auf. „Die Ehrendivision ist die perfekte Liga für junge Spieler, auch für mich in der Phase, wo ich gerade bin.“ Die holländische 4-3-3-Schule, die Philosophie, Dinge technisch-spielerisch zu lösen, die vielen Dribblings – all das behagt ihm. Fortuna wäre in Deutschland vielleicht ein Kandidat fürs Mittelfeld der 2. Liga, auch in diesem Jahr geht es nur darum, die Klasse zu halten.

Zwei Punkte beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz, sechs Zähler sind es auf einen direkten Abstiegsrang. Die Wochen der Wahrheit stehen an, heute Abend (19.45 Uhr) im Limburger Derby bei VVV Venlo, dann bei PEC Zwolle und gegen ADO Den Haag. „Es wäre schon sehr wichtig, für die Fans und für uns, wenn wir mit drei Punkten aus Venlo zurückkommen und einen kleinen Schritt Richtung Klassenerhalt machen.“ Allerdings: Fortuna hat seit 21 Spielen auswärts nicht mehr gewonnen, und VVV ist in diesem Jahr das zweitbeste Team hinter Feyenoord.

Michael Zorc hat Passlack geschrieben nach seinem ersten Tor beim 1:1 gegen den SC Heerenveen („Glückwunsch, einfach so weitermachen“), Otto Addo als Verbindungsmann zwischen Jugend und Profis von Borussia Dortmund erkundigt sich immer wieder mal bei Felix Passlack. Noch bis 2021 ist er an den BVB gebunden. Was in diesem Sommer passiert – weitere Leihe, Verkauf oder Rückkehr zu den Schwarz-Gelben –, ist offen. „Über die Zukunft habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, sagt Passlack, der von derselben Agentur betreut wird wie Marc-André ter Stegen und Christoph Kramer. „Mal abwarten, was die nächsten Wochen und Monate bringen.“