Mönchengladbach: Ein Ausnahmetorhüter mit Bodenhaftung

Mönchengladbach: Ein Ausnahmetorhüter mit Bodenhaftung

Auffällig geworden ist er bereits vor der Saison. Nach 24 Minuten stand es bei der Generalprobe auf den Bundesligastart gegen Athletic Bilbao 0:3 — drei Tore, alle drei Treffer nach einem Eckball. Yann Sommer war der Torhüter, dem bei seinem Heim-Debüt für Borussia Mönchengladbach die Bälle so spektakulär um die Ohren flogen. So weit, so schlecht.

Einen schlechteren Einstand konnte man sich kaum vorstellen. Und dennoch konnte, wer wollte, die außergewöhnliche Qualität des Schweizer Keepers sehen.

Wo andere knieschlotternd oder hyperventilierend die restlichen 66 Minuten durchlitten hätten, verströmte der Gladbacher Neuling eine Ruhe, die außergewöhnlich und vielversprechend war. „Ich habe mir angewöhnt, Fehler nicht an mich ranzulassen“, erklärt der 26-Jährige diese Kaltschnäuzigkeit.

Gut fünf Monate später wurde Yann Sommer von den Fans zum Borussen der Hinrunde gewählt. Und diesmal reagierte der vermeintliche Schweizer Kaltblüter sehr emotional. „Ich kannte diesen Titel gar nicht. Aber wenn du von den Fans so akzeptiert wirst, das ist das Schönste. Das hat mich tief berührt, damit hatte ich so nicht gerechnet.“

Nur oberflächlich ein Widerspruch. Denn natürlich hatte Sommer auch im August schon Gefühle. „Es war mein erster großer Transfer. Ich habe viel Geld gekostet. Und ich wusste, dass mein Vorgänger Marc-André ter Stegen einen extrem hohen Stellenwert im Verein und bei den Fans hatte“, erzählt der Keeper. „Der Druck war riesig, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte ihn nicht gespürt.“

Ganz ohne Einfluss blieb die überwältigende Erwartungshaltung nicht. „Zu Beginn habe ich versucht, zu viele hohe Bälle zu bekommen, um zu zeigen, dass ich auch offensiv gut bin.“ Doch diese gefährliche Beweislast warf Sommer schnell ab.

Und so ist ein Gedanke, der sich im Laufe der Hinrunde festsetzt, nicht unbedingt ein Hirngespinst: Borussia hat einen sehr guten Torhüter verloren, aber einen mindestens ebenso guten erhalten. Das „mindestens“ wird durch eben diese Ruhe und Ausgeglichenheit gerechtfertigt.

Während sich der zum FC Barcelona gewechselte ter Stegen mit seinem Über-Ehrgeiz schon mal selbst im Weg steht — seine Reaktion auf drei Eckball-Gegentore im Staccato-Tempo wäre eine ganz andere gewesen —, ruht der ehemalige Basler Torhüter in sich selbst. Besser als ter Stegen also? Das würde Yann Sommer niemals behaupten, ja nicht einmal andeuten.

Sein Naturell aber begünstigt einen unbeschadeten Balanceakt auf der Rasierklinge, den ein Torhüter all(spiel)täglich zu bewältigen hat. Held oder Depp — Millimeter oder Sekundenbruchteile trennen häufig nur diese ex-tremen Wahrnehmungen und Urteile. Absolute Konzentration auf seinen Job, aber auch eine gewisse Distanz zur so im Fokus stehenden Arbeit — Sommer besitzt sie, und nicht nur, weil er in Düsseldorf statt in Mönchengladbach wohnt.

„Wegzufahren kann behilflich sein“, erklärt der Junggeselle seine Wohnortentscheidung. Der in der französisch sprechenden Schweiz (Morges) geborene Mann nutzt zudem andere Interessen, um runterzukommen und abzuschalten vom nervenaufreibenden Job. Er spielt Gitarre — „Auch E-Gitarre, da bin ich nicht festgelegt“ — , liest gerne, ist auch ansonsten kulturell interessiert und geht auch gerne raus, wozu Düsseldorf nicht die schlechteste Adresse ist.

Dass bei seinem Aussehen nicht nur Fans auf ihn fliegen, ist verständlich. Doch mit seiner sportlichen und äußerlichen Attraktivität kann der Fußball-Profi gut umgehen. „Meine Familie ist total geerdet. Und für meine zehn Freunde in der Schweiz bin ich nicht der Torhüter, sondern Yann, den sie seit der Schulzeit kennen. Welches Auto ich fahre oder welche Frisur ich trage — das interessiert sie überhaupt nicht. Denen ist Yann als Typ wichtig.“

Der Rummel aber kumulierte kurz vor Weihnachten, der Schweizer Nationaltorhüter zog die mediale Notbremse. „Ich muss nicht jeden Tag in der Presse stehen. Wenn es die Konzentration stört, ist Schluss.“

Die ist derzeit besonders hoch. „Unser Start war gut, aber der schwierigste Teil steht uns noch bevor: anders als sonst, gut in die Rückrunde zu starten.“ Denn Yann Sommer kann sich noch gut an sein erstes Champions-League-Spiel mit dem FC Basel erinnern: „Gänsehaut pur, als die Hymne ertönte!“ Sein Traum ist es, auch mit Borussia den Sprung zu schaffen.

Doch die Qualität der Gegenwart schätzt der Goalie durchaus. „Zwei Spiele gegen Sevilla — besser geht‘s nicht!“ Den Tausch Europa League statt Königsklasse bereut er nicht, und sieht diesen auch nicht als Abstieg. „Klar, war das toll bei ManU anzutreten, aber zwei Tage später spielst du in der Schweizer Liga. Die wird unterschätzt, aber ist nicht zu vergleichen mit der Bundesliga und den vollen Stadien. Das ist die beste Liga der Welt.“

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