Die Saison von Borussia Mönchengladbach: Ein Rückblick mit Analyse

Eine Saison geteilt in Hin- und Rückrunde : Rückblick und Analyse der Gladbacher Saison

Am Ende einer merkwürdigen Saison ist es Tabellenplatz fünf für Borussia Mönchengladbach. War man am 20. Spieltag noch punktgleich mit dem späteren Meister Bayern München, mussten die Fohlen bis zum vorletzten Spieltag noch um Europa fürchten. Was war passiert?

Nach der Systemänderung im Sommer bewies Trainer Dieter Hecking, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Das 4-4-2 System der Fohlen war über Jahre hinweg Erfolgsfaktor aber auch zunehmend berechenbar geworden. Im neuen 4-3-3-System mit zwei spielstarken Achtern, meistens Florian Neuhaus und Jonas Hofmann, wollte Hecking zu mehr Kontrolle im Zentrum gelangen und über die schnellen Außen, die nun weiter vorne postiert waren, in den Strafraum stoßen. In der Hinrunde gelang das auch, während das Team in der Rückrunde kaum wiederzuerkennen war.

Im Sommer war das neue System dann mit den passenden Spielern befüllt worden. Die Vestergaard-Millionen – er wurde für rund 25 Millionen Euro an Southampton in die Premier League verkauft – wurden in Rechtsverteidiger Michael Lang und Mittelstürmer Alassane Plea reinvestiert. Nico Elvedi, ein starker Zweikämpfer und guter Aufbauspieler, rückte von der Rechtsverteidiger-Position ins Zentrum. Zwar wurde Plea als fehlendes Puzzle-Teil im zentralen Angriff prophezeit, wie in Nizza kam er aber bevorzugt über den Flügel zum Einsatz. Zehn Tore bis zur Winterpause sprechen erst einmal nicht gegen diese Entscheidung.

In der Hinrunde hatte die Mannschaft vor allem eine Stärke: Heimspiele. Die Fans im Borussia-Park erlebten neun Spiele in Folge keinen Punktverlust ihrer Mannschaft. Bei Auswärtsspielen – die Schwäche der Fohlen in den vergangenen Jahren – lies die Mannschaft aber jene Konstanz vermissen. Zwar wurde das Spiel in München mit 3:0 gewonnen, das nächste Auswärtsspiel dann aber in Freiburg mit 1:3 verloren. Die Mannschaft wirkte und wirkt in Auswärtsspielen, und das nicht erst seit dieser Saison, verunsichert und ohne Vertrauen in die eigenen Stärken. Das, was sie vor heimischer Kulisse in der Hinrunde so stark gemacht hat, wird auf fremdem Platz nicht abgerufen. Ob das nun an einer anderen Taktik oder an den Spielern selbst liegt – die Borussia zeigt zu oft zwei Gesichter.

Dennoch: Die Mannschaft begeisterte durch attraktiven Offensiv-Fußball. Schnelle Kombinationen bis zum Sechzehner gipfelten in Toren oder gefährlichen Abschlüssen. Ab und an verlor sich die Fohlenelf wieder im Gedanken, den Ball ins Tor zu tragen, anstatt auch mal aus der zweiten Reihe zu schießen. Der Erfolg gab den Gladbachern allerdings recht.

Zu viel Räume

Nachteile der offensiven Ausrichtung waren oft zu große Lücken im Defensivverbund. Schnelle Tore nach Anpfiff, wie gegen Hannover, in Freiburg oder in Leipzig, resultierten aus fehlender Abstimmung zwischen den Reihen. Dennoch war und ist die Hinrunde ein voller Erfolg. Gegen tiefstehende Gegner, wie Nürnberg, Düsseldorf, Augsburg und Schalke, behielt die Mannschaft die Ruhe und knackte die Defensive oft auch erst in den letzten 15 Minuten. Hektische und verzweifelte Abschlüsse und Angriffe gab es nicht. Gladbach hatte stets die Kontrolle.

Einer unverhofft erfolgreichen Hinrunde in der viele Spieler, wie Neuhaus und Hofmann, über ihrem Niveau gespielt haben, folgte eine unverhofft wenig erfolgreiche Rückrunde. Gegen Hertha BSC hatte Gladbach die Chance, das zehnte Heimspiel in Folge zu gewinnen. Stattdessen wurden die Borussen von Berlin nach eigenen starken, aber torlosen 30 Minuten wie aus dem Lehrbuch ausgekontert und mussten eine 0:3-Niederlage hinnehmen. Die Hauptstädter überspielten mit einem einzigen langen Ball regelmäßig die Defensivreihen der Gladbacher und schlossen eiskalt vor dem Tor von Fohlen-Keeper Sommer ab. Das folgende Heimspiel muss für die Fans wie ein Déjà-vu gewirkt haben. Gegen Wolfsburg begann man wieder stark, hatte Chancen und doch konterten die Wölfe in Top-Team-Manier. Am Ende stand wieder ein 0:3 auf der Anzeigetafel.

Das Schlüsselspiel der Rückrunde war jedoch das Auswärtsspiel in Düsseldorf. Nach 16 Minuten führten die Gastgeber schon mit 3:0. Den Gästen fehlte jeglicher Zugriff. Sie waren in jeder Aktion einen Schritt zu spät und hatten zu wenig Bewegung im Spiel nach vorne. Bereits nach 40 Minuten wechselte Hecking Thorgan Hazard unter Beifall der mitgereisten 10.000 Gladbacher Fans aus. Nach dem Spiel sagte der Trainer, er hätte auch jeden anderen der zehn Feldspieler auswechseln können. Der Anschlusstreffer gelang zwar erst in der 82. Minute, dennoch wären genug Chancen da gewesen, um zumindest ein Unentschieden herauszuholen. Das Spiel ging dennoch 1:3 verloren und die Stimmung gegen Hecking verdichtete sich: er erreiche die Mannschaft nicht mehr und solle zurücktreten.

Trennung zum Saisonende

Drei Tage später verkündete Borussia tatsächlich die Trennung von Hecking. Allerdings erst zum Saisonende. Man wolle im Sommer einen Neuanfang starten. Die Entscheidung sei nicht aufgrund der sportlichen Talfahrt gefällt worden, so Sportdirektor Eberl. Nachfolger wird zum Sommer Marco Rose. Der Noch-Salzburger wurde bei vielen Vereinen in der Bundesliga gehandelt.

Ebenfalls nach dem Fortuna-Spiel hat Dieter Hecking sein System noch einmal angepasst. Ab sofort lief das Team im 3-5-2-System mit Ball und im 5-3-2-System gegen den Ball auf. Thorgan Hazard, dessen Zukunft nicht mehr in Gladbach liegt, sondern sehr wahrscheinlich in Dortmund, konnte im neuen System leistungsmäßig wieder an seine Form der Hinrunde anknüpfen, auch wenn die Tore und Vorlagen ausblieben. Er wirkte, wie viele seiner Mannschaftskollegen auch, überspielt und glücklos an vielen Stellen der Rückrunde. Hazard versuchte es so oft wie kein Zweiter vor dem gegnerischen Tor. Stimmen, der Belgier sei mit dem Kopf schon beim BVB, verneinte sein Trainer vehement.

Auch Plea, anfangs noch im Rennen um die Torjäger-Kanone, war in der Rückserie wie ein Fremdkörper im Gladbacher Spiel. Die Tore blieben aus und im (neuen) Zweier-Sturm mit Lars Stindl oder Raffael wollte er nicht so recht warm werden. Auch lange Verletzungen der beiden spielten dabei eine Rolle. Vielleicht braucht er aber auch einfach noch Eingewöhnungszeit. Die französische Liga ist vom Niveau her deutlich schwächer als die Bundesliga. In Deutschlands höchster Spielklasse muss man in jedem Spiel 100% geben. Ein Umstand, der schon vielen Neuzugängen, auch außerhalb von Gladbach, die Umstellung erschwert hat.

Trotz oder vielleicht auch wegen der Systemumstellungen wirkte das Team weiterhin verunsichert und nicht entschlossen genug in den Offensivaktionen. Auch defensiv war noch viel Sand im Getriebe. Ballverluste in der Vorwärtsbewegung und weit aufgerückte Außenspieler öffneten dem Gegner immer wieder Räume in der gefährlichen Zone. Nachdem Gladbach aus zwölf Partien nur zehn Punkte holen konnte, rutschte der Verein gar aus den Champions League Rängen heraus. Bis am 33. Spieltag gegen Nürnberg der Befreiungsschlag glückte. 4:0 gewann Gladbach. Und da alle anderen Teams für die Fohlen gespielt hatten, sah man sich urplötzlich vor dem letzten Spieltag auf dem vierten Platz der Tabelle wieder.

Spieler der Stunde war nun Josip Drmic. Der Stürmer, dessen Vertrag zum Saisonende nicht verlängert wird, rettete Gladbach schon einen Spieltag zuvor das 2:2 Unentschieden gegen Hoffenheim und war maßgeblich am Erfolg im Frankenland beteiligt. Vor dem Duell gegen den Ex-Trainer Favre und den Tabellenzweiten Borussia Dortmund konnte Gladbach endgültig mit dem europäischen Geschäft planen. Nach einer starken ersten Halbzeit mussten sich die Fohlen dem späteren Vizemeister aber geschlagen geben. Die Leistung stimmte, aber das Ergebnis nicht – mal wieder.

Was bleibt

Trainer Hecking überraschte anfangs der Saison mit dem neuen 4-3-3-System viele seiner Kollegen. Die Mannschaft wirkte erfrischend und befreit. In einer Phase im deutschen Fußball, in der Schalke mit aggressivem Defensiv-Fußball Vizemeister wurde und auch sonst viele Teams mehr gegen den Ball als mit ihm spielen, etablierte Hecking einen Offensiv-Fußball mit viel Ballbesitz, langen Passstafetten und schnellen Kombinationen.

Auch personell passte vieles: Die Neuzugänge Neuhaus, Plea und Lang funktionierten von den ersten Spielen an. Das große Verletzungspech, wie in den vergangenen Spielzeiten, blieb der Elf vom Niederrhein erspart. Was dann zur Rückrunde passierte, muss ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren gewesen sein.

1. Taktik

Es schien so, als hätten die gegnerischen Trainer das System der Borussia entschlüsselt: Die Schwächen wurden enttarnt und, wie in Heimspielen gegen Hertha, Wolfsburg und Bayern, eiskalt bestraft. Die Gegner überließen Gladbach meist das Spiel und agierten sehr defensiv. Sie verteidigten vor ihrem eigenen Sechzehner und spekulierten auf Fehler im Gladbacher Aufbau. Da die Mannschaft, ähnlich wie bei einem Powerplay im Eishockey, hoch aufgerückt war und nur die beiden Innenverteidiger und der Sechser absicherten, gab es genug Räume für schnelle Spieler und effektive Konter.

Die Spieler selbst sagten, eine Führung helfe, das Gladbacher Spiel aus Ballbesitz und Kontrolle voranzutreiben. Doch in der Rückrunde sah sich die Mannschaft zu oft einem Rückstand ausgesetzt. Hektik und verzweifelte Angriffsversuche bestimmten dann die Spielweise der Borussia.

2. Umfeld

Wenn ein Team nach 20 Spieltagen punktgleich mit Bayern München ist und auf dem zweiten Tabellenplatz steht, steigt die Erwartungshaltung im und um den Verein. Das ist nur natürlich. Doch in Gladbach war der Druck noch nie förderlich: weder unter Hecking noch unter seinen Vorgängern Andre Schubert und Lucien Favre. Es ist zu beobachten, dass ein Teil der Fans dem Pfeifkonzert oftmals sehr nah ist. Das erzürnte nicht nur Eberl schon, auch Hecking sieht das alles andere als positiv. Doch mit dem erhöhten Druck, auch mit dem der Medien, muss die Mannschaft klarkommen. Andere Spielertypen könnten da helfen.

3. Mannschaft

Borussia Mönchengladbach hat eine Mannschaft, die locker um die internationalen Plätze mitspielen kann. Mit Plea, Lang und auch Neuhaus hat man sich im Sommer sinnvoll verstärkt. In der Tiefe und Breite des Kaders gibt es allerdings noch Handlungsbedarf. Nach der langwierigen Verletzung von Raffael nach dem Hoffenheim-Spiel und der schweren Verletzung von Stindl in Hannover fehlten die Spielertypen der Mannschaft. Raffael, als Spieler, der den Unterschied machen kann, und Stindl, als Führungsspieler, konnte Hecking so nicht ersetzen. Im Saisonendspurt fehlten dann auch beide als Alternativen im Sturm. Die wenigsten hätten wohl gedacht, dass Drmic so einschlägt. Ein Opfer der erfolgreichen Hinrunde war allerdings auch, dass sowohl Neuhaus als auch Plea in der Mitte der Saison leistungsmäßig einbrachen. Die Neuzugänge spielten in der ersten Hälfte einfach über ihrem Niveau.

Was darüber hinaus noch auffällt, ist das Fehlen einer Spielerfigur, wie sie Granit Xhaka oder Max Kruse verkörperte. Waschechte Leader-Typen, mit denen zum Beispiel das Spiel in Düsseldorf anders ausgegangen wäre. Es fehlt der, der vorangeht: Christoph Kramer, Matthias Ginter, Lars Stindl oder auch Denis Zakaria könnten das. Aber sie zeigen es zu selten. In Spielen, in denen die Mannschaft einen Anker braucht, müssen sie vorangehen.

4. Trainerwechsel

Warum trennt sich Eberl nun im Sommer von Hecking? Es bestand die Möglichkeit einen international begehrten Trainer zu verpflichten, und diese Chance hat Sportdirektor Max Eberl genutzt. Vermutlich hatte man sogar das Vertrauen in Hecking, den nächsten Schritt mit dem Verein zu gehen. Doch mit Rose ist die Wahrscheinlichkeit, in den Augen der Verantwortlichen, höher. Sie trauen es Rose mehr zu. Ob die Verkündung des Wechsels aber zu einem Impuls innerhalb der Mannschaft geführt hat, darf bezweifelt werden. Viele Spieler hatten gesagt, sie seien zuerst schockiert und betroffen gewesen.

Es war eine erfolgreiche Saison. Nach zwei Jahren Europa-Abstinenz spielt die Borussia wieder International. Doch der Verlauf war alles andere als normal. Letztlich ist aber auch nicht abschließend zu klären, warum eine Mannschaft so unterschiedlich in Hin- und Rückrunde spielt. Es war eben ein Zusammenspiel von vielen verschieden Faktoren.

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