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Bremen: Die „Fohlen“ völlig entrückt

Bremen : Die „Fohlen“ völlig entrückt

Im Überschwang passieren die verrücktesten Dinge. Und es gehen auch bei Borussia Mönchengladbach mal Türen auf, die sonst verschlossen bleiben. Im Gefühl der vollkommenen Glückseligkeit ist immerhin den Mitarbeitern von „Fohlen TV“ gestattet worden, die am Samstagabend zur Partyzone verwandelte Gästekabine im Bremer Weserstadion zu betreten, und daraus entstand flugs ein nettes Filmchen („Fohlen im Partyrausch“), das es direkt in einen ZDF-Beitrag fürs Sportstudio schaffte.

Sollte doch jeder sehen, wie Strahlemann Patrick Herrmann seine Muskeln spannte oder Tanzbär Tony Jantschke den Takt vorgab. Alle mit entblößtem Oberkörper versteht sich. Hinter ihnen ballte sogar Zeugwart Rolf Hülswitt die Fäuste. Wenn der mehr als drei Jahrzehnte der Borussia dienende „General“, einst Stabsfeldwebel bei der Bundeswehr, die Beherrschung verliert, dann hat die große Feier wohl wirklich niemand einbremsen können. Als der Mannschaftsbus später auf der Anhöhe zum Osterdeich um die Ecke bog, schien das weiß-grün Gefährt nicht nur wegen dem Kopfsteinpflaster zu wackeln, denn mehr als kräftig hämmerten die johlenden Kicker gegen die getönten Scheiben. Ein junges Fohlen, das nach der Geburt im dunklen Stall das erste Mal auf die grüne Wiese darf, strahlt nicht mehr Lebensfreude aus. Ob es sein könne, dass sich Mönchengladbach über die Champions-League-Teilnahme mehr freue als München über die Meisterschaft, ist Sportchef Max Eberl hinterher gefragt worden. „Ja!“ lautete die Antwort.

Der 2:0-Erfolg an der Weser, der erste übrigens seit einem einst sagenhaften 7:1 vom 21. März 1987, wertete Eberl hernach als „Spiegelbild der Saison“. Sein Statement fügte sich ins von fast 5000 mitgereisten Fans ausgelebte Hochgefühl: „Du kriegst keinen Pokal, du kriegst keinen Wimpel“, meinte der 41-Jährige, „aber trotzdem haben wir was Großes geschafft.“ Nebenbei stellte die beste Rückrundenmannschaft gleich mal weitere Rekorde ein: die meisten Siege (zwölf) in einer Rückrunde seit 1973/74 oder die meisten Spiele (15) ohne Gegentor wie nur 2011/2012.

Das Wichtigste aber: 37 Jahre nachdem der mit einer bundesweit beeindruckenden Zahl von Sympathisanten aufwartende Traditionsverein vom Niederrhein letztmals im Europapokal der Landesmeister mitgespielt hat, darf es wieder der wichtigste europäische Vereinswettbewerb sein. Zwei Auftritte in der Europa League haben letztlich nur das Vorspiel für die Champions League bedeutet. „Da kann man durchaus euphorisch sein“, erklärte Eberl.

Selbst beim oft grüblerisch veranlagten Lucien Favre umspielte ein Lächeln die Mundwinkel. „Nicht schlecht“, bewertete der Schweizer Taktik-Tüftler mit einem Grinsen die Leistung und befand: „Die Rückrunde ist klasse. Es ist ein Erfolg für den Verein. Für den wir alle sehr hart und geschickt gearbeitet haben.“ Und noch besser als der Doppelpack seines Lieblingsschülers Raffael (53. und 85.) schienen dem 57-jährigen Fußballlehrer auf dem Statistikbogen die 68 Prozent Ballbesitz zu gefallen. „Früher waren wir eine Kontermannschaft, jetzt sind wir auch in der Spieleröffnung sehr gut.“

Für Favre wie Eberl fängt die Arbeit nach dem letzten Saisonspiel am Samstag gegen den FC Augsburg, wenn die Feierlichkeiten im Borussia-Park noch einmal kulminieren, erst so richtig an. Für den nach Leverkusen zurückkehrenden Christoph Kramer ist mit Lars Stindl aus Hannover schon Ersatz verpflichtet, wobei sich der torgefährliche 96-Allrounder wohl an eine deutliche defensivere Rolle gewöhnen muss, um im Verbund mit dem bärenstarken Granit Xhaka jenes Rückgrat zu bilden, das dieser Elf als aktuell beste Doppel-Sechs der Liga so viel Halt gibt. Dann braucht es im offensiven Bereich aber noch jemand für den nach Wolfsburg wechselnden Max Kruse.

„Und hinten sind wir sehr alt“, bemerkte Eberl noch, wohl wissend, dass neben dem derzeit verletzten Martin Stranzl (34 Jahre) auch Recke Roel Brouwers (33) gerade seinen dritten Frühling erlebt. „Zwei, drei Neuzugänge von Qualität“, kündigt der Sportchef an, der im selben Atemzug betonte, dass das Dogma der wirtschaftlichen Vernunft zwingend beibehalten werde. Konkret: „20, 30 Millionen Euro Ablöse oder exorbitante Gehälter sind bei uns nicht drin. Wir werden keine verrückten Sachen machen.“ Und auch die Fohlenelf der Moderne macht fürs „Fohlen-TV“ bald wieder die Tür zu.