1. Sport
  2. Fußball
  3. Borussia Mönchengladbach

DFB-Pokal: Der Inhalt beim 5:0 ist wahrhaft historisch

DFB-Pokal : Der Inhalt beim 5:0 ist wahrhaft historisch

Gladbach beim Pokalsieg über Bayern in allen Bereichen überlegen. Embolo wird zum Alptraum für Upamecano. Kann der VfL den Schwung mit in den Ligaalltag transportieren?

Ein Fan reckte in der Nordkurve eine Lederhose in die Höhe. Wie eine Trophäe. Das entsprechende Liedgut („Zieht den Bayern die ...“) ist Standard beim Anhang aller deutschen Bayern-Gegner. Zumeist drückt es nur den Wunsch aus, selten wird dieser Wirklichkeit. An diesem Mittwochabend aber war es angebracht, das Symbol des Jagderfolgs nicht nur den Profis von Borussia Mönchengladbach, die vor ihrer Anhängerschaft ausgelassen tanzten, sondern der ganzen Fußballwelt zu zeigen.

Das 5:0 bedeutet einen  historischen Sieg: Noch nie hat eine Gladbacher Mannschaft die Münchner im Pokal bezwungen, noch nie haben die Bayern im Pokal so hoch verloren.

Historisch also – was die Zahlen angeht. Historisch aber vor allem, was den Inhalt angeht. Viele Menschen, die nicht im Stadion oder vor dem Bildschirm das Spiel verfolgt haben, werden das Ergebnis im ersten Moment als Zahlendreher missverstanden haben. Doch es war Realität und bildete auch keinen fußballerischen Treppenwitz ab, der durch unbegreifliche Kapriolen in dieser Sportart immer mal wieder möglich ist. „Wir hätten höher gewinnen können“, mutmaßte Sportdirektor Max Eberl mit aller Berechtigung.

Niederlagen der deutschen Übermannschaft, der aktuell auch in Europa kaum ein Club das Wasser reichen kann, kommen schon mal vor: mit viel Glück, meistens knapp und letztlich unverdient.

Ehrentreffer verwehrt

Dabei zeigten Lewandowski & Co. im Borussia-Park bis zur letzten Minute eine Eigenschaft, die bezeichnend ist für die Bayern anno 2021: Der Verwaltungsmodus ist Geschichte, sie wollen bis zum Schluss Tore erzielen. Doch diesmal ging es nicht um das 3:0 oder 4:0 – es ging um den Ehrentreffer – und auch den verwehrten ihnen die Gladbacher.  „Wir waren wie im Rausch“, urteilte Jonas Hofmann, „die ersten beiden Tore haben uns befreit.“

Befreit wohin? Zu einem sensationellen Ergebnis mit einem noch sensationelleren Inhalt. Oder gar zu mehr? War die Lederhose bereits mehr als golden? Metallspuren konnte zumindest Yann Sommer noch nicht entdecken, der den Traum seines Sportdirektors kennt, endlich mal „was Blechernes“ mit seinem Club zu holen. Es handelt sich um die 2. DFB-Pokalrunde.

„Ein bisschen früh“, befand also der Schweizer Nationaltorhüter schmunzelnd. Auch wenn er die Leistung mit schönstem Schweizer Akzent „überrrrrragend“ nannte. Lieber forderte der Vizekapitän „Konstanz“ ein. Die Liga-Niederlage in Berlin und das Remis gegen Stuttgart wirken noch nach, auch wenn Sommer sagt, „wir haben eine gute Reaktion gezeigt“.

Fast überreagiert hat Breel Embolo. Der überragende Spieler auf dem Platz erzielte nicht nur die Treffer zum 4:0 und 5:0 (1:0 Koné, 2:0 u. 3:0 Bensebaini), er war auch an den dreien zuvor beteiligt. „Breel kann jeder Mannschaft wehtun“, urteilte sein Trainer. Und jedem Abwehrspieler.

An diesem historischen Abend vor allem Dayot Upamecano, Geburtsagskind obendrein. Embolo wurde für den Bayern-Bullen zum persönlichen Alptraum. Höhepunkt das 4:0 (51.), bei dem der Gladbacher Stürmer eigentlich gar keine Chance hatte, weil der Franzose ein gutes Stück weit vor ihm den Ball annehmen konnte. Doch die Nicht-Chance wurde zum entscheidenden Tor: Embolo wuchtete sich an Upamecano vorbei und ließ Manuel Neuer im Bayern-Tor keine Chance.

Um die Peinlichkeit noch zu überbieten, befand sich der Deutsche Meister in diesem Moment in Überzahl, da Jordan Beyer am Spielfeldrand behandelt wurde. Gladbachs junger Verteidiger fällt in den kommenden Wochen mit einer Muskelverletzung mit Sehnenbeteiligung aus.

Erst mit dem vierten Tor waren sich Hütter und Hofmann sicher, als Sieger vom Platz zu gehen.  Der Offensivspieler berichtete von der Direktive, die sein Trainer in der Halbzeitpause ausgegeben hatte. „Nicht hinten reindrängen lassen, aktiv bleiben, nicht immer versuchen, fußballerisch anspruchsvoll hinten rauszukombinieren, sondern auch mal lang rausschlagen - auf Embolo.“

Folgsam waren sie - Hütters Zöglinge. Nico Elvedis Befreiungsschlag leitete die Entscheidung ein (51.). Was hier im Detail funktionierte, hatte auch en gros Erfolg. „Wir haben alles umgesetzt, was wir besprochen hatten“, resümierte Hofmann.

Noch früher besprochen war die Offensiv-Aufstellung. Nachdem die Bild-Zeitung im Vorfeld getitelt hatte „Hütter rasiert zwei Gladbach-Stars“, folgte in der Pressekonferenz vor dem Spiel die Reaktion des Österreichers. „Respektlos“ sei eine solche Formulierung.

 „Fast ein perfektes Spiel“

Und offensichtlich falsch: Hütter bat Embolo und Lars Stindl, besagte „Gladbach-Stars“, bereits am Dienstag in „meine Trainerkabine“. Dort erhielten sie eine Auflauf-Garantie. Was folgte war eine Leistungsexplosion. „Fast ein perfektes Spiel“, urteilte Hütter. „Die ersten 20 Minuten - ich kann mich nicht erinnern, dass ich sowas Gutes von einer Mannschaft von mir schonmal erlebt habe.“

Beim 5:0 habe sein Team „gezeigt, welches Potenzial in ihm steckt“. Eine Aussage, die einer Verpflichtung für seine Schüler gleichkommt. Den historischen Erfolg am 27. Oktober 2021 konnten die Gladbacher als den clubeigenen Tag  der  Wiedervereinigung feiern: Endlich wurde der Einsatz, die Aggressivität gepaart mit Fußball. Daran wird sich die Mannschaft messen lassen müssen – bereits am Sonntag in der Bundesliga, dahoam gegen Bochum.