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Borussia Mönchengladbach: Darum könnte „Ex“ Lucien Favre die ideale Lösung sein

Borussia Mönchengladbach : Darum könnte „Ex“ Lucien Favre die ideale Lösung sein

Lucien Favre ist für Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach der Favorit als Hütter-Nachfolger auf der Trainerposition. Hat sich der Spielerentwickler selbst weiterentwickelt?

Wären die Fohlen Zebras, die Diagnose stünde fest: Streifen verrutscht! Aber es dreht sich nicht um eine Geschichte von Janosch, sondern um die Zukunft und die Heilung von Borussia Mönchengladbach. Der Bär wäre ansonsten Roland Virkus, der besorgt ist um seinen kranken Freund, den kleinen Tiger, und verspricht: „Ich mach’ dich gesund!“ Doch statt den maladen Kumpel wie bei Janosch ins Krankenhaus zu begleiten, holt Gladbachs neuer Sportdirektor den Heiler lieber zum Borussia-Park.

Wahrscheinlich heißt er Lucien Favre. Und die Diagnose ist bereits vorzeitig gestellt und komplex. Es geht nicht nur um Abwehrprobleme, der Traditionsverein ist auf der Suche nach seiner Identität. Die ist ihm beim untauglichen Versuch, dem RB-Stil mit seinem Diktat des extrem frühen Pressings hinterherzuhetzen, verloren gegangen.

„Wir sind vom Weg abgekommen“, sagte Virkus. Der 55-Jährige will zurück zum Kern der verschütteten Philosophie: Talente, eigene und externe, zu entwickeln. Dem Ehrgeiz seines Vorgängers Max Eberl, dauerhaft Anschluss zu finden an Bayern München & Co., hat er abgeschworen. Die angestrebte Nähe ist unter Marco Rose und Adi Hütter spektakulär danebengegangen.

Konsolidierung, fußballerisch und personell, steht für den ehemaligen Nachwuchsdirektor an. Europäische Wettbewerbe? „Es kann ein bisschen dauern, da müssen wir realistisch sein“, sagte der 55-Jährige bei seinem Amtsantritt.

Eberls Abgang wirkt noch nach

Ein „Sportdirektor-Neuling“, eine Rückbesinnung auf alte Werte – da ist es wenig überraschend, wenn allen nur wenig der Sinn nach Experimenten steht. Kontinuität hieß einmal das große Zauberwort. Die jüngere Geschichte spiegelt das Gegenteil wider. Der Club war gleich drei Mal von allen guten Geistern verlassen. Speziell Verlust Nummer drei hatte über Jahre den Verein geprägt, sich zum Gesicht der Borussia entwickelt. Die Flucht von Max Eberl Anfang des Jahres erschütterte den Verein und seine Verantwortlichen bis ins Mark.

Seinen Ausgangspunkt hatte dieser Schock bereits in der Spielzeit zuvor. Roses Wechsel zum BVB anhand einer Ausstiegsklausel machte Eberl mehr zu schaffen, als er es jemals zugegeben hat. Diese Enttäuschung durch den Mann, in dem er einen Wegbegleiter für sein ehrgeiziges Projekt gefunden zu haben glaubte, war der Anfang seiner eigenen Flucht.

Lucien Favre war der Erste in diesem Reigen. Der Schweizer hatte 2011 den eigentlich bereits zum Abstieg verdammten Club in die Relegation gerettet und zum Klassenerhalt geführt. Bis zum 20. September 2015 prägte er eine Ära in Mönchengladbach. Er verlieh der Mannschaft eine Struktur, erwies sich nicht nur als Taktik-Redner, sondern vor allem Implanteur, beseitigte die auch damals vorhandenen Defensivschwächen und erarbeitete sich den Ruf eines exzellenten Spielerentwicklers.

Kein Wunder, dass sich die heutigen Verantwortlichen in der Krise an die Fähigkeiten ihres ehemaligen Trainers erinnern. Nun hört sich der Rückgriff auf eine Person der Vergangenheit nicht nach Aufbruch oder Umbruch an. Aber nach den Turbulenzen der letzten Spielzeiten geht es dem Club um Risikominimierung. Das beeinflusst natürlich auch den Sportdirektor-Novizen, der mit der Entscheidung für einen neuen Trainer zugleich auch an Profil gewinnen muss.

 Roland Virkus, Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach.
Roland Virkus, Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. Foto: imago images/Fotostand/Fotostand / van der Velden via www.imago-images.de

Aus Eberls Schatten herauszutreten ist extrem schwierig. Davor scheuten auch Kandidaten wie Schalkes Sportdirektor Rouven Schröder zurück. Der Griff etwa zu Daniel Farke, derzeit vereinslos, verspräche mehr neuen Wind durch einen jungen und unverbrauchten Fußballlehrer.

Trotz der erfolgreichen Zeit bei Norwich City bliebe aber ein Restrisiko: Der 45-Jährige besitzt null Bundesligaerfahrung. Favre dagegen neun Jahre bei Hertha BSC, Gladbach und Dortmund. Dazwischen liegen noch zwei erfolgreiche Jahre mit OGC Nizza. Der Haken, den Virkus lösen muss, ist aber gleich ein doppelter. Als Favre im September 2015 nach einer Derby-Niederlage beim 1. FC Köln, der fünfte Niederlage in Serie, und mit null Punkten als Tabellenletzter das Weite suchte, hinterließ er zwar enttäuschte Gladbacher, aber keinen Zweifel an seinen Fähigkeiten.

Borussia hatte sich an die fragile Psyche des Fußball-Tüftlers gewöhnt, konnte gut mit ihr umgehen und letztlich auch beherrschen. Der Club wollte trotz Platz 18 gerne mit dem detailversessenen Fußballlehrer weitermachen. Doch der sah offensichtlich keinen Ausweg aus einer fußballerischen Sackgasse: Sein Ballbesitz- und Spielkontrolle­system hatte sich inzwischen totgelaufen.

„Die Batterien sind aufgeladen“

Plan B existierte für Favre damals nicht. Stattdessen jagten ihn die eigenen Dämonen seines Perfektionsanspruch mehr denn je. Per Nachricht an eine Presseagentur gab er seine Demission bekannt, dennoch kam auch in den Folgejahren kein schlechtes Wort zum Abtrünnigen über die Lippen der Club-Macher. „Die Batterien sind aufgeladen“, verkündete der 64-Jährige Anfang des Jahres. Er müsse gegen den Ball treten, den Fußball riechen und das Adrenalin spüren. Allerdings nur bei einem Verein, von „dem ich zu 100 Prozent überzeugt bin“. Gladbach hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie ihm für seine Sensibilität das geeignete Umfeld bieten können. Anders als der BVB, bei dem er in 110 Partien einen Schnitt von 2,01 Punkten holte und dennoch entlassen wurde.

Virkus muss für einen Vertragsabschluss – wie beschrieben – zwei Fragen klären: Ist Favres Persönlichkeit stabiler geworden und hat er seine fußballerischen Ansätze in Nizza und Dortmund erweitert? Ein weiterentwickelter Entwickler: So wäre der Ex der ideale Hütter-Nachfolger, besonders auch durch seine Fähigkeit, mit den vorhandenen und künftigen französischen Jungprofis in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Am 30. Mai findet die Mitgliederversammlung statt (18 Uhr), auf der Virkus die Verpflichtung des „Neuen“ („Alten“) verkünden wird.