Vor dem Spiel gegen Stuttgart: Borussia und die Diskussion um mehr Tempo

Vor dem Spiel gegen Stuttgart : Borussia und die Diskussion um mehr Tempo

Montagmorgen Regenerationstraining, Dienstag Sprinttraining, Mittwochmorgen Sprinttraining, Mittwochnachmittag Sprinttraining, Donnerstag Sprinttraining, Freitag Sprinttraining (geheim!) – so könnte die Woche für die Fußball-Profis von Borussia Mönchengladbach ausgesehen haben, wenn man Trainer Dieter Heckings Worte entsprechend interpretiert.

Schließlich hatten seine Spieler am vergangenen Sonntag 0:2 in Leipzig verloren und dabei zwei Tore kassiert, die nur durch eine Erhöhung der individuellen Geschwindigkeit hätten vermieden werden können. War das wirklich so?

Natürlich sahen die Trainingseinheiten des 54-jährigen Trainerroutiniers anders aus. Und natürlich könnte ein Tony Jantschke Tag und Nacht auf der Tartanbahn oder an der Beinpresse arbeiten – der 28-Jährige würde nicht eine Milllisekunde schneller werden. Obendrein muss zur Ehrenrettung des Gladbacher Urgesteins gesagt werden, dass seine Verzweiflungsgrätsche beim 0:2 deshalb ins Leere ging, weil seine Vorderleute zuvor Fehler begangen hatten. Jantschke reizte all sein Vermögen, was in Sachen Tempo naturgegeben limitiert ist, aus, um auszubügeln, was speziell für ihn nicht mehr auszubügeln war. Ein Teamkollege wäre dazu in der Lage gewesen, Denis Zakaria, den die Bundesliga in der vergangenen Saison als zweitschnellsten Spieler (35,07 km/h) hinter dem Hannoveraner Ihlas Bebou (35,25) listete. Und auch Jantschke-Nebenmann Nico Elvedi hätte durchaus eine Chance besessen, wenn er sich nicht von den Leipzigern aus der Innenverteidigung auf die Außenseite hätte locken lassen.

Aber Schnelligkeit ist nicht alles. Natürlich hilft sie, in der Offensive etwa, wenn man Platz hat. Oder im Zweikampf mit einem durchbrechenden Stürmer. Doch der Fußballgott hat tempomäßig minderbemittelten Fußballern ein anderes Rüstzeug an die Hand oder besser an den Fuß gegeben, um ihre Defizite auszugleichen. Antizipation, schnelles Handeln, taktisches Verständnis. Jantschke wurde aus diesem Füllhorn reichlich bedacht, er ist das, was man einen intelligenten Spieler nennt. Und er besitzt obendrein einen anderen Vorteil: Mit ihm kann man Fußball spielen. Das ist nicht zwingend, auch nicht für Offensivspezialisten. Es gab immer schon Sprintstürmer, die mehr Leichtathleten waren, aber in dem Moment, wenn der Gegner die Räume eng macht, keine Antworten mehr für diese Herausforderungen besaßen. Jürgen Klinsmann war so jemand. Und letztlich gehört auch RB-Torjäger Timo Werner (35,02) zu dieser Spezies.

Gladbachs Stürmer Thorgan Hazard oder Alassane Pléa sind nicht so schnell, von Lars Stindl ganz zu schweigen. Aber sie sind mit dem Ball sehr fix, können sich einbringen ins Kombinationsspiel, sie sind einfach bessere Fußballspieler. Speziell Gladbachs Kapitän, der im reinen Sprintduell kaum einem Abwehrspieler wegläuft, beweist, wie man mit List, Intelligenz und Raumverständnis das Spiel extrem beschleunigen kann. Und so kam es nach dem Auftritt der Gladbacher in Leipzig zu gegenseitigen Respektbekundungen: Die Gladbacher sprachen beeindruckt von Laufmaschinen, die RB-Profis huldigten dem fußballerischen Vermögen der Gäste. Die Philosophien sind unterschiedlich, aber unterlag deshalb auch der Fußball der Leichtathletik? Natürlich haben Hecking und die sportlichen Entwicklungshelfer Max Eberl und Steffen Korell durchaus den Ansatz, auch das Tempo in der Abwehr zu erhöhen. Rechtsverteidiger Elvedi in die Zentrale zu ziehen, war so ein Schachzug. Aber eine Abwehr, die den Borussen vorschwebt, muss mehr können, als nur Bälle erobern oder ablaufen.

Aufbauarbeit ist gefragt und ein Repertoire an fußballerischen Lösungen für heikle Situationen. Deshalb holte Eberl Michael Lang als Elvedi-Nachfolger. Und trotz seines fatalen Abspielfehlers, der das 0:2 ermöglichte, überzeugte der Schweizer erneut. Qualität im Kopf, es gibt ein hochkarätiges Beispiel in Fußball-Deutschland, wie wichtig das ist. Jerome Boateng und Niklas Süle sind für Innenverteidiger extrem schnell. Doch das reicht nicht, wenn man mental nicht auf der Höhe ist. Hätte Max Eberl ein Labor im Borussia-Park, er würde versuchen, einen neuen Spieler zu klonen: Jantschke gemixt mit Werner oder Lukas Klostermann, beide RB.

Die ideale Kombination

Diese ideale Kombination ist aber mitunter auch ohne medizinischen Hokuspokus möglich. Gladbach besaß sie bereits, wenn auch nur, bis Andreas Christensen zu Chelsea zurückkehren musste, wo seine Fähigkeiten aber gar nicht so gefragt und geschätzt werden wie am Niederrhein. Und Gladbach besäße sie immer noch, wenn Pechvogel Mamadou Doucouré nicht seit fast zweieinhalb Jahren immer wieder von Muskelverletzungen zurückgeworfen werden würde.

Hecking setzt den Hebel an gewohnten Defiziten an: Fußball- statt Sprinttraining, um sich aus Drucksituationen befreien zu können, und strukturiertes Verteidigen, um Konter und Abwehrlücken zu verhindern. Das sind die Leipzig-Lektionen. Am Sonntag gegen den VfB wird es anderen Lehrstoff geben.