Borussia Mönchengladbachs Florian Neuhaus über Heimat und Karriere

Interview mit Florian Neuhaus : Wenn das Leben eine runde Sache ist

Er hat so gar nichts von seinem Mönchengladbacher Teamkollegen Mickael Cuisance: Florian Neuhaus ist ein Musterprofi mit natürlicher Bodenhaftung. „Schritt für Schritt“ plant und lebt der Mittelfeldspieler seine Karriere, erzählt der 21-jährige im Gespräch mit Bernd Schneiders. Und die kann noch erfolgreicher werden in diesem gelungenen Gemisch von Talent, Fleiß und Bescheidenheit.

Ihren Mini-Urlaub haben Sie mit Französisch-Unterricht und Bodybuilding verbracht, oder?

Florian Neuhaus: Ne, ne – die Schweizer Kollegen sprechen alle gut Deutsch und unsere Franzosen sehr gut Englisch.

Gut, bleibt das Krafttraining.

Neuhaus: Ich komme gerade aus unserem Kraftraum, in der Vorbereitung haben wir verstärkt Krafttraining, jetzt ist es übergegangen in mehr Sprinttraining.

Sie sind also nicht muskelbepackt im Trainingslager aufgetaucht?

Neuhaus: Nein, aber ich wusste schon, dass vieles unter dem neuen Trainer anders sein wird. Und das hat mich unglaublich neugierig gemacht.

So sehr, dass sie Ihren Urlaub nach der U21-EM verkürzt haben, um möglichst schnell zur Mannschaft zu stoßen. Das ist nicht alltäglich. Hatten Sie Sorgen, Ihren Stammplatz zu verlieren?

Neuhaus: Nein. Ich hatte vor der EM bereits ein gutes Gespräch mit Marco Rose geführt. Nach der EM bin ich noch mal kurz vorbeigekommen. Es ist so spannend, was gerade bei uns passiert. Da wollte ich einfach dabei sein. Nicht, weil ich Druck verspürt habe und dachte, ich müsste den Erwartungen gerecht werden. Ich habe mich auf das Neue gefreut. Und als ich wie es sich für einen richtigen Fan gehört auf Fohlen-TV die Jungs beim Spiel gegen den FC Mönchengladbach gesehen habe, war das schon ein komisches Gefühl. Ich war ich nicht mehr zu halten, ich wollte einfach dabei sein, ich musste zurück.

Und sind Sie bereits ein Pressing-Monster?

Neuhaus: Ich halte unsere neue Spielweise für einen sehr guten Ansatz. Und nicht nur ich: Wir sind alle davon überzeugt und haben richtig Lust darauf. Ich sehe es vor allem als Chance. Mir kommt es obendrein persönlich zugute. Ich bin keiner, der sagt: Oh, das passt jetzt aber gar nicht zu meinen Stärken.

Die mehr im technischen und fußballerischen Bereich liegen …

Neuhaus: Wir arbeiten im athletischen Bereich sehr hart. Aber es geht immer noch um Fußball. Und ich habe meine Stärken, die nach wie vor wichtig sind. Marcus Thuram und Alassane Pléa sind Kraftbolzen, die vorne den Ball festmachen können. Aber wir brauchen auch spielende Typen. Und das bin ja nicht nur ich. Auch Kollegen wie Chris Kramer, Jonas Hofmann und Tobi Strobl. Wir haben eine spannende Mischung.

Das Neue ist anspruchsvoll …

Neuhaus: Klar, es ist ein Lernprozess. Das geht nicht mit Links, nicht von heute auf morgen. Wir müssen noch die richtige Mischung finden. Aber jeder will. Die Feinabstimmung fehlt noch, die Abstände sind oft noch zu groß, aber wir machen es derzeit mit viel Fleiß wett. Wenn wir das aber richtig beherrschen, wenn wir den Ball hoch gewinnen, haben wir gefährliche Spieler vorne, dann scheppert’s direkt. Es wird dann sehr unangenehm sein, gegen uns zu spielen.

Ihr betreibt also derzeit noch einen zu großen Aufwand?

Neuhaus: Ja, wir laufen manchmal noch in Momenten an, in denen wir kaum eine Chance haben, an den Ball zu kommen. Du musst wahnsinnig intelligent defensiv und immer als Mannschaft handeln. Wir müssen alle gemeinsam in die richtige Richtung denken. Produktives  Anlaufen geht nur gemeinsam, wenn nur einer ins Gegenpressing geht, bringt das nichts.

Muss man sich Sorgen machen, dass Sie ihre Leichtigkeit, ihren Instinktfußball verlieren, weil Sie so viele Aufgaben im Kopf haben?

Neuhaus: Es ist ganz wichtig und das spricht der Trainer auch oft an, dass wir unsere individuellen Qualitäten nicht vernachlässigen dürfen. Die Taktik ist ja ein Stück weit auch nur eine Hilfestellung, um unsere individuellen Stärken zum Vorschein zu bringen. Wenn Alassane vor dem Strafraum ist, hat er die Qualität, das Ding zu machen. Und wenn ich ein bisschen Raum erhalte, habe ich die Qualität, den Pass zu spielen, damit er zum Abschluss kommt oder ich selbst zum Abschluss komme. Das hohe Pressing soll uns ja nur helfen, einen kurzen Weg zum Tor zu haben.

Marco Rose hat gefordert, dass Ihr auch härter zu euch selbst werdet. Stehen Sie nun öfter daheim vor dem Spiegel mit der Neunschwänzigen in der Hand und geißeln sich zur Abhärtung?

Neuhaus (lacht): Nein, natürlich nicht. Was der Trainer damit meinte ist, dass wir wissen, die entscheidenden Zweikämpfe nicht verlieren zu dürfen, dass wir uns bewusst werden, wie wichtig dieser Zweikampf ist. Und nicht denken, na gut, dann hab ich eben den Zweikampf verloren. Ich muss ihn gewinnen, koste es, was es wolle. In dem System kann ein verlorener Zweikampf entscheidend sein.

Passiert der Unterricht überwiegend praktisch auf dem Trainingsplatz?

Neuhaus: Dort wird immer wieder unterbrochen und korrigiert. Aber natürlich gibt es auch die Theorie. Videoanalysen etc. Taktikunterricht. Ich bin damit großgeworden.

Macht das auch Spaß?

Neuhaus: Ich find das sehr spannend. Und ich interessiere mich generell für Fußball, schaue auch in meiner Freizeit extrem viel.

Sie sind ein Fußball-Nerd!!!

Neuhaus: Das hört sich so abwertend an …

Also lieber Fußball-Verrückter?

Neuhaus: Ja, ich bin schon extrem interessiert. Habe jetzt auch wieder das komplette Pokalspiel-Programm von Freitag bis Montag geschaut. Ich finde es auch spannend, der Fußball entwickelt sich immer weiter, nicht nur bei uns.

Haben Sie überhaupt noch ein Leben neben dem Fußball? Sie verkürzen Ihren Urlaub, Ihre Familie ist fußballaffin und selbst Ihre Lebensgefährtin kommt aus dem Bereich, ist die Tochter von Fortuna Düsseldorfs Physiotherapeut-Legende Bernd Restle.

Neuhaus: Gibt es schon. Gut, meine Freundin war nicht so begeistert, dass ich die letzten Tage nur Fußball geschaut habe. Aber tagsüber können wir ja noch einiges unternehmen. Sie weiß das auch und akzeptiert das. Und schließlich ist sie damit aufgewachsen. Deshalb passt das ganz gut.

In Sandhausen war weder viel vom neuen Pressingsystem noch vom alten Ballbesitzfußball zu sehen. Zu sehen war viel Kampf.

Neuhaus: Wir wissen alle, dass es kein besonders gutes Spiel von uns war. Aber das hat nichts mit dem System zu tun. Sandhausen hat relativ schnell den langen Ball gespielt, und dann ging es um die Zweikämpfe, um die zweiten Bälle. Da ist uns in der vergangenen Saison uns oft vorgeworfen worden, dass wir da nicht so präsent, zu brav sind. Wir haben bewiesen, dass wir es können, auch wenn Sandhausen noch zu viele Chancen gehabt hat. Aber unter all den Umständen gab es nur eins: Weiterkommen! Und das haben wir geschafft und sollten das Spiel damit abhaken.

Und gegen Schalke wird alles anders?

Neuhaus: Bis auf den Sieg hoffentlich, ja. (lacht) Die Partie war wird sicher ganz anders. Mit einem Heimspiel zu starten, wird uns gut tun.

Das Auftaktspiel der vergangenen Saison habt Ihr gegen Leverkusen gewonnen. Da hatten Sie einen Glücksbringer im Borussia-Park. Dieses Jahr ebenfalls?

Neuhaus: Nein, mein Bruder Daniel ist im Urlaub. Aber ein Mailänder aus Kaufering kommt als Ersatz. Obendrein heißt er Felix mit Vornamen, Felix Mailänder. Mein bester Freund aus meinem Heimatdorf - mit der gleichen Aufgabe.

Sie haben aber auch sonst viel von ihrem großen Bruder profitiert, oder?

Neuhaus: Ja, wir haben immer zusammen gekickt, zu Hause im Garten und auf dem Bolzplatz in Kaufering. Er ist viereinhalb Jahre älter als ich, und so habe ich immer gegen Ältere gespielt, musste lernen, mich durchzusetzen. Er hat auch Talent, spielt immerhin in der Bayern-Liga. Er ist ein ähnlicher Spielertyp wie ich, aber hat es nicht in den Profifußball geschafft. Für ihn war es eben ungleich schwieriger. Ich hatte ihn, er hat mich immer unterstützt, er lebt und liebt den Fußball wie ich. Aber in einer wichtigen Zeit war er eben allein, und ich konnte mit ihm als Bruder und Fußballer aufwachsen und mich von klein auf entwickeln. Und ich habe bereits mit zehn die Chance bekommen, ins Nachwuchsleistungszentrum von 1860 München zu wechseln. Die hat er nicht bekommen.

Sind Sie denn ein Blauer oder ein Roter?

Neuhaus: Weder noch. Klar habe ich Sympathien, aber ich bin kein Fan, auch wenn ich durch Magenta mir die Spiele in der Dritten Liga anschaue. Fan war ich früher von Werder Bremen. Mein Vater aber war immer ein Roter, ein Bayern-Fan.

Also wäre es auch kein Problem für Sie gewesen, nach dem Abstieg von 1860 zu den Bayern zu wechseln?

Neuhaus: Nein, in diesen Fan-Kategorien habe ich nie gedacht.

Aber der Wechsel zu Mönchengladbach und dann sofort als Leihspieler für Düsseldorf aufzulaufen muss für Sie als 19-Jähriger und als Familienmensch extrem hart gewesen sein, oder? Statt der zweiten war es plötzlich die dritte Heimat.

Neuhaus: Ich hatte in meiner ersten Profisaison bei 1860 schon eine 30-Quadratmeter-Wohnung direkt am Trainingsgelände, in der ich gelebt habe. Aber klar. 600 Kilometer ist was anderes als 40 Kilometer. Doch ich war so glücklich und auch stolz darüber, ein Angebot von Borussia Mönchengladbach bekommen zu haben. Obendrein hatte ich zuvor auch mit Fortuna Kontakt, weil sie mich direkt verpflichten wollten. Ich hatte mit Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel und seinem damaligen Co Peter Herrmanns zwei super Bezugspersonen, auf die ich mich verlassen konnte. Ich bin mit Vorfreude dahingegangen, auch weil ich den Gedanken hatte, dass mir noch ein Jahr 2. Liga guttun würde. Ich wollte unbedingt Stammspieler sein, und dann den Schritt in die Bundesliga zu Borussia machen.

Eine Bilderbuch-Planung also?

Neuhaus: Ja, wenn ich das vorher hätte so skizzieren müssen, hätte ich es genau so skizziert. Es wurde eine Supergeschichte, und so ging es dann auch bei Borussia weiter.

So perfekt wie es dann gelaufen ist, Fortuna, Borussia, U21-Europameisterschaft: Wären da nicht mehr als zwei Wochen wichtig gewesen, um einfach mal innezuhalten? Hat Ihnen niemand dazu geraten?

Neuhaus: Das war theoretisch ein Thema, aber weil sie mich alle kennen: Ich mach mir schon Gedanken, aber Fußball ist einfach meine Leidenschaft, mein Sport. Wenn ich Pause mache und bei meinen Freunden in Kaufering bin, sind wir da gemeinsam auf dem Bolzplatz.

Hört sich romantisch an.

Neuhaus: Aber ist so. Ich habe immer noch meine vier, fünf Freunde aus den Kindheitstagen, mit denen ich schon im Kindergarten zusammen war. Wir haben zusammen bei der F-Jugend von VfR Kaufering gespielt. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, sie besuchen mich in Düsseldorf. Wenn ich bei Ihnen bin, kicken wir oder schauen uns Spiele im Landkreis an.

Kann dieser Florian Neuhaus, selbst wenn er einmal ein Superstar sein sollte, nie die Bodenhaftung verlieren?

Neuhaus: Ich habe ein unheimlich gutes Umfeld, meine Familie, meine Freunde, die mich immer wieder schnell runterbringen würden. Und wenn ich nach Kaufering komme, dann bin ich der Flo und nicht der Fußballspieler Neuhaus. Und zudem bin ich so erzogen worden, dass es keinen Unterschied macht, ob ich Fußballer bin oder wie mein Bruder als Industriemechaniker tagtäglich in Kaufering zur Arbeit gehe.

Hört sich nach einer starken Bindung zur Wirklichkeit an.

Neuhaus: Ja, ich weiß, was für einen Knochenjob mein Bruder mit seinem Schichtdienst hat.

Brüder von Superstars brauchen nicht mehr zu arbeiten …

Neuhaus (lacht): Das war bei uns nie ein Thema, zudem bin ich ja auch kein Superstar. Ich finde es auch für meinen Bruder wichtig. Er muss seinen eigenen Weg gehen, er ist Daniel Neuhaus und nicht der Bruder von Flo Neuhaus.

Noch haben Sie nicht den Status eines Neymar. Aber speziell in China während der Mannschaftsfahrt hat es um Ihre Person einen kleinen Hype gegeben. Sie standen bei den weiblichen Fans ganz hoch im Kurs.

Neuhaus: Ich habe mehrere Varianten gehört, warum ich da so gut ankomme.

Ich kenne nur die, dass es an Ihrem guten Aussehen liegt.

Neuhaus: Ja, das habe ich auch gehört. Aber es werden dort auch recht viele Spiele unserer U21-Nationalmannschaft im Fernsehen gezeigt. Obendrein soll mein Name Neu-Haus direkt ins Chinesische zu übersetzen sein. Bei Kramer geht das nicht.

In der Heimat ist es noch nicht so weit.

Neuhaus: Und wenn es dann mal so wäre, würde ich mich dennoch nicht ändern und würde immer der gleiche, eben Flo, sein.

Der dann im Sommer 2020 erneut seinen EM-Urlaub verkürzt?

Neuhaus: Ja, die Europameisterschaft und auch die Olympischen Spiele, zwei spannende Projekte. Das ist jedoch noch ein Stück zu weit weg. Aber man könnte sagen: Ich habe Blut geleckt!

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