Borussia Mönchengladbach: Saison des Umbruchs

Saison des Umbruchs : Marco Rose lenkt den Blick auf die Mannschaft

Nach dem 2:1 gegen AS Rom versucht der Mönchengladbacher Trainer die Thuram-Euphorie einzudämmen. Dennoch: Borussia steht im Kerngeschäft-Wettbewerb auf Platz eins.

Nur noch mal zur Erinnerung: Die Saison 2019/2020 war in den Augen der Mönchengladbacher Verantwortlichen zwanghaft eine Saison des Umbruchs – neuer Trainer, neue Spielidee, neue Spieler, alte Spieler, die „umerzogen“ werden mussten. Und jetzt nach zehn Spieltagen in der Fußball-Bundesliga und deren vier in der Europa League: Borussia steht im Kerngeschäft-Wettbewerb auf Platz eins, in der europäischen Klasse seit dem Sieg am Donnerstagabend gegen AS Rom auf Platz zwei, der den Übergang in die K.o.-Phase bedeuten würde.

All die rechnerischen Möglichkeiten fürs Weiterkommen aufzudröseln, dazu sah sich Marco Rose in der Pressekonferenz nicht in der Lage. Nicht nur nicht, weil er sich noch unter dem Eindruck des furiosen Paukenschlags in der letzten Minute der Nachspielzeit befand. „Ich war in Mathe eher Kreide holen“, bekannte der 43-jährige Fußballlehrer. Somit fügt sich immer mehr zusammen, was der in Leipzig geborene Rose alles nicht ist. Kein ausgebildeter Arzt, was er bekanntlich angesichts der Verletzungsmisere jüngst öffentlich bedauerte, und auch kein Zahlengenie. Was er aber offensichtlich besonders gut hinbekommt – um den Begriff meisterlich zu vermeiden – ist, eine Mannschaft zu einer selbigen zu formen, ihr einen tiefen Glauben zu vermitteln, aber all das nicht ohne eine strukturelle Form, die sich nur in alltäglicher Trainingsarbeit einpflanzen lässt.

Wer den Jubel-Orkan erlebt hat, der wenige Minuten zuvor beim 2:1-Treffer von Marcus Thuram durch den Borussia-Park fegte, musste Roses Gesichtsausdruck zumindest verwundern. Glücksstrahlend sieht anders aus. Die Mimik spiegelte eher eine tiefe Ermattung wider. Der dritte europäische Glücksmoment in letzter Minute (1:1 in Istanbul, 1:1 in Rom und jetzt das 2:1 im Rückspiel) hatte offensichtlich Spuren hinterlassen. Und dazu passte, dass er sein Unbehagen über die Journalisten-Fragen nicht verhehlen konnte. Artig aber eher gebremst ging er auf die verbalen Vorlagen ein, wie etwa die nach den Qualitäten eines Marcus Thuram.

Nicht verkneifen konnte er sich aber die Verwunderung oder gar Kritik, warum niemand „über unsere richtig gute erste Halbzeit“ sprechen wollte, „von unserer Mannschaft“. Die Suche nach Helden, die Individualisierung von Erfolgen behagt dem ehemaligen Salzburger Coach nicht. Sein Credo ist bei allem Lob und Anerkennung der persönlichen Leistungen von Thuram & Co. der Zusammenhalt, der Wille und der Glaube seines Teams. Das benötigt er – gerade auch in Zeiten zahlreicher Ausfälle durch Verletzungen – für sein Spielsystem, für die nächste Aufgabe am Sonntagmittag im Bundesliga-Spiel zu Hause gegen Werder Bremen (13.30 Uhr/DAZN), und natürlich auch in finalen Spiel-Situationen, wenn das Ergebnis eine Enttäuschung zu werden droht. „Wenn du es ein paar Mal so packst, glaubst du daran, dass es wieder funktioniert“, beschreibt er die Kraft der guten Ergebnisse. „Das kannst du aber nicht trainieren.“

Allerdings kommt es auch nicht wie der heilige Geist über Roses Fußball-Jünger. „Die Art des Trainer ist es schon, uns das mitzugeben“, erklärte Jonas Hofmann. „Nie aufzugeben, auch nicht, wenn es aussichtlos zu sein scheint.“ Das Sozialgefüge scheint in dieser Saison auf einem höheren Level zu sein, obwohl Mönchengladbach eh so gut wie nie die Heimat fußballerischer Stinkstiefel gewesen ist. „Wir sind ein Haufen, alle sind füreinander da, und da kann es auch schon mal passieren, dass einer von der Bank beim Tor-Jubel auf dem Platz die Gelbe Karte sieht (Christoph Kramer, gegen Wolfsberg gesperrt). Dieser Zusammenhalt kann viel bewirken“, sagte der Mittelfeldspieler. Auch einiges für das Spiel gegen Bremen. „Bis Sonntag gilt es für die Jungs, gut zu regenerieren und dann noch einmal alles rauszufeuern, was sie noch im Tank haben“, erläuterte Marco Rose.

Mehr von Aachener Zeitung