Bremen: Borussia — bestraft von einem „Stehgeiger“

Bremen: Borussia — bestraft von einem „Stehgeiger“

Auch wenn Marc-André ter Stegen bald für den FC Barcelona die Bälle hält, wird der gebürtige Mönchengladbacher auf ewig ein Borussia-Anhänger bleiben. Wie nah ihm das Wohl und Wehe dieses Fußballvereins geht, war am Samstag wieder im Weserstadion zu besichtigen, wo der Modellathlet im Stechschritt vom Rasen direkt in die Kabine eilte. Vollgepumpt mit Adrenalin.

Und so aufgeladen mit Zorn, dass der Schlussmann jedes Statement verweigerte. Es hätte später also gar nicht der ausschweifenden Kommentare der Kollegen bedurft, dass den frustrierten Fohlen das 1:1-Remis in der norddeutschen Tiefebene schlechter schmeckte als ein aufgewärmtes Kohlessen.

Ter Stegen konnte ja nichts dafür, dass in vorletzter Minute ausgerechnet der neue Bremer Stehgeiger Ludovic Obraniak den Ball ins Mönchengladbacher Tor schnippelte — der 22-Jährige hatte nicht mal mehr einen Hechtsprung angesetzt. „So ein Freistoß kurz vor Schluss ist extrem bitter. Wenn wir vorher das 2:0 machen, ist alles vorbei — ich habe das Riesending, der muss nur rein“, sagte der extrem schuldbewusste Patrick Herrmann.

Und Granit Xhaka fügte nicht minder enttäuscht an: „Wir müssen das Spiel gewinnen — fertig, Schluss, Aus.“ Max Kruse, der ehemalige Werder-Akteur, fand es „ein Stück weit unerklärlich“, warum in vielerlei Hinsicht verbesserte Gäste das frühe Geschenk durch Assani Lukimyas Aussetzer und Raffaels Führungstor (6.) nicht entschlossener ausnutzten, um im neuen Jahr den ersten Sieg einzutüten. „Das war einfach unnötig. Ich weiß auch nicht, warum wir immer so unkonzentriert sind.“

Die Entstehung der vermaledeiten Standardsituation in Strafraumnähe nach einem taktisch fehlerhaft ausgeführten Einwurf und einem Vergehen von Christoph Kramer an Zlatko Junuzovic hat Lucien Favre zwar einerseits bis ins Detail analysiert („ich bedaure das Tor, ein Foul dort ist unnötig und tödlich“), doch der Fußballlehrer kritisierte andererseits auch Grundsätzliches. Üben und üben empfahl er hinterher wortreich den Seinen für diese Arbeitswoche, „Ballbeherrschung und Ballannahme, da haben wir Probleme.“

Und wegen der „technischen Defizite“, so Favre in seinem Vortrag, „haben uns noch zehn Prozent Ballbesitz gefehlt.“ Das hörte sich beim pedantisch veranlagten Schweizer beinahe so an, als habe sein Team spieltechnisch und -taktisch versagt, was sich nun wahrlich nicht behaupten ließ.

Vor allem die gescheiten Umschaltaktionen trugen erheblich zum Unterhaltungswert dieser Begegnung bei, doch dummerweise nahmen es neben Herrmann auch Raffael oder Kruse mit der Zielstrebigkeit beim Abschluss nicht so genau — immer wieder brachten Bremer Abwehrspieler oder Tormann Raphael Wolf noch ein Körperteil dazwischen. „So viele Kontermöglichkeiten hatten wir lange nicht“, urteilte Favre, „es war ein schönes Spiel für die Zuschauer.“ Und der Vortrag diente als Beleg, dass die Elf vom Niederrhein auch ohne Juan Arango funktionieren kann. Der formschwache Venezolaner hatte beim Abschlusstraining über eine Adduktorenverhärtung geklagt und tauchte deshalb gar nicht im Kader auf.

Mutmaßungen, die plötzliche Verletzung beim Zauberfuß habe etwas mit dessen gesunkener Stimmung zu tun, brachten Sportchef Max Eberl hinterher mächtig in Rage. „Jeder will spielen, auch Juan. Das ist doch Unfug.“ Vertreter Branimir Hrgota, da war sich die Sportliche Leitung einig, habe eine ordentliche Leistung geboten. Was aus Eberls Sicht fürs Kollektiv galt. „Ich habe — wie schon in den ersten drei Spielen — keine schlechte Gladbacher Mannschaft gesehen. Trotzdem war das Ergebnis ärgerlich.“

Es ist irgendwie allen Beteiligten schwer gefallen, dem Punktgewinn etwas Positives abzugewinnen. Vielleicht musste man dazu österreichischer Staatsbürger und fast 34 Jahre alt sein. Martin Stranzl verkündete hinterher jedenfalls: „Natürlich ist ein Zähler aus vier Spielen zu wenig. Aber es wäre kontraproduktiv, jetzt nur Trübsal zu blasen. Es kommen neue Aufgaben.“ Samstag das Heimspiel gegen Hoffenheim etwa, bei dem Oscar Wendt wegen eines Innenbandrisses im linken Knie fehlen wird — wohl noch für zwei Monate.