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Mönchengladbach: Borussia anno 2018 und das große Fragezeichen

Mönchengladbach : Borussia anno 2018 und das große Fragezeichen

Max Eberl ist ein geschichtsbewusster Mensch. Schwerpunkt: nicht die ruhmreichen 70er und 80er Jahre, mehr die jüngere Vergangenheit von Borussia Mönchengladbach. Die Stoßrichtung seiner Forschungen, die er gerne und oft mahnend an die anspruchsvolle Anhängerschaft weitergibt, ballt sich zusammen in der Aufforderung: „Vergesst nicht, wo wir herkommen!“

Aus dem Fegefeuer der Erstliga-Tabelle, sprich Abstiegskampf, und noch ärger — aus der „Zweitligahölle“. Es bedarf nicht viel, um diese Geschichtslunte zu zünden, die Beschreibung der aktuellen Positionierung seiner Mannschaft als „Niemandsland“ reicht vollends. Speziell in einem Moment, da Borussia sich Samstagabend (18.30 Uhr/Sky Sport News HD)mit einem Spiel konfrontiert sieht, das in der guten, alten Zeit als „Clásico“ goutiert wurde: Das Duell mit Bayern München, das in jener länger zurückliegenden glorreichen Zeit stets auf Augenhöhe ausgetragen wurde. Den Begriff „Niemandsland“ also hält Gladbachs Sportdirektor für respektlos. „Wir stehen in einer sehr umkämpften und komplizierten Bundesligasaison auf dem achten Platz. Das ist für mich nicht das Niemandsland. Gegen solche Begriffe wehre ich mich.“

Wie einst — in der nicht mehr so glamourösen jüngeren Geschichte seines Vereins — als Verteidiger ist Eberl auch als Manager vor allem ein leidenschaftlicher Arbeiter. Und als solcher verteidigt der ehemalige „Wadenbeißer“ sein Lebenswerk — die Rückführung seiner Borussia ins obere Drittel der 1. Liga — wie eine Löwin ihre Jungen. „Da bin ich sensibel“, erklärt der gebürtige Bogener seinen jüngsten Ausbruch. Womöglich noch sensibler dadurch, dass es am Samstag zum Deutschen Meister geht, dessen Lockruf der Gladbacher tapfer widerstanden hat.

Man kann sich am vermeintlich despektierlichen Begriff „Niemandsland“ festbeißen. Aber er könnte durch den Begriff „mangelnde Identität“ erweitert und berechtigter werden. Das scheint auch viele Fans umzutreiben, und damit sind ausdrücklich nicht solche gemeint, die sich am vergangenen Wochenende durch Beleidigungen gegen Bibiana Steinhaus, tumbe Gesänge wie „Hecking raus!“ und „Wir woll‘n euch kämpfen seh‘n“ hervorgetan haben.

Borussia Mönchengladbach gibt derzeit Rätsel auf, und dieses riesige Fragezeichen drückt auch die vernunftsgesteuerten Rautenliebhaber. Wofür steht Borussia anno 2018 eigentlich? Was ist ihr fußballerisches Gesicht? Es ehrt Trainer Dieter Hecking, wenn er immer wieder betont, dass es nicht um seine Handschrift, nicht um seine Spielidee gehe, sondern darum, wie man mit dem Spielermaterial das beste für den Klub herausholen kann. Dieser Pragmatismus hebt sich angenehm vom extrovertierten Auftreten zahlreicher hochgelehrter Trainerkollegen ab — und ist auch für die Verantwortlichen des Traditionsvereins nach den extremen Persönlichkeiten Lucien Favre und André Schubert in all seiner Nüchternheit angenehm.

Doch er bedient nicht die Orientierungswünsche und erst echt nicht die Fantasie der Fans. So berechtigt auch Eberls Hinweise auf das Verletzungspech und die Jugendlichkeit vieler der Protagonisten sind, nicht erst seit den verstörenden ersten 75 Minuten gegen Hertha BSC kann man eher beurteilen, was Borussia nicht ist, als was diese Mannschaft darstellt.

Automatisierung fehlt

Sie ist keine Ballbesitzmannschaft mehr. Diese Favresche Qualität, die sich unter dem Schweizer totgelaufen hatte, ist peu à peu abhandengekommen — wohl auch, weil die Automatisierung der Ballstafetten und Positionsspiel unter seinen Nachfolgern nicht mehr Hauptbestandteil des Unterrichts sind. Auch der unstrukturierte Angriffsfußball Schubertscher Ausprägung ist Geschichte, ein Verdienst des Konsolidierungsexperten Hecking. Eine Umschaltmannschaft ist Borussia aber auch nicht und auch kein Konterteam, als das sie einst unter Favre den „Aufstieg“ starteten.

Woher stammt diese richtungslose Gemengelage, in die sich Gladbach hineinmanövriert hat, und in der das einstige Grundübel, die mangelnde Chancenverwertung, gar nicht mehr die große Rolle spielt? Stattdessen hat die Hecking-Elf mittlerweile etliche Sub-Probleme angehäuft. Eins davon ist das mangelnde Selbstbewusstsein, dass in Spielen gegen verunsicherte Gegner (Mainz, Köln) verhinderte, diese Chance zu nutzen und die taumelnden Teams aktiv und dominant zu Fehlern zu zwingen.

Auf dem Papier hat Hecking noch fünf Spiele Zeit zu zeigen, wo es fußballerisch für Gladbach hingehen soll. Aus dem Niemands- ein Jemandsland zu machen, das selbst auf Rang 10 existieren könnte. Doch der Besuch bei den Bayern muss herausgerechnet werden, fairerweise. Es ist „ein Bonus-Spiel“, wie Hecking sagt. Und statt Identitätssuche geht es wohl vor allem darum, es nicht zu einem Malus-Spiel werden zu lassen.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer - Hofmann, Elvedi, Ginter, Vestergaaard, Wendt - Kramer, Zakaria, Hazard - Drmic, Raffael