1. Sport
  2. Fußball

Kommentar zur Fußball-EM: Aus der Zeit gefallen

Kommentar zur Fußball-EM : Aus der Zeit gefallen

Am Freitag beginnt die Fußball-Europameisterschaft. Das Turnier sollte nie ein paneuropäisches Fest werden. Es ging und geht um den Kommerz, Corona hin, Pandemie her.

Das hat sich Michel Platini sicherlich ganz anders vorgestellt. Schließlich gehörte dem gewieften Franzosen schon oft die Hauptrolle – ob als Spielmacher der französischen Nationalelf oder später als Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa. Doch wenn ab Freitag in Rom, Baku, München oder sonstwo ein EM-Spiel angepfiffen wird, dann ist der Ideengeber dieses hoffentlich einmaligen Formats nicht zugegen.

Er ist, nun ja, abgetaucht. Hatte er in den 80ern kurz behost und mit der 10 auf dem Rücken den Gegnern Knoten in die Beine gedribbelt, ist er später in Anzug und Krawatte tief über jene Strippen gefallen, die er über Jahre zog. Das ist Geschichte.

Die wollte Platini auch schreiben, als er 2012 den fast schon revolutionären Plan einer paneuropäischen Euro formulierte; dies, während die EM in Polen/Ukraine lief, anderthalb Jahre bevor der Krimkonflikt Gewalt und Tote brachte. Und in der Tat, nicht nur vor diesem Hintergrund, sondern erst recht einer im Jahre 2021 desillusionierten europäischen Idee tut jeder Impuls gut, sich gegen Nationalismen zu stellen und für grenzüberschreitende Kontakte zu werben.

Doch schon damals wohnte dieser vordergründig – oder vielleicht: naiv betrachtet – hervorragenden Idee ein zynischer Beigeschmack inne. Und dass dieses Turnier mit einem Jahr Verspätung tatsächlich unter abstrusen Rahmenbedingungen durchgeknüppelt wird, bestätigt die Nörgler, die Kritiker. Schade.

Der Gigantonomie Rechnung tragen

Denn es ging und geht vornehmlich um den Kommerz, nicht um die Verwirklichung einer romantischen Vorstellung. Die paneuropäische Idee war Mittel zum Zweck, auch um die immer kostenintensivere Austragung eines solchen Turniers zu stemmen. Der Gigantonomie eines mit 24 Teams aufgeblähten Teilnehmerfeldes (inklusive eines unfairen Turniermodus‘) muss Rechnung getragen werden. Die nationalen Ligen haben schon ihren Schnitt gemacht, jetzt sind die Uefa und ihre Mitgliedsverbände dran. Der Euro muss auch in schlechten Zeiten rollen, Corona hin, Pandemie her.

Dass Platinis Nachfolger Aleksander Ceferin in diesem Jahr nur Spielorte zuließ, die garantierten, Zuschauer bei den Partien zuzulassen, setzt dem perfiden Spiel die Krone auf. Bilbao und Dublin schieden deswegen aus, ja wenn schon. Dann nehmen wir Sevilla und verteilen die anderen Paarungen auf London und Sankt Petersburg. Miles & More – aus Sicht der Uefa kein Problem. Die paar Flüge und Flugkilometer mehr, was soll’s.

Das visualisierte Netz der Flugverbindungen könnte die Verbundenheit eines Kontinents symbolisieren, heute steht es aber eher für den Irrsinn eines privilegierten Geschäftsmodells: Und so wirkt dieses Turnier nicht nur aus sozialer, sondern auch aus ökologischer Sicht wie aus der Zeit gefallen. Während Otto Normalbürger und Erika Mustermann gerade dabei sind, erste Freiheiten zu genießen, jettet der Fußball-Jetset mit Vollgas über den Kontinent. Bizarr.

Der Fußball ist auf dem besten Weg, seine Fans zu verprellen.