Aachen: Susanne Czennia ist dienstälteste Tivoli-Mitarbeiterin

Aachen: Susanne Czennia ist dienstälteste Tivoli-Mitarbeiterin

Gekommen ist sie im Sommer 1999, als die spektakulärste Phase des Klubs gerade begann. Alemannia begann Erfolge zu stapeln. Der Sinkflug war umso heftiger, aber Susanne Czennia ist an Bord geblieben — im Gegensatz zu vielen anderen. Anfang des Jahres waren noch einige Dutzend Leute beim Klub, jetzt sind es noch acht Festangestellte, ein Praktikant und ein Auszubildender — beide sind Spieler.

Christoph Pauli sprach mit der dienstältesten Mitarbeiterin und Assistentin der sportlichen Leitung über die Hinrunde, aber auch über die Historie.

Muss man den Verein lieben, um dabei zu bleiben?

Czennia: Ja, man muss an dem Klub hängen, um nicht wegzugehen. Ich glaube unverändert daran, dass wir, also Spieler, Trainer und Mitarbeiter gemeinsam etwas bewirken können und es wieder bessere Zeiten geben wird.

War es Liebe auf den ersten Blick oder ist die Zuneigung im Laufe der Zeit gewachsen?

Czennia: Ich war innerhalb weniger Tage richtig angefixt. Das Equipment war damals veraltet, die Leute haben gesagt, wir arbeiten wie in der Steinzeit in der Baracke am alten Tivoli. Es war spannend, lebendig, teamorientiert. Und mit dem ersten Heimspiel in der Saison (4:1 gegen die Stuttgarter Kickers/Tabellenführung) war es geschehen. Die Atmosphäre hat mich gefangen. Ich war sicher, dass ich in jeder Beziehung noch viel lernen konnte und es nie langweilig werden würde bei Alemannia.

Ist die Liebe mal erkaltet, gab es nicht die Sehnsucht, mal einen geregelten, weniger aufregenden, dafür sicheren Job anderswo zu übernehmen?

Czennia: Doch diese Sehnsucht gab es, aber sie hielt nie lange an. Natürlich haben wir uns hier die Frage gestellt, als die Insolvenz heraufzog, ob sich der Aufwand noch lohnt, der Verein noch gerettet werden kann? Als wir dann über das Ausmaß der Misere und den drohenden Zwangsabstieg unterrichtet wurden, war die Verzweiflung schon da. Aber die depressive Grundstimmung hielt nie länger als ein, zwei Tage an. „Wenn wir alle fest zusammenstehen, können wir es schaffen“, hat Leo Führen immer gesagt. Der Gedanke kam mir öfter. Deswegen konzentriert man sich auf die Dinge, die man beeinflussen kann.

War das 15. Jahr das turbulenteste?

Czennia: Es ist am meisten passiert, die Existenzangst war belastend und ist teilweise immer noch präsent. Aber die Zeit mit Erik Meijer war für mich persönlich schwieriger. Von heute auf morgen wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr mit zu Auswärtsspielen fahren dürfe, mich von der Mannschaft fernhalten sollte. Eine Begründung gab es trotz mehrfacher Nachfrage nicht. Das Gefühl war für mich schlimmer als in den letzten Monaten. Ich habe damals ständig gegrübelt, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Welche Reaktionen erleben Sie auf Alemannias Niedergang?

Czennia: Es gibt Häme, Beleidigungen, aber am schlimmsten ist das Mitleid. Beim Spiel in Siegen etwa hat man alte Weggefährten getroffen. Alle haben kondoliert und auf die Schulter geklopft „Na, wird schon wieder, das tut uns alles leid.“ Furchtbar.

Braucht der Verein noch Mitleid?

Czennia: Er braucht Verständnis, kein Mitleid. Über Alemannia ist kein Unglück hereingebrochen, sondern es sind viele Dinge falsch gemacht worden. Darum geht es: Die Fehler einzugestehen und mit Demut die Reparaturarbeiten anzugehen. Dieses Bewusstsein ist nach vielen Jahren hier wieder eingezogen. Jetzt freuen wir uns, wenn wir ein Mittagessen für die Mannschaft bestellen können. Außerdem ist die Dankbarkeit für kleine Erfolge zurück.

Was würde auf einem Wunschzettel stehen, wenn Sie ein Organigramm des Klubs zeichnen dürften?

Czennia: Der allerwichtigste Punkt, dass wir am Ende der Insolvenz einen funktionsfähigen Kreis von Menschen haben, die diesen Klub führen wollen. Dabei geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Und natürlich brauchen wir einen guten kaufmännischen Leiter. Ich fände es nicht verkehrt, wenn ein Jurist in den Gremien, ein Steuerfachmann, jemand, der sich in der Branche auskennt, der beurteilen kann, welche Leistung eine Mannschaft oder ein Trainer abliefern, wären.

Welche Leistung haben die Trainer und das Team in der Hinrunde abgeliefert?

Czennia: Es steht mir nicht zu, dass öffentlich zu bewerten. Ich erlebe die Trainer als sehr akribische Menschen, die mit viel Elan hier etwas aufbauen wollen. Reiner Plaßhenrich ist ungeheuer fleißig und zielorientiert wie man ihn auch als Spieler kennt. Peter Schubert ist eher ein ruhiger, strategischer, planender Mensch. Die beiden ergänzen sich sehr gut, meiner Meinung nach. Leider wird selten honoriert, was die Beiden unter den Umständen hier leisten.

Der Insolvenzverwalter hat kürzlich gesagt, dass alle Mitarbeiter an der Schmerzgrenze arbeiten.

Czennia: Das ist so. Es geht, es funktioniert. Aber die Belastung, die immer schon sehr hoch war, ist noch intensiver. Umso ärgerlicher ist es, wenn Leute in den einschlägigen Internetforen das Gegenteil behauptet haben. Das hat uns neben der Frage, wer hier bleiben darf, wirklich belastet. Wildfremde Menschen dürfen verbreiten, dass man faul, überbezahlt und unqualifiziert ist. Und die gleichen Menschen fordern bald darauf ein, dass der Standard/Service mit deutlich weniger Personal zu halten sei.

Ist der Verein personell und logistisch wieder auf dem Stand wie im letzten Jahrtausend?

Czennia: Das kann man so sagen. Aber es hat auch damals funktioniert. Wir sind mit kleiner Besetzung aufgestiegen und waren im Pokalfinale.

Bewegt Sie noch die Frage, wie es soweit mit dem Klub kommen konnte?

Czennia: Absolut, weil sie nicht beantwortet wurde. Ich weiß bis heute nicht nachvollziehbar, wie es dazu kommen konnte. Aus meiner Sicht ist es eine unheilvolle Verkettung von vielen Dingen. Es hat angefangen mit dem Entschluss das Stadion, an diesem Standort, in dieser Größe, in dieser Ausstattung mit dieser Finanzierung neu zu bauen. Parallel gab es eine negative sportliche Entwicklung. Aber die Konstruktion basierte darauf, dass der Sport nicht nur funktioniert, sondern sehr, sehr erfolgreich ist. Im ersten Jahr am neuen Tivoli hätten wir oben in der 2. Liga mitspielen sollen, und das neue Stadion sollte möglichst häufig komplett gefüllt werden. Es hat nicht funktioniert, weil auch weniger Geld in die Mannschaft investiert wurde. Und die Menschen, die die wirtschaftliche Situation im Blick haben mussten, Geschäftsführer und Aufsichtsratsmitglieder, wussten anscheinend keinen Ausweg mehr aus der Situation.

Es gibt große Sehnsucht nach dem nächsten Neuanfang, der bei Null und nicht bei einem Minus von einigen hunderttausend Euro anfängt?

Czennia: Ganz sicher. Und es gibt eine große Sehnsucht danach, dass hier Menschen, die Alemannia nicht als Durchgangsstation betrachten, kontinuierlich und ernsthaft arbeiten können. Es gibt eine Sehnsucht danach, dass hier wirtschaftlich vernünftig und mit der nötigen Geduld am Neuaufbau gearbeitet wird und dass man die Geduld für den Neuaufbau aufbringt.

Sie gelten als unverwüstlich optimistisch. Wann ist der Verein wieder drittklassig

Czennia: Ich will mich nicht aus dem Fenster lehnen, es ist aufgrund der Aufstiegsregelung ungeheuer schwer, aus der Regionalliga aufzusteigen. Ich denke, dass man in die Nähe kommen kann mit einem Drei-Jahres-Plan, der im nächsten Sommer beginnt, vorausgesetzt, es zieht Kontinuität an den entscheidenden Stellen ein.

E Wir berichten in loser Folge über die Fußball-Klubs von Alemannia Aachen, Borussia Mönchengladbach und des 1. FC Köln aus anderer Perspektive. In einer unserer nächsten Ausgaben folgt die Einschätzung von Professor Peter Schäferhoff, dem Mannschaftsarzt des 1. FC Köln

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