Pokalfinale zwischen Köln und Alemannia

Pokalfinale : Die „Fortuna-Gang“ und die finale Schlacht

Die größte Massenverabschiedung im bezahlten deutschen Fußball fand vor ein paar Tagen im Kölner Südstadion statt. Dort wurden bis auf ein paar Bälle verabschiedet: alle. Fortuna Köln löst nach dem Abstieg aus der 3. Liga die Spielbetriebs-GmbH auf, in der das sportliche Personal bislang angestellt war.

Vertrag hat nun niemand mehr, und so wurden alle Spieler, alle Trainer, alle Ärzte, alle Physiotherapeuten und alle Mitarbeiter vor dem letzten Heimspiel im Südstadion verabschiedet. Und auch Sponsor und Geschäftsführer Michael W. Schwetje ging von Bord, wohl ohne seine finanziellen Einlagen der letzten Jahre zurückzufordern. Für ihn hatten die Fans einen letzten Gruß gemalt: „Schwetje ohne Fußball-Sachverstand, dank dir fährt der Club aufs Bauernland“, stand auf einem Transparent.

So trostlos endete die Spielzeit von Fortuna Köln. Die Mannschaft ist verabschiedet, aber sie hat noch einen Termin: am Samstag steht das Mittelrhein-Pokalfinale gegen Alemannia Aachen an.

Auch Fortuna hat sich – wie alle Kölner Profi-Fußballvereine – entschieden, auf den letzten Metern der Saison noch einmal den Trainer zu wechseln. Oliver Zapel ist nun der dritte Übungsleiter dieser Spielzeit. Siege hat er in den vier Wochen nicht gesammelt, aber enorm viel Erfahrung. Der 51-Jährige ist bei einem Verein gelandet, der gerade ziemlich mit sich selbst beschäftigt ist. „Diese Zeit war ein Stahlbad“, sagt Zapel. „Es ist unglaublich viel passiert.“

Fortunas Abstieg lässt sich gut anhand der Trainer erzählen, die in dieser Saison angestellt waren. Im Herbst hat Langzeittrainer Uwe Koschinat unverhofft aufgehört, weil er einen Job in der 2. Liga in Sandhausen angenommen hat. Wie selten im Profifußball ist danach eine Mannschaft völlig kollabiert, das Betriebssystem funktionierte nicht mehr. „Wir waren auf die Situation nicht vorbereitet“, sagt Kristoffer Andersen, der Kölner Mittelfeldstratege mit Tivoli-Vergangenheit. „Die Mannschaft hatte Probleme, einen neuen Trainer anzunehmen.“ Nachfolger Tomasz Kaczmarek legte mit einem 0:7 und 0:6 nicht nur einen epochalen Fehlstart hin. Schlimmer war, dass Trainer und Team keinen Draht zueinander fanden. Ein paar Monate später hält Fortunas Präsident Hanns-Jörg Westendorf fest: „Wir müssen einfach sagen, dass er als Nachfolger die falsche Besetzung war: Koschinat war Typ preußische Erziehungsanstalt, sein Nachfolger Tomasz Kaczmarek war Typ Waldorfschule.“

Den Abstieg hat dann auch Kurzzeit-Trainer Zapel nicht mehr verhindern können, aber das Gefühl der Mannschaft sei besser geworden, sagt er. Sie ist frecher und aggressiver geworden. „Der neue Trainer hat gute Impulse gesetzt“, findet Kristoffer Andersen. Aber gegen Konzentrationsfehler und die eklatante Abschlussschwäche fand auch Zapel kein Gegengift in kurzer Zeit. „Wir müssen auch Qualitätsdefizite eingestehen“, sagt der Coach über eine Mannschaft, die sich am Anfang der Saison für die höchsten Tabellenregionen gerüstet sah.

Als die Saison 2018/19 abgerechnet wurde, hatte dann aber keine andere Mannschaft mehr Gegentore kassiert, und nur Lotte weniger Treffer selbst erzielt. Tore schießen ist nicht die Kernkompetenz der Mannschaft, und vor dem Finale sind zudem alle fünf Stürmer krankgeschrieben. „Wir werden ganz tief in die Trickkiste greifen müssen, um das zu kompensieren“, sagt Zapel.

Als Alemannia zuletzt in einem Pokalfinale gegen Fortuna Köln spielte, stand Kristoffer Andersen noch für die Aachener auf dem Platz. Es war das Insolvenzjahr 2013, das Team war schon vor dem Finale abgestiegen. Trostlose Zeiten, das Endspiel ging mit 2:1 an Fortuna. Nach dem Spiel wechselte der Mittelfeldspieler die Fronten. Noch zweimal haben sich die Wege der Teams im Pokalwettbewerb gekreuzt, Andersens Fortunen gingen jeweils als Sieger vom Platz. Es könnte sein, dass der Däne mit ständigem Wohnsitz in Eupen am Samstag sogar das letzte Spiel seiner Karriere machen wird, auch wenn er das so noch nicht bestätigen will. Der 33-Jährige war häufig verletzt, der Körper meldet sich.

Aachen trifft am Samstag auf eine Mannschaft, die nach dem Abpfiff auseinanderfliegen wird. Für die meisten Spieler ist die Zukunft vage. Nico Brandenburger bleibt durch seinen Wechsel nach Münster in der 3. Liga. Robin Scheu schließt sich Sandhausen an, der Ex-Aachener Dominik Ernst wird ebenfalls dort gehandelt. „Als Absteiger einen neuen Verein zu finden, ist nicht so einfach“, sagt Andersen. Er weiß, wovon er spricht, im Laufe der Jahre ist er einige Male abgestiegen: mit dem VfR Aalen, mit Osnabrück, mit Alemannia und jetzt mit Fortuna. Selten hat sich das so überflüssig wie in dieser Spielzeit angefühlt. „Wir haben viel Qualität in unserem Kader“, sagt Andersen.

Dieses allerletzte Spiel bietet noch einmal eine Gelegenheit, in die Notizbücher der Personalscouts zu kommen. „Wir sind Profis“, sagt der 33-Jährige, „und wir haben die Verpflichtung, uns für dieses letzte Spiel noch einmal zu straffen.“ Für die eher unglücklichen Fortunen ist das Finale sportlich die letzte Gelegenheit, zusätzliche Einnahmen zu sichern.

Auch Oliver Zapel ist verabschiedet worden, aber ein schnelles Comeback ist nicht ganz ausgeschlossen. Der verkündete Ausstand fällt ihm trotzdem schwer, die Mannschaft sei durch die vielen gemeinsam erlebten Emotionen in den letzten Wochen enorm zusammengewachsen. „Wir sind eine Gang geworden, die jetzt ein letztes Mal gemeinsam in eine Schlacht zieht.“

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