Alemannia-Keeper Jakusch psychisch erkrankt: Leistungssportler vorübergehend außer Dienst

Alemannia-Keeper Jakusch psychisch erkrankt : Leistungssportler vorübergehend außer Dienst

Am Morgen ist Niklas Jakusch wieder zur Arbeit gegangen. Der 29-Jährige ist Alemannias Fußball-Torwart, Bälle abzuwehren ist Beruf und Berufung zugleich. „Wie kann ich meiner Mannschaft helfen?“ ist sein Leitspruch, seitdem er den Teamsport betreibt.

So ein Torwart steht ja schon räumlich immer hinter seiner Mannschaft. Zuletzt aber gab es viele Wochen, in denen Jakusch das nicht mehr konnte. Er war und ist psychisch erkrankt. „Belastungsstörung“ nennen es die Ärzte, die verbunden ist mit depressiven Phasen. Der Körper des Leistungssportler funktionierte nicht mehr.

Der Verein hat seine Erkrankung verheimlicht, vor der Öffentlichkeit und zeitweise auch vor der Mannschaft. Jakusch leide an einer rätselhaften Viruserkrankung, hieß es. „Leider“, so sagt es der sportliche Leiter Fuat Kilic, „leider wird auch im Jahr 2019 eine psychische Erkrankung noch als Schwäche interpretiert. Im Fußball wird ein psychisches Leiden immer damit gleichgesetzt, dass jemand nicht mehr belastbar sei.“

Die eigene Verwundbarkeit einzuräumen, ist schwierig in der Wettbewerbsgesellschaft. Sie machen denjenigen, der sie einräumt, zur Zielscheibe. In den Stadien, selbst wenn sie nicht gut gefüllt sind, droht die Gefahr der Häme. Dieses Gift, das dort zu Hause ist, hält viele Betroffene davon ab, das zu thematisieren. Der Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld hat mal in einem Interview gesagt, als es um sein „Burnout“ ging: „Es wird nicht belohnt, ehrlich zu sein. Man wird zerrissen, und ich bin nicht bereit, mich zu opfern.“ Das ist 15 Jahre her, und vermutlich würde der 70-Jährige den Satz immer noch wiederholen (müssen).

Kein Grund, sich zu schämen

Niklas Jakusch findet, die Krankheit sei ganz sicher kein Grund, sich zu schämen. Er hat sich bereit erklärt, darüber zu reden. Wenn er seine Beschwerden beschreibt, sagt er, dass der er sich derzeit mit sich und seinem Körper nicht im Einklang befinde: Diese „Störung“ hat nichts mit dem Sport zu tun, es gibt dazu auch keine Vorgeschichte. Mit dem permanent vorhandenen Druck als Leistungssportler umzugehen, habe er längst gelernt, sagt er. „Das konnte ich immer in positive Energie umwandeln.“ Es gibt aus seiner Sicht einen anderen Auslöser: Anfang September erlitt sein Vater einen Infarkt, beim Sohn setzte bald darauf Panik ein. Sein Herz klopft ihm bis zum Hals, es rast, Jakusch spricht von einer „Herzneurose“ – der Angst vor einer eigenen Herzkreislauf-Erkrankung.

Er findet keine Ruhe mehr: Der Leistungssportler spricht mit niemanden darüber und zieht sein Pensum vorerst weiter durch. Aufgefallen ist das nie in der Kabine. Jakusch macht weiterhin überragende Spiele, und manchmal leistet er sich auch einen Patzer. Das ist das Los der Torhüter, dass sich ihre Fehler häufig sofort an der Anzeigetafel bemerkbar machen. „In der Woche nach einem Spiel hat er komplett verunsichert gewirkt“, sagt Kilic über seinen Torwart. „Etwas stimmte nicht, er war nicht frei im Kopf.“ Der Schlussmann wird kardiologisch, neurologisch und orthopädisch untersucht – ohne jeden Befund. Medizinisch gibt es keine Erklärung, aber die entwarnende Diagnose hilft Jakusch nicht. „Das ist schwer nachzuvollziehen, aber es fühlt sich anders an.“

Rund 5,3 Millionen Menschen erkranken in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Das Robert-Koch-Institut nennt Depressionen als eine der häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Experten gehen nicht von einer Zunahme der Erkrankung aus, sie wird lediglich häufiger diagnostiziert. Noch immer ist nicht erforscht, wie die Volkskrankheit entsteht. Fest steht nur, dass sowohl genetische als auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen und die Tragweite der Krankheit beeinflussen. Aber präzise weiß kein Psychotherapeut, welche Vorgänge im Kopf ablaufen und eine Endlosschleife der Verzweiflung auslösen. Forscher gehen unter anderem von einer Störung wichtiger neuronaler Netzwerke aus. Betroffene nehmen bestehende Probleme eher selektiv wahr. Die Depression sucht und findet die negativen Dinge im Leben und vergrößert sie. Depressive empfinden ihre Situation häufig als ausweglos, in Wahrheit verläuft die Krankheit typischerweise in Phasen, die nach ein paar Monaten wieder abklingen.

Mitte November zieht Jakusch, auch nach Rücksprache mit seinem Trainer, die Notbremse, sie beschließen einen Wechsel im Tor von Alemannia. Einerseits verlässt er die vertraute Welt, die ihm Sicherheit gibt. Aber andererseits wird ihm auch eine Bürde genommen. „Ich konnte das Gerüst nicht mehr tragen, es wurde zu viel.“ Er hat nicht mehr das Gefühl, seiner Mannschaft helfen zu können. Was immer sein Antrieb war, jetzt geht es nicht mehr. Der Sport bietet vorerst kein Ventil mehr für den Stress, weil sich der Körper nicht gut anfühlt. Jakusch spürt, dass es so nicht weitergeht. Er sucht Ruhe, aber die findet er schwer, weil er in solchen Phasen in sich hineinhorcht und den Herzschlag noch stärker empfindet.

Es ist ein kleines Glück, dass er einen Trainer findet, der akzeptiert, dass auch Profis nicht immer funktionieren (müssen). Fuat Kilic ist mit psychischen Problemen auch im eigenen Freundeskreis in Berührung gekommen. „Ich musste Fuat zu meinem Glück nicht suchen, ich hatte ihn“, sagt Jakusch mit ein paar Wochen Abstand. In anderen Klubs wäre er vermutlich allein mit dieser Problematik gewesen, befürchtet er. „Hier hat man versucht, mir zu helfen“, sagt er. „Dafür bin ich dem Verein und vor allem dem Trainer sehr dankbar.“

Ein Telefonat als Hürde

Der Torwart geht Ende des vergangenen Jahres eine Woche früher als die Mannschaft in Ferien, fährt zu seiner Familie nach Kiel, zu seinem Vater, dem es längst wieder besser geht. Sport betreibt er wochenlang nicht mehr, er nimmt eine Auszeit. Der Antrieb fehlt, manchmal ist schon ein Telefonat eine Hürde, manchmal schon eine Mahlzeit. Der Modellathlet verliert in dieser Zeit einige Kilo Muskelmasse.

Bei Holstein Kiel ist er groß geworden, er meldet sich dort wieder bei einem Mentaltrainer, den er aus früheren Zeiten noch kennt und der ihm hilft. Das Erkennen der Erkrankung ist die wichtigste Voraussetzung für die richtige und erfolgreiche Therapie. Jakusch muss erstmals in seinem Leben lernen, dass er psychisch gerade nicht so funktioniert, wie er will. „Das ist schwer zu akzeptieren“, sagt er. Zurück in Aachen arbeitet er weiter mit einem Psychologen.

Nach der Winterpause kehrt er dann in seine Mannschaft zurück. Eine Art „Wiedereingliederung“ beginnt, Jakusch bestimmt dabei selbst die Intensität der Belastung. Er muss seinen eigenen Rhythmus finden und soll sich „in Ruhe“ erholen, sagt der Trainer. Die Mannschaft wird gleich zu Beginn der Vorbereitung informiert, eine psychische Erkrankung ist auch immer eine He­rausforderung für das Umfeld. „Er soll den Rückhalt der Mannschaft spüren“, sagt Kilic. „Schließlich kann es jeden von uns erwischen.“ Der Trainer begrüßt, dass sein Torwart die Krankheit nicht versteckt, sondern offen damit umgeht: „Vielleicht kann sein Verhalten für andere Sportler mit ähnlichen Problemen auch befreiend wirken.“

Jakusch wünscht sich natürlich den normalen Kabinenton, aber er bittet auch um Verständnis, wenn er mal wieder abschaltet oder sich bei einem Mittagessen ausklinkt. „Ich brauche Zeit für mich“, sagt er. Seine Krankheit, den unfreiwilligen Begleiter in diesen Tagen, will er nicht verschweigen. Der Verein hat im Januar versucht, noch einen weiteren ambitionierten Torhüter zu verpflichten – das war mit der ehemaligen Nummer 1 so besprochen. „Mit dieser Idee wollten wir ihm allen Druck nehmen“, sagt Kilic. Ein paar Wochen später jedoch steht fest, dass kein neuer Schlussmann dazu genommen wird.

Das hängt mit Alemannias finanziellen Möglichkeiten, aber auch besonders mit der gesundheitlichen Entwicklung von Niklas Jakusch zusammen. „Er trainiert komplett mit, er ist auf einem guten Weg. Er kann gegebenenfalls bald schon wieder auf der Bank Platz nehmen“, sagt Fuat Kilic. Sein Torwart rückt auch sportlich wieder näher an die Mannschaft heran.

Sein Vertrag läuft im Sommer aus, aber auch das ist gerade nicht so wichtig. Es gibt keine zeitlichen Prognosen, und es gibt auch niemanden, der Tempo einfordert. „Ich muss wieder komplett Frieden mit Körper und Geist schließen“, sagt er. Der Mannschaftssportler ist gerade auf einem guten Weg, zunächst sich zu helfen.

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