Aachen: Fuat Kilic: „Hier muss sich jetzt was tun!“

Aachen : Fuat Kilic: „Hier muss sich jetzt was tun!“

Bereits in seine vierte Saison am Tivoli geht Fuat Kilic, was ihn bei Alemannia Aachen eindeutig zu einem Langzeit-Trainer macht. Die meisten seiner Spieler zogen hastig weiter im Sommer, der 45-Jährige blieb beim Regionalligisten, auch wenn es vielleicht ein paar lukrative berufliche Alternativen gegeben hätte. Schließlich hat Kilic gute Arbeit geleistet.

Die Redakteure Christoph Pauli und Benjamin Jansen unterhielten sich vor dem ersten Spiel am Sonntag (14 Uhr) bei Viktoria Köln mit dem Chefcoach.

Zuversichtlich vor dem Saisonstart: Fuat Kilic. Foto: Jansen

Herr Kilic, wie groß ist die Vorfreude auf die neue Spielzeit?

Fuat Kilic: Ein, zwei weitere Trainingswochen hätten uns gut getan, um die Arbeit abzurunden. Mit 17 neuen Spielern müssen die Abläufe halt neu eingeschliffen werden. Aber ich bin mit dem aktuellen Stand durchaus zufrieden.

Was kann diese Mannschaft besser, was schlechter als das Vorgängerteam?

Kilic: Wir können nach Ballgewinn klarer und strukturierter unsere Angriffe vortragen. Ganz vorne haben wir Tempo verloren, aber spielerisch sind wir besser aufgestellt.

In der Vorbereitung hat das Team selbst gegen höherklassige Gegner viele Möglichkeiten kreiert, um sie dann nicht zu nutzen. Wird Chancenverwertung die größte Herausforderung?

Kilic: Wir im Trainerteam sind erst einmal beruhigt, dass wir diese Chancen herausspielen. Der nächste Schritt ist es dann, die Effektivität zu erhöhen, damit wir uns besser belohnen. Wir haben durchaus talentierte Spieler, die die Sicherheit bekommen müssen.

Reichen die Bordmittel dafür aus, oder müssen Sie nachlegen?

Kilic: Wir sind in Gesprächen und sondieren den Markt, besonders nach dem Weggang von Junior Torunarigha. Wir hätten gerne einen baugleichen Spieler mit dieser Präsenz. Nach einem solchen Zielspieler fahnden aber gerade fast alle Klubs. Generell möchten wir aber unseren Angreifern eine faire Chance geben. Wir können nicht immer nur fordern, dass der Nachwuchs gefördert werden muss, wir sollten dann auch die Geduld aufbringen. Wollen wir also Marc Kleefisch noch einen Stürmer vor die Nase setzen, obwohl es schon jetzt sehr schwer für ihn wird?

Wie fällt Ihre letzte Saisonanalyse aus?

Kilic: Zum Ende hin ist es schwierig geworden, weil die Insolvenz immer noch lief, weil wir sportlich nach der Niederlage gegen Uerdingen den Anschluss verloren haben, weil viele Spieler sich intensiv gedanklich mit Angeboten auseinander gesetzt haben. Das hat ein paar Pünktchen gekostet. Aber nur zur Erinnerung: Mit ein paar Toren mehr, wären wir sogar Dritter geworden, deutlich über den Erwartungen.

Welche Überlegungen standen im Vordergrund, welche Spieler haben Sie angesprochen?

Kilic (grinst): Bezahlbare. Wir wollen mehr Ordnung in unser System bringen, nehmen dafür auch Tempoverlust in Kauf. Letztes Jahr haben wir manchmal Mann-gegen-Mann auf dem gesamten Platz gespielt. Das wird jetzt weniger unser Spiel sein. Wir wollen weniger Ballverluste und mehr Präzision haben. Das war zuletzt manchmal schon Ping-Pong, das wollen wir abstellen.

Die Mannschaft ist zum Beispiel mit Manuel Glowacz oder Mahmut Temür erfahrener geworden. Fehlte zuletzt Routine?

Kilic: Ja, das sind Spieler mit Erfahrung und bewiesener Qualität, die ein Spiel beruhigen und lenken können. Zudem sind sie auch Spezialisten bei ruhenden Bällen. Das Durchschnittsalter im letzten Jahr lag bei 22,8 Jahren, jetzt ist es im Schnitt ein Jahr höher. Wir sind gealtert, aber die Mischung ist besser.

Temür ist als möglicher Unterschiedsspieler ausgerufen worden. Wie fit ist er bereits, welche Pläne haben Sie mit ihm?

Kilic: Ich sehe ihn weit vorne als Bindeglied zwischen Mittelfeld und dem Stoßstürmer. Er kann von da aus das Spiel lenken. Bislang deutet er seine Qualität nur an, er ist erst bei 60, 65 Prozent seiner Möglichkeiten. Aber er nimmt die Herausforderung Alemannia an, auch wenn er schon ein bisschen von der Fußballwelt gesehen hat.

War für Sie absehbar, dass Sie wieder bei Null anfangen mussten, da fast alle Leistungsträger bis auf David Pütz, Peter Hackenberg und Alexander Heinze lukrativere Engagements angenommen haben?

Kilic: Zunächst nicht. Anfang April habe ich intern die Ansage gemacht, dass ich schnell klare Entscheidungen haben wollte. Mir wurde da teilweise zu viel gepokert oder auf Zeit gespielt. Ich verstehe die Jungs ja, aber mein Auftrag ist es, den Kader weiterzuentwickeln. Dass dann fast alle von Bord gehen, hätte ich nicht gedacht.

Haben Sie denn immer noch Lust, Jahr für Jahr den nächsten Neuanfang zu starten?

Kilic: Wir haben ein Entwicklungsjahr verloren, weil die Insolvenz nicht wie geplant im Winter, sondern erst im Sommer beendet war. Ich wollte weiter sein mit der Mannschaft, mehr Leistungsträger in Aachen halten. Das haben wir nicht geschafft, weil wir mit unserem Budget noch nicht mit anderen Teams mithalten können.

Jetzt ist Ihr Etat um etwa 200.000 Euro erhöht worden . . .

Kilic: Das klingt nicht schlecht, aber wir haben hier Spieler und Mitarbeiter gehabt, die zuletzt nicht einmal den Mindestlohn bekommen haben. Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, stand auch im Wort. Deswegen sind auch Gehälter aufgestockt worden.

Sie dokumentieren immer Verständnis, selbst wenn Spieler wie Junior Torunarigha ihren Vertrag nach ein paar Wochen wieder auflösen. Sitzen Sie in Wahrheit nicht in der Trainerkabine und zertrümmern das Mobiliar?

Kilic: Natürlich habe ich geflucht. Es tut weh, wenn Spieler sich gut entwickeln und dann wieder weiterziehen. Als wir den Vertrag verlängert haben, musste ich Zugeständnisse machen. Das ist legitim bei unserer Ausgangslage. Junior hat dann diese Chance erhalten und wir profitieren davon finanziell. Übrigens liegt die Summe nicht bei den 50.000 Euro, die teilweise veröffentlicht wurde. Sie ist niedriger, hängt auch von Faktoren wie Treffern und Einsätzen ab.

Entfernt man sich nicht mit jedem Neuaufbau weiter von der Tabellenspitze, weil man jedes Jahr ein neues Fundament gießen muss?

Kilic: Es wird immer schwieriger. RW Essen hat gerade nur Kamil Bednarski abgegeben und sich mit wenigen Spielern punktuell verstärkt. Es ist ein eingespieltes Team. Oder nehmen Sie unseren Auftaktgegner. Viktoria Köln wird vermutlich im Vergleich zum Pokalfinale im Mai nur eine Änderung vornehmen. Wenn etwas zusammenwächst, ist das immer vorteilhaft. Im Fußball gibt es aber auch Gegenbeispiele, das sich Teams schnell finden und eine schöne Eigendynamik entsteht.

Entwickelt sich der Verein nach Ihrer Beobachtung?

Kilic: Das ist schwierig einzustufen auch am Ende der Insolvenz. Sportlich passiert etwas, infrastrukturell werden wir allein gelassen. Unsere Rahmenbedingungen sind nicht gut. Auch die Stadt hilft uns nicht weiter. Der ehemalige Trainingsplatz unterhalb des ehemaligen Würselener Walls verkommt völlig trotz funktionierender Drainage. Beim Reitturnier war das nur noch ein Parkplatz. Wenn ich zudem die Ruine am Parkhaus sehe, tut mir das im Herzen weh.

Gab es schon mal Phasen, in denen Sie hinschmeißen wollten, weil wieder ein Neuanfang ausgerufen werden muss?

Kilic: Ich will nicht jammern. Wenn ich etwas zusammenstelle und anfange, will ich es auch entwickeln. Ich möchte Menschen ungerne enttäuschen. Vielleicht bin ich mit dieser Überzeugung zu menschlich für dieses Geschäft. Es kann also durchaus sein, dass ich deswegen schon berufliche Chancen verpasst habe. Ich möchte in Aachen Erfolg haben, aber klar ist auch: Hier muss sich jetzt etwas tun!

Warum hat der Verein bislang kein Saisonziel herausgegeben?

Kilic: Markige Vorgaben helfen uns nicht weiter. Ein einstelliger Tabellenplatz wäre gut. Wir müssen uns finden und dann schauen, wie weit es nach oben gehen kann. Das Team ist gut aufgestellt, aber wir müssen die Ruhe auch in schwierigen Phasen bewahren.

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