Aachen: Eine Vermisstenliste fast so groß wie der Profikader

Aachen: Eine Vermisstenliste fast so groß wie der Profikader

Angetreten ist Alemannias Aufsichtsrat mit dem hehren Ziel, den Verein zu konsolidieren und zu beruhigen. Die finanzielle Situation korreliert mit dem sportlichen Erfolg, der sportliche Erfolg hängt auch davon ab, wie ruhig oder unruhig so ein Verein unterwegs ist.

Am Ende der Saison steht das Fazit: So turbulent wie in dieser Saison ging es selten am Tivoli zu, und da ist die aufkeimende Debatte über gravierende Baumängel an der noch jungen Spielstätte nicht einmal berücksichtigt. Im Laufe der letzten zehn Monate ist eine Vermisstenliste fast so groß wie ein Profikader entstanden. Die wenigsten Mitarbeiter gingen freiwillig.

Als Erstes ging Reiner Plaßhenrich vom Hof. Der Schritt kam überraschend, weil er erst kurz zuvor den Vertrag als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums verlängert hatte. Die Vereinsikone fühlte sich nicht sonderlich ernst genommen. Es folgte der Torwarttrainer Ralf Westig, der zuerst in den Nachwuchsbereich abgeschoben wurde, ehe er später aufgab. Westig wurde eine zu große Nähe zu den Spielern vorgehalten.

Es folgte der Trainer. Christian Benbennek hatte einen rekordverdächtigen Start hingelegt, ehe sich die Mannschaft bald rekordverdächtig einträchtig gegen ihn aussprach. Die Profis wandten sich an den Aufsichtsrat, an den Manager — und als all das nicht half, griffen sie zur Feder und schrieben ihren Frust nieder. Weder mit Manager Alexander Klitzpera noch mit Benbennek noch mit seinem Co-Trainer Uwe Fecht wollten sie weiter zusammenarbeiten.

Benbennek musste gehen, sein Abschied stand schon vor dem Spiel gegen Lotte fest. Fecht kassiert in Abwesenheit sein Gehalt, weil sich kein neues Betätigungsfeld fand. Und der neue Torwarttrainer Markus Pröll räumte aus Solidarität ebenfalls freiwillig seinen Spind aus.

Damit war das Thema nicht erledigt. Ein paar Wochen später wurde weiter aufgeräumt: Bastian Müller, Frederic Löhe und Peter Hackenberg wurden suspendiert. Eine nachvollziehbare Begründung gab es nicht.

Die Mannschaft war zuvor grußlos nach dem letzten Spiel im Jahr 2015 vom Feld gegangen. Vorher hatte sie einen Kreis gebildet, Löhe und Hackenberg führten erkennbar das Wort. Aber dass da zur Rebellion aufgerufen wurde, bestreiten die Bestraften.

Inzwischen war auch der für den Sport zuständige Aufsichtsrat Thomas Deutz durch die Hintertür entwichen — aus „beruflichen Gründen“. Deutz war der Vorkämpfer dafür, dass die Stelle des sportlichen Leiters wieder eingerichtet und mit Alexander Klitzpera besetzt wurde.

Der neue Trainer Fuat Kilic stellte sich dem Stab vor — und erlebte, wie Jugendtrainer Harald Heinen entlassen wurde. Der Belgier hatte zuvor Klitzpera ins Gesicht geschlagen. Heinen war nicht der einzige Mitarbeiter des NLZ, der gehen musste. Im Laufe der Saison verschwanden drei Trainer, teilweise auch nach heftigen Vorwürfen, die zu (ergebnislosen) Ermittlungen der Staatsanwaltschaft führten. Auch auf der Geschäftsstelle wurden im Laufe der letzten Monate mehrere festangestellte Mitarbeiter aussortiert.

Klitzpera war der nächste prominente Mitarbeiter, dem vorzeitig Anfang April die Papiere in die Hand gedrückt wurden. „Wir mussten frühzeitig reagieren, um unsere Ziele für die nächste Saison nicht zu gefährden“, urteilte der Aufsichtsratsvorsitzende Christian Steinborn, der Klitzpera gegen den Chor der Kritik monatelang verteidigt hatte. Die Beurlaubung, der später die fristlose Kündigung folgte, war auch das Eingeständnis, dass der Aufsichtsrat gründlich danebengegriffen hatte, als er vor einem guten Jahr in der Zeit der größten Euphorie den Ex-Profi installiert hatte.

Auf der Vermisstenliste landete auch Simon Rolfes. Der Ex-Profi signalisierte sein Interesse, beim klammen Verein zu investieren. Nach einem Besuch im Datenraum war das Interesse schnell wieder erloschen. Und noch etwas verschwand in dieser Saison: der sportliche Erfolg.

(Auflistung ohne Gewähr auf Vollständigkeit)

Hier geht es zur Bilderstrecke: Alemannia in Lotte: Niederlage zum Saisonende

(pa)
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