Aachen: Domagoj Duspara: „Stark im Kopf, sonst wäre ich kaputt“

Aachen : Domagoj Duspara: „Stark im Kopf, sonst wäre ich kaputt“

Zuletzt hat Domagoj Duspara vor der größten Kulisse seines Lebens gespielt, vor 9500 Zuschauern. „Das war noch mal eine Extra-Motivation, ein sehr gutes Gefühl, eine positive Erfahrung“, und das Publikum bekam bei Alemannia Aachens 3:0 gegen Rot-Weiß Essen das erste Spiel zu sehen, „in dem ich ein anderes Bild von mir gezeigt habe“.

Das Bild eines endlich fitten Fußballers, der über Monate nicht so recht in Wallung gekommen war, ein enorm fleißiger Arbeiter, lauf- und kopfballstark. „Er hat auch in jedem Training eine sehr, sehr gute Einstellung, sieht immer die Mannschaft und versucht, seine Qualitäten für sie einzusetzen“, sagt Cheftrainer Peter Schubert. Unwahrscheinlich, dass der Mann mit der Rückennummer 23 Dienstagabend (20.15 Uhr/live bei Sport1) bei den Sportfreunden Lotte nicht erneut zur Startelf gehört.

Vater Ivica, eine Ikone in Linz

Es gibt wohl keinen weiteren Spieler im Kader, der eine solch spannende und abenteuerliche Geschichte über sich erzählen kann wie Duspara. Und an deren Ende der Satz steht: „Ich bin charakterlich stark im Kopf, sonst wäre ich schon längst kaputt.“ 1987 wurde „Dusi“ in Vinkovci im damaligen Jugoslawien geboren, er bekam den gleichen Spitznamen wie sein Vater Ivica, der 20 Jahre lang als Profi spielte. Die Familie ließ die Kriegswirren hinter sich — Domagoj war zwei Jahre alt — und siedelte über nach Linz. Beim dortigen LASK wurde Ivica Duspara zur Ikone, der Sohn begann im Klub zu kicken, und als sich die Lage in der Heimat beruhigt hatte, kehrte man zurück, nach Kroatien, nach Za-greb. Domagoj schloss sich Dinamo an, er brachte Talent mit und wechselte nach der U 14 in die Akademie von Sturm Graz. „Mein erster Trainer dort war Peter Schubert.“ In der Steiermark spielte sich Duspara zum U 17-EM-Teilnehmer für Kroatien empor.

Mit dem Ende des Juniorenfußballs begann für Duspara eine wahre Odyssee. „Dabei wollte ich mit 18 eigentlich aufhören“, nach dieser Geschichte mit dem Trainer im österreichischen Leoben. Dus-para hatte sich nach einem Bruch des Knies wieder herangekämpft, war einsatzbereit. Doch zuerst sollte offensichtlich Geld fließen, jedenfalls ließ der Trainer Dusparas Vater und Domagoj wissen, dass er welches brauche. „Ehrgeiz und Wille“, sagt Domagoj, hätten ihn dann doch von der Idee abgebracht, mit dem Fußballspielen aufzuhören.

Er ging zu NK Lucko Zagreb und schaffte als einziger Spieler eines kroatischen Zweitligisten den Sprung in die U 21-Nationalelf. Mannschaftskollegen: Ivo Ilicevic (jetzt Hamburger SV) und der heutige Bayern-Star Mario Mandzukic. „Sie hatten die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt um sich“, Duspara hadert nicht, „ich bin nicht unglücklich. Es war eine schöne Zeit.“ Er wechselte zu NK Celje in die erste slowenische Liga, ohne Angabe von Gründen wurde der Vertrag nicht verlängert, obwohl sportlich nichts dagegen sprach. „Und dann holte mich Peter Schubert nach Lübeck.“ Beim VfB erlebte Duspara seine bislang beste Saison, er schoss elf Tore, bereitete etliche Treffer vor, die Mannschaft spielte um den Aufstieg aus der Regionalliga Nord. Man schrieb den Sommer 2011.

Was Duspara seitdem erlebte: Insolvenz in Lübeck, von der Stammelf blieben nur drei Spieler. Trainerwechsel, „mit dem neuen Coach passte es nicht, obwohl wir keinen Streit hatten“, Duspara bekam unbezahlten Sonderurlaub. Er ging in die Landesliga Niederösterreich nach Kottingbrunn, „nur um wieder Spielpraxis zu bekommen“, bot sich in der Winterpause über Kontakte beim Nordost-Regionalligisten Torgelower SV Greif an und spielte dort drei Monate. Das Kapitel Deutschland schien 2013 beendet, Duspara trainierte auf dem Rückweg nach Kroatien noch zwei Mal beim Goslarer SC — und erhielt einen Vertrag. Trainerwechsel vor dem Saisonstart und die Ansage des Neuen: „Ich will Dich nicht.“ Über diese Information war Duspara „froh, das war korrekt. Es ist schlimmer, wenn man verarscht wird.“ Obwohl er im August noch drei Spiele machte, wollte er nur noch weg aus Goslar. „Es war zwar nicht viel, aber ich habe mich selbst aus dem Vertrag herausgekauft.“ Und kurz darauf bei Alemannia unterschrieben.

Den Trainer nicht enttäuschen

Peter Schubert war stets auf dem Laufenden über die Entwicklungen um Duspara. „Wir hatten seit der Zeit in Graz immer Kontakt“, sagt der 26-Jährige; unter keinem Coach spielte er öfter. „Dusi“ fühlt sich in der Offensive am wohlsten, „ist aber sehr flexibel“ und wurde von Schubert auch schon als Sechser eingesetzt. „Das ist schon verständlich, wenn die Leute über mich wissen wollen: Was ist der denn eigentlich? Mittelstürmer, hängende Spitze, Flügelspieler, Sechser? Ich sehe das von der positiven Seite, versuche auf jeder Position, das Beste herauszuholen. Und gerade meinen alten Trainer nicht zu enttäuschen.“

Bis 2015 läuft Dusparas Vertrag am Tivoli. „Vieles hat sich beruhigt in meinem Leben. Ich bin aus dem Loch raus und auf dem richtigen Weg, privat und sportlich.“ Frau und der bald zweijährige Sohn, die er schon mal über Monate nicht gesehen hatte, sollen bald von Kroatien nach Aachen kommen. „Hier bin ich froh und glücklich — nach allem, was ich durchgemacht habe. Ich sehe das als Prüfungen im Leben. Und denke und hoffe, dass die beste Zeit noch kommt.“

Mögliche Aufstellung: Löhe - Schumacher, Hackenberg, Hoffmann, Stevens - Garcia, Opper, Lejan, Dowidat - Marquet, Duspara

Schiedsrichter: Lennart Brüggemann (Rheine)

Bilanz gegen Lotte: 1 Spiel, 1 Niederlage

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