Aachen: Benbennek: „Wir wollen leidenschaftlich sein, nicht kopflos“

Aachen: Benbennek: „Wir wollen leidenschaftlich sein, nicht kopflos“

Der Auftakt jedenfalls war „riesig“. Alemannia startet in die Regionalliga-Saison 2015/16 mit einem 1:0-Erfolg in Ahlen, weil Jannik Löhden einköpfte. Der längste Spieler der Liga sicherte früh den Erfolg beim Aufsteiger. Grund für „riesige“ Euphorie war dieser Sieg aber noch nicht.

Die Vorstellung der Mannschaft des neuen Trainers Christian Benbennek war nicht sonderlich überzeugend. Für den 42-Jährigen gehören auch die ersten Partien dieser Spielzeit noch zur Vorbereitung. Das neue Team soll weiter zusammenfinden. Unsere Redakteure Klaus Schmidt und Christoph Pauli trafen sich mit Alemannias neuem Trainer zu einem ausführlichen Gespräch.

Das erste Saisontor: Jannik Löhden (Nummer 30) trifft per Kopf zum 1:0 für Alemannia in Ahlen. Foto: Digitalfoto Matthias

Was halten Sie von der These, dass man den Charakter des Trainers an der Spielweise der Mannschaft erkennen kann?

Benbennek: Da ist auf Strecke etwas dran. Die Frage zielt ja darauf ab, welche Charakterelemente des Trainers sich auf dem Platz widerspiegeln. Die Antwort: Die Fans und der Verein lieben eine besondere Art des Fußballs. Sie wollen Spieler sehen, die sich für Alemannia zerreißen. Die Verantwortlichen scheinen zu glauben, dass ich diese Einstellung verkörpere.

Glauben Sie das nicht?

Benbennek: Doch, ich weiß es, aber ich habe es noch nicht bewiesen. Wir wollen leidenschaftlich sein, aber nicht kopflos.

Es hat den nicht geplanten Wechsel vom feinen Fußballer Tim Jerat zum aggressiven Timo Staffeldt gegeben. Ist das vielleicht sogar ein Vorteil für Ihre Idee?

Benbennek: Ich mag Timo sehr, zu Drittliga-Zeiten war er für mich der beste Zweikämpfer, er ist ballsicher, kann ein Spiel lenken. Als sich aber der Weggang von Jerat abzeichnete, habe ich mich sehr über den Tausch gefreut. So einen Spielertypen wie Timo Staffeldt hatten wir vorher nicht. Die Liga wird hart, und mit ihm haben wir einen robusten Spieler, der sich wehrt und ein Zeichen setzen kann. Deswegen bringt uns ein Spieler wie er auch weiter.

Kommt der Trainer mit einer Spielidee vorbei, oder orientieren Sie sich an der Qualität der Mannschaft?

Benbennek: Beides trifft zu. Natürlich muss ich jeden einzelnen Spieler mit seinen Fähigkeiten kennenlernen, aber der Kader ist auch unter gewissen Aspekten zusammengestellt. Wir wollen die Liga annehmen, die Fans mitnehmen und begeistern. Und meine Aufgabe ist es, die Stärken unserer Spieler rauszuholen und weiterzuentwickeln. Das geht am besten, wenn man sie nicht in ein Korsett steckt, das sie hemmt. Dominik Ernst, um ein Beispiel zu nennen, steht nicht hinten und schließt die Flanke. Er will rennen, diese Stärke wollen wir nutzen. Fabian Graudenz ist kein Außenspieler oder klarer Mittelstürmer, er ist ein überragender Spieler auf der Halbposition - ebenso wie Bastian Müller.

Sie haben sich alle Spieler der Vorsaison auf der DVD angesehen. War das wichtig, um ein Profil zu entwickeln?

Benbennek: Es ging mir mehr um die Ausrichtung, um die Mentalität der Mannschaft.

Die Sie gerade ändern. Das Team tritt aggressiver auf.

Benbennek: Ja, das finde ich wichtig. Es gehört dazu, einen Gegner zu jagen, und Druck aufzubauen. Man muss es dosieren können, man kann sich auch mal für eine Phase zurückziehen, ohne passiv zu sein. An diesen Abläufen und dem Spielrhythmus müssen wir weiter arbeiten. Das muss sich entwickeln..

Die Mannschaft kreiert ausreichend Chancen. Fehlt Ihr wie im Vorjahr ein Vollstrecker?

Benbennek: Wir lassen noch viel liegen, da wollen wir uns verbessern. Wir haben nicht diesen einen Stürmer, der 20 Tore schießt. Wir werden diese Disziplin auf vier, fünf Positionen verteilen. Dazu soll noch eine hohe Qualität bei Standards kommen.

Was macht man als Erstes, wenn man eine Mannschaft übernimmt?

Benbennek: Wir haben sofort den Fitnesszustand mit einer Laktatanalyse kontrolliert. Es gab am Anfang viele Spielformen, um sich kennenzulernen. Die Integration hier hat rasend schnell geklappt.

Haben Sie Spieler in der Vorbereitung überrascht?

Benbennek: Aimen Demai hat mich schon bei der ersten Einheit überrascht. Wir haben vor der Saison telefoniert, er wollte an seiner Fitness auch in der Pause arbeiten und bat um einen Trainingsplan. Und so marschierte er schon bei der ersten Einheit als Kapitän vorneweg. Etwas anderes hat mich begeistert: Mit jedem Spieler gab es mindestens ein Gespräch: Wie ich den Spieler einschätze, wo ich Potenziale sehe, was verbessert werden kann. Kein einziger hat widersprochen, obwohl das - gerade von erfahrenen Spielern - möglich ist. Sie nehmen diese Hinweise an. Beispiel Raumdeckung bei Eckbällen: Die Spieler sind sehr offen für neue Dinge, sie wollen sich entwickeln.

Sind Sie ein nahbarer Trainer?

Benbennek: Ja, aber ich bin nicht der Freund der Spieler. Bei aller Nähe bin und bleibe ich ihr Trainer.

Brauchen Sie einen Strafenkatalog?

Benbennek: Den hat die Mannschaft selbst aufgestellt und mir gezeigt. Es geht mir um die Überschrift Disziplin und die richtige Wertung der verschiedenen Vergehen. Auch die Eintreibung der Strafen übernehmen die Jungs eigenverantwortlich.

Wie entwickelt sich die Zusammenarbeit mit Uwe Fecht, den Sie vorher nicht kannten?

Benbennek: Meine Kandidaten aus Niedersachsen konnten nicht mitziehen. Ich habe mich in der Szene erkundigt und bei ehemaligen Spielern von mir: Sein Ruf ist der eines fleißigen, akribischen Arbeiters, der ein abwechslungsreiches Training macht und fußballverrückt ist. Er kennt den Westen und den Fußball in der Regionalliga West. Wir haben uns kennengelernt, die Zusammenarbeit war vom ersten Tag an top. Für mich fühlt es sich so vertraut an, als wären wir schon ein Jahr zusammen.

Sie arbeiten zum ersten Mal im Westen. Finden Sie da eine andere Mentalität vor?

Benbennek: Im Rheinland sind die Menschen sehr offen. Ich genieße gerade diese Phase bei Alemannia. Man weiß ja nie, wie lange die Begeisterung anhält (lacht). Uwe Fecht ist so ein Paradebeispiel für den Rheinländer. Der hat durchgehend gute Laune.

Mit dem Wechsel ins Rheinland ist auch eine Trennung von Ihrer Familie verbunden. Wie schwierig ist es?

Benbennek: Unsere Tochter hat damit zu kämpfen. Vielleicht wird es besser, wenn sie bald sieht, wo der Papa arbeitet. Dann hätte sie ein klareres Bild. Bei Telefonaten will sie nicht, dass der Bildschirm eingeschaltet wird. Sie würde mich noch mehr vermissen. Sie freut sich enorm, wenn ich am Wochenende vorbeischaue. Das plane ich, so oft es geht.

Hat sich Ihre Trainerkarriere so ergeben, oder ist sie das Ergebnisses eines großen Planes?

Benbennek: Den Plan habe ich aufgegeben, als ich 2009 Wolfsburg verlassen habe. Damals war ich jünger, undiplomatischer. „Ich werde mit der A-Jugend Meister“, habe ich angekündigt. Das hat geklappt, aber wir sind im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am SC Freiburg und Christian Streich gescheitert. Ich habe immer davon geträumt, dass es ganz schnell nach oben geht. Dieser Traum ist vorbei, es wird länger dauern. Ich mache meine Arbeit so gut wie es geht, das ist der Anspruch. Alles andere ergibt sich - oder auch nicht.

Nach Ihrer Zeit in Braunschweig bis Mitte 2011 waren Sie bis zum Engagement beim SV Babelsberg fast ein Jahr arbeitslos.

Benbennek: Wenn Babelsberg sich nicht gemeldet hätte, hätte ich einen Monat später Hartz IV beantragen müssen. Kurzfristig habe ich tatsächlich überlegt, in den erlernten Beruf als Ergo-Therapeut zurückzukehren und mich selbständig zu machen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Babelsberg mich nicht verpflichtet hätte. Ein Ex-Profi hat ausreichend Rücklagen und kann jahrelang pausieren, bei mir ging es an die Existenz.

Ist Aachen die bislang größte Herausforderung in Ihrer Karriere?

Benbennek: Jede Aufgabe hatte ihren Reiz, in Aachen spüre ich die größte Verantwortung. Wir bekommen täglich die Sehnsucht mit, dass Alemannia wieder in höheren Klassen spielt. So gesehen ist es in der Tat die größte Herausforderung.

Übernehmen Sie gerne Verantwortung?

Benbennek: Definitiv, deswegen bin ich gerne gekommen.

Sie wirken unheimlich energiegeladen: Wo ist die Quelle für solche Power, haben Sie mal als kleiner Junge ein Turbine verschluckt?

Benbennek: Wirkt das so? Ich bin in der Tat sehr emotional, es ist nicht gespielt. Es geht immer um die Sache, ist nie persönlich. Aber ich kann auch sehr ruhig sein.

Über den Spieler Benbennek ist in der Literatur wenig bekannt?

Benbennek: Ich hab bis zum Alter von 19, 20 Jahren im höchsten Jugendbereich gespielt. Ich wollte immer Profi werden, Auge, Übersicht und Technik waren vorhanden, ich war aber zu langsam. Für höhere Bereiche hätte es nicht funktioniert, und Bezirksoberliga interessierte mich nicht. Deswegen habe ich mit 19 aufgehört. Wegen des Pädagogik-Studiums bin ich nach Oldenburg gegangen. Es war nichts für mich. Deswegen bin ich nach Wolfsburg gezogen, um eine Ausbildung zum Ergo-Therapeuten zu beginnen. Ich brauchte damals feste, strukturierte Tagesabläufe, sonst hätte ich das Leben vertrödelt.

Wie ist die Trainer-Idee aufgekommen?

Benbennek: Es gab sie nicht. Ein kleiner Junge mit erheblichen Koordinationsproblemen war bei mir in Behandlung. Wir haben uns ein bisschen angefreundet. Er durfte beim VfL Wolfsburg dabei sein, weil er der Sohn des Platzwartes war, er hatte ein Trikot, durfte aber nie spielen. Bei einem Spielbesuch habe ich den Ex-Profi Matthias Stammann kennengelernt, der vorübergehend die Kindermannschaft betreut hat. Er hat mich eingeladen, das Training mitzugestalten. Zwei Wochen später zog er weiter zur A-Jugend und ließ mich alleine bei der Mannschaft. So entstand ein Hobby nach der Arbeit. Und dann habe ich schnell die notwendigen Trainerscheine gemacht.

Sie sagen, Sie wollen, aber müssen nicht aufsteigen. Ist es in Wirklichkeit nicht so, dass Alemannia aus wirtschaftlichen Gründen dieser Liga möglichst schnell entfliehen muss?

Benbennek: Das Zitat ist nicht korrekt, vom Aufstieg habe ich noch nie gesprochen. Das Präsidium und der Aufsichtsrat nennt sich Team 2018, bis dahin sollte Alemannia die Liga verlassen haben. Natürlich will jeder aufsteigen, aber es zu müssen in dieser enorm ausgeglichenen Liga, in der nicht einmal der Meister direkt aufsteigt, wäre ein völlig unnötiger Druck. Es wäre nicht seriös, wenn wir als neu zusammengestellte Mannschaft mit neuem Trainer der Mannschaft einen solchen Rucksack aufschnüren würden. Wir wollen das beste aus dieser Mannschaft, das beste aus jedem Spiel herausholen, aber wir werden nicht ein Ziel formulieren, das uns noch weiter unter Druck setzt.

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