Aachen: Benbennek und Henßen: Meinungsaustausch vor dem Derby

Aachen: Benbennek und Henßen: Meinungsaustausch vor dem Derby

Es ist das erste Aufeinandertreffen der beiden Klubs in der Fußball-Regionalliga. Beide Teams kommen arg zerzaust zum Derby, in den letzten fünf Ligaspielen wurde jeweils nur ein Pünktchen verbucht. Während Friedel Henßen aber weiterhin ruhig beim Aufsteiger arbeiten kann, spitzt sich die Lage für seinen Aachener Kollegen Christian Benbennek zu.

Die beiden Trainer trafen sich vor dem Duell zum Meinungsaustausch.

Treffen vor dem Treffen: Die beiden Trainer Friedel Henßen (links) und Christian Benbennek lernen sich schon vor dem Derby kennen. Foto: Andreas Steindl

Am Freitag treffen zwei Teams aufeinander, die lange auf ein Erfolgserlebnis warten. „Den Spielern fehlt das Selbstvertrauen“ ist ein Satz, den Trainer in solchen Phasen häufig bei ihrer Analyse verwenden. Wie sieht es mit dem Selbstvertrauen der Trainer aus?

Treffen vor dem Treffen: Die beiden Trainer Friedel Henßen (links) und Christian Benbennek lernen sich schon vor dem Derby kennen. Foto: Andreas Steindl

Benbennek: Vielleicht habe ich mich mit den Randerscheinungen, mit der externen Kritik zu intensiv beschäftigt. Das habe ich zu nah herangelassen. Ich habe es stärker vor der Partie gegen Fortuna Köln ausgeblendet, was mir gut getan hat. Bei diesem Spiel ist das gute Gefühl zurückgekommen. Die Partie fühlte sich trotz der Niederlage wie ein Wendepunkt an.

Henßen: Man wäre falsch am Platz, wenn man resignieren würde. Für mich ist wichtig, dass man Woche für Woche erkennt, dass da eine funktionierende Mannschaft auf dem Platz steht, die sich wehrt.

Spieler sollen sich im Training wieder Sicherheit zurückholen. Wie machen das Fußballlehrer?

Henßen: Wenn du täglich was auf die Ohren bekommst, ist das Arbeiten schwierig. Ruhe bekommst du nur durch Siege. Als Trainer spürst du aber, wenn Verein oder Mannschaft nicht mehr hinter deiner Arbeit stehen.

Benbennek: Nach einer Niederlage ist das Lebensgefühl ganz anders. Nach Siegen kann ich viel besser regenerieren. Wenn es dann sogar mehrere Niederlage werden, vertieft man sich immer weiter. Es geht nur noch darum, die Trainingsarbeit so zu gestalten, dass diese Phase schnell vorbeizieht. Alemannia ist natürlich viel unruhiger als viele andere Vereine.

Sind Sie in einer privilegierten Situation, Herr Henßen, dass Sie elf Mal in Folge nicht siegen und dennoch nicht in Frage gestellt werden?

Henßen: Ich bin seit 2006 im Verein, habe selbst noch da gespielt. Später war ich Co-Trainer ohne Ambitionen. Mein bester Freund war Cheftrainer. André Sieberichs und ich sind zusammen aufgewachsen, waren Nachbarn, haben alles zusammen erlebt. Als er viel zu früh gestorben ist, habe ich das Team mit Dirk Ruhrig übernommen. Es hat sich gut entwickelt, wir sind immer besser geworden. Wir haben vor dem Aufstieg besprochen, was auf uns zukommt. Diesen realistischen Blick haben wir uns erhalten. Wir sind und bleiben ein Amateurverein, der sich entschieden hat, doch einmal das Abenteuer Regionalliga anzugehen.

Zählen historische Verdienste am Ende doch?

Henßen: Es sähe anders aus, wenn sich die Mannschaft nicht gut wehren würde. Trotz aller Misserfolge wird die Arbeit des Trainers vom Vorsitzenden und Mäzen Günter Stroinski geschätzt.

Haben Sie sich schon mit dem Abstieg angefreundet?

Henßen: Unser Ziel ist es, dass wir fünf Teams hinter uns lassen. Das war und ist schwer. Entscheidend ist, dass wir in jedem Spiel alles abrufen. Das klappt inzwischen, nachdem wir am Anfang Lehrgeld gezahlt haben.

Haben Sie als Trainer, Herr Benbennek, eine Sympathie für das kleine gallische Dorf, das sich gegen die anderen „Stämme“ wehren will, auch weil Sie in Havelse zuletzt unter ähnlichen Bedingungen gearbeitet haben?

Benbennek: Ganz sicher, auch wenn ich jetzt Euer Budget nicht kenne.

Henßen: Günter Stroinski spricht von 180.000 Euro.

Benbennek: In Havelse hatten wir etwa 300.000 Euro und lagen damit unter den letzten vier der Etat-Tabelle in der Regionalliga Nord. Mit dieser Underdog-Mentalität kann man, vor allem mit jungen Spielern viel bewegen. Wenn die Jungens gut mitziehen, bekommt man ein Fighter-Team. Insofern kann ich mir schon vorstellen, wie die Trainingswoche in Wegberg und die Ansprache vor dem Spiel ausfallen wird.

Wegberg-Beeck steckt nicht überraschend im Abstiegskampf. Haben Sie, Herr Benbennek, in den ersten Wochen bereits Signale entdeckt, dass die Aachener Mannschaft trotz vieler Siege keineswegs stabil unterwegs ist?

Benbennek: Ich hatte ein sehr gutes Gefühl nach den ersten sechs Spielen, auch wenn es da einiges zu verbessern gab. Wenn man zurückblickt, gab es ein paar Hinweise. Den Zusammenbruch in Wattenscheid in der zweiten Halbzeit haben wir alle als K.o.-Schlag empfunden, da gab es nichts schönzureden. Wir haben mit einer Aussprache reagiert, bauen die Trainingswoche anders auf.

Haben Sie sich intensiver mit der Kritik in Foren oder auf Leserbriefseiten beschäftigt, weil Ihnen die Intensität der Ablehnung neu war?

Benbennek: Nein, ich kenne so etwas auch aus der Zeit in Babelsberg. Damals waren wir im vorhersehbaren Abstiegskampf, aber der Verein hatte große interne Probleme. In Aachen ist das komplett anders, man muss hier gucken und verstehen, aus welcher Richtung der Wind weht. Ist die Kritik seriös, dann stelle ich mich jederzeit.

Ist die Kritik von außen gelenkt, unseriös oder erfunden, interessiert sie mich nicht. Ich habe den Eindruck, dass es in der Mannschaft seit dieser Aussprache sehr ruhig ist, das fühlt sich für mich überragend an. Wir sind in den vergangenen Tagen trotz der Niederlage viel mehr zusammengewachsen als in der starken Vorbereitung.

Wie blendet man aus, dass der eigene Jobverlust eingefordert wird?

Benbennek: Ich habe kein Problem, dass jemand meinen Rücktritt fordert oder „Trainer raus“ ruft. Mir ist wichtig, dass das Team nicht ausgepfiffen wird. Wenn man schlechte Arbeit macht oder faul ist, erhält man vom Chef irgendwann die Quittung. Ich brauche mir da nichts vorwerfen zu lassen. Wir formen gerade diese Mannschaft, alle Insider sehen, was wir gerade entwickeln.

Ich bin da entspannt. Auch wenn dieser Tag des Abschieds kommen sollte, wird er mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen wie damals in Babelsberg, als der Vertrag schon verlängert werden sollte, aber dann der Vorstand zurückgetreten ist. Es ist komplett anders, ich glaube aber nicht, dass es schnell vorbei ist. Ich habe in Aachen für zwei Jahre unterschrieben und will mit dieser Mannschaft in dieser Zeit aufsteigen.

Welche Bezugspersonen sucht man in dieser sportlich tristen Phase?

Benbennek: Alles Sportrelevante wird im Team besprochen. Mir tun aber auch Gespräche mit Leuten gut, die nicht aus dem Sport kommen und vielleicht den Fußball nicht einmal mögen. Die haben einen anderen, emotionsfreien Blick auf die Dinge.

Henßen: Wenn du Trainer — egal in welcher Liga — bist, bist du gedanklich immer mit dem letzten oder nächsten Spiel oder Training beschäftigt. Ich habe im Gegensatz zum Kollegen das Glück, meine Familie um mich herum zu haben. Aber klar: Du verlierst mit jeder Niederlage an Lebensqualität. Meine Frau hat mich kennengelernt, als der Fußball mich schon erfasst hatte. Sie hilft mir, in guten wie in schlechten Zeiten. Bei Heimspielen ist sie dabei, am Freitag kommt sie natürlich mit.

Ihre Frau wird gerade erstmals einen Mann an Ihrer Seite haben, der elf Mal nicht gewonnen hat.

Henßen: Sie hat schon viele Rekorde von uns erlebt. Wir haben 13 Mal gewonnen, 75 Punkte geholt, waren 25 Spiele ungeschlagen, und zehn Niederlagen in Folge hat auch noch keiner geschafft.

Wie ertragen Sie den Spott der Kollegen am Arbeitsplatz? Besteht die Gefahr, dass Sie noch mehr am Montag ertragen müssen?

Henßen: Natürlich wird es Flachs geben. Ein paar Arbeitskollegen sind extreme Alemannia-Fans, ich habe selbst mal in der U 19 am Tivoli gespielt, das ist schon ein besonderes Spiel. In den letzten Jahren haben wir meistens gegen Alemannia II auf dem Parkdeck gespielt. Jetzt dürfen wir in das große Stadion, das wird großartig.

Hört sich nach Hoffnung auf eine Überraschung an?

Henßen: Ich war bislang vor jedem Spiel positiv, weil ich immer den Eindruck habe, dass wir punkten können. Die Mannschaft wird diese Woche ordentlich trainieren und läuft dann beim Stand von 0:0 auf. Warum sollten wir also nicht punkten in Aachen?

Werden Sie zwei stabile Verteidigungsringe aufbieten?

Henßen: Wir lassen uns jetzt nicht in die Karten schauen. Wir haben noch viele Spieler dabei, die vor zwei Jahren im Pokal am Tivoli nur unglücklich durch eine Fehlentscheidung verloren haben. Wir kommen sicher nicht als Autogrammjäger nach hier.

Benbennek: Für Wegberg-Beeck steht das Spiel des Jahres an. Beim Spiel gegen Ahlen hat man gesehen, wie viel Leben in diesem Team ist. Es hat in der zweiten Halbzeit eine Scheißegal-Mentalität gezeigt, es zieht brutal mit.

Henßen: Wir haben hier nichts zu verlieren.

Benbennek: Außer das Spiel.

Sind Sie nach Startproblemen in der Liga angekommen, Herr Henßen?

Henßen: Einerseits ist das so, wie die knappen Ergebnisse gegen Essen oder Lotte zeigen. Aber es fehlt der letzte Tick, nicht das Glück. Wenn wir in Essen in der 89. Minute das 0:1 kassieren, hat das Gründe. Wir sind immer weiter zurückgewichen, dann flippert die Kugel irgendwann mal ins Ziel. Angekommen sind wir erst, wenn wir regelmäßig punkten.

Haben Sie noch den Eindruck, dass der Klassenerhalt machbar ist?

Henßen: Wir brauchen mal einen ersten Sieg, um ein Erfolgserlebnis zu haben. Es bleibt aber dabei, dass wir eine ganz andere Ausgangslage haben. Es hat Gründe, wenn uns am Ende manchmal ein paar Körner fehlen. Wenn wir am Freitagabend spielen, haben die Jungens schon eine Schicht im Beruf hinter sich. Die Gegner treffen sich morgens zum Anschwitzen, ruhen sich aus, essen noch eine Kleinigkeit zusammen. Wir arbeiten da noch.

Beim jüngsten Pokalspiel haben Sie sich in der Außenseiterrolle eingekuschelt. Ist es jetzt nicht wieder eine Art Klassenunterschied, obwohl die Teams in einer Liga unterwegs sind, Herr Benbennek?

Benbennek: Im Fußball lauert die Gefahr, einen Gegner zu unterschätzen. Unsere Situation sollte uns davor schützen.

Henßen: Ich würde es übrigens lieber sehen, wenn Aachen das Pokalspiel und davor sechs Spiele in Folge gewonnen hätte.

Benbennek: Wir haben in den letzten Wochen erfahren, dass nichts von alleine geht. Und die harte Arbeit macht ja auch Spaß. Dominik Ernst hat nach dem letzten Spiel gesagt: „Es fühlt sich ganz anders an.“ Nur so geht es — und nicht anders. Das ist die Herausforderung für uns. Eine Kopfsache.

Ändern Sie den Umgang mit der Mannschaft, von deren Leistung Sie noch mehr abhängig sind?

Benbennek: Ich würde die Ansprache ändern, wenn wir eine Siegesserie hinter uns hätten. Dann müsste man bei Kleinigkeiten dazwischen hauen, um die nötige Spannung zu erzeugen. In unserer Phase finde ich es wichtig, konzentriert und ruhig mit den Spielern umzugehen, um in ihre Köpfe reinzukommen.

Würden Sie sich die Aufgabe Ihres Kollegen auch zutrauen, Herr Henßen?

Henßen: Zutrauen würde ich es mir, aber es geht beruflich nicht.