Aachen: Alemannia: Van Eck geht, Scherr soll bleiben

Aachen: Alemannia: Van Eck geht, Scherr soll bleiben

Vor exakt acht Monaten hat René van Eck seine Arbeit am Tivoli aufgenommen. „Das fühlt sich eher wie zwei Jahre an“, hat er vor ein paar Tagen gesagt. Der 48-Jährige hat schon bei einigen Pflegefällen der Profibranche gearbeitet, aber die Ereignisdichte bei Alemannia ist dann doch einzigartig. „Es gab fast jeden Tag etwas Neues.“ Am Mittwoch gab es für den Rotterdamer neue Zahlen.

Manager Uwe Scherr stellte ihm den finanziellen Rahmen für die 4. Liga vor, in der das Team demnächst starten soll. Van Eck hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den Neuaufbau begleiten würde, auch wenn er noch nie so unterklassig trainiert hat.

Das Gespräch verlief ernüchternd für den Niederländer. „Ich kann das Angebot nicht annehmen.“ Der Trainer hatte bereits im September bei Alemannia Gehaltseinbußen gegenüber seinem bis 2014 laufenden Vertrag beim 1. FC Nürnberg (U 19-Trainer) akzeptiert. Im Winter musste er wie alle Beteiligten weitere Kürzungen hinnehmen — weil der Verein wie ein „crash test dummy“ vor die Wand gefahren wurde. Jetzt stünde die dritte Reduzierung innerhalb von acht Monaten an. Schon bei seinem Antritt am Tivoli hatte der Coach betont, dass das Wichtigste in seinem Leben die drei Kinder sind.

„Ich habe Verantwortung für sie und will sie unterstützen, das würde mit dem Gehalt aber nicht mehr gehen.“ Und auch die vereinbarte Zahlung für seine Ex-Frau wäre nicht mehr möglich. „Ich brauche nicht viel für mich, brauche kein großes Haus oder schickes Auto. Wichtig ist die Familie“, sagt van Eck. Jetzt plant er seine Rückkehr nach Luzern, wo seine Familie lebt. Er geht mit einem weinenden Auge. „Ich akzeptiere natürlich die neue Situation in Aachen, aber ich bin trotzdem gerne hier gewesen. Die Zeit hat mir viel bedeutet.“ Der Trainer hat eine klaglose Routine im Umgang mit all den Rückschlägen entwickelt.

Auch für Aachens Manager ist es kein leichter Abschied. „René ist einfach in Ordnung, er hat in dieser ganzen schwierigen Zeit nicht ein Mal gemeckert“, sagt Uwe Scherr. „Er hat nie seine positive Ausstrahlung verloren.“ Jetzt läuft am Tivoli, wo die Fluktuation auf der Trainerbank höher ist als im Liebesleben von Lothar Matthäus, die nächste Fahndung an. Uwe Scherr wird die Recherche vorantreiben. Der Sportliche Leiter soll erneut ein Team zusammenstellen. Mit den Sanierern Michael Mönig und Rolf-Dieter Mönning hat der 46-Jährige am Mittwoch ein perspektivisches Gespräch geführt. „Es sieht so aus, dass ich weitermache bei Alemannia Aachen.“ Es könnte auf einen Zweijahresvertrag hinauslaufen.

Das Projekt Manager/Coach in Personalunion scheint vom Tisch zu sein. Scherr ist als alleiniger Geschäftsführer in der nächsten Saison im Gespräch. Im Herbst, als Vize-Präsident Helmut Kutsch dem damaligen Geschäftsführer Frithjof Kraemer den Platzverweis erteilte, hatte Scherr noch wenig Lust auf diese Aufgabe. Er wollte nicht derjenige sein, der eine drohende Insolvenz beim Amtsgericht anmelden müsste. Inzwischen liegen die Dinge anders, Scherr würde die Aufgabe übernehmen, „auch wenn klar ist, dass ich nicht derjenige bin, der die Buchhaltung macht“. Klare Vorstellungen hat der Manager davon, wer in seinem direkten Umfeld arbeiten soll, und es gilt unverändert die Forderung: „Jeder Cent muss in den Sport gesteckt werden.“ Das gilt besonders für das Nachwuchsleistungszentrum, in dem sich der klamme Klub perspektivisch seine Spieler heranzüchten muss. „Wir werden intensiv versuchen, das bestehende Niveau zu halten.“

Ruhe herrscht im Verein noch lange nicht. Scherr kann in seinem E-Mail-Verzeichnis verfolgen, dass der Verein im Ausnahmezustand nicht zur Ruhe kommt. Hinter den Kulissen kracht es. Das Verhältnis zwischen den beiden Sanierern und den Förderern aus dem Wirtschaftsbeirat ist angespannt, weil sich die Herren aus dem Gremium vom Informationsfluss abgeschnitten fühlen. „Ich verfolge diese Hakeleien“, sagt Scherr, „aber ich werde mich da komplett raushalten.“

Stattdessen muss er nun wieder eine Mannschaft formen. Einen Abschied von Spielern wird es am Samstag nicht geben, vielleicht aber einen Abschied von einem Trainer, der gerne noch geblieben wäre.