Alemannia-Trainer Fuat Kilic spricht im Interview über seine Pläne

Fuat Kilic im Interview : Die nächste Saison beginnt am Freitag

Am Vorabend hat sich Fuat Kilic nach Wochen noch einmal mit ein paar Freunden getroffen. Für das Treffen hatte Alemannia Aachens Trainer nur einen Wunsch: Es sollte nicht um Fußball gehen.

Abschalten ist auch in der Vorbereitungsphase wichtig für den 45-Jährigen, der am Freitagabend mit dem Regionalligisten in den zweiten Saisonabschnitt startet. Benjamin Jansen und Christoph Pauli trafen sich mit ihm, um dann doch wieder über Fußball zu reden – und über seine sehr kurzfristigen, aber auch langfristigen Pläne am Tivoli.

Mit welchem Adjektiv lässt sich die Vorbereitung zusammenfassen?

Fuat Kilic: Durchwachsen. Wir hatten zwei gute Auftaktwochen, dann kam der Schnee, und wir mussten improvisieren. Häufig konnten wir in den Niederlanden auf Kunstrasen trainieren, aber manchmal war auch dieser Platz gesperrt. Weil wir nicht auf unsere Plätze ausweichen durften, mussten wir kreativ sein. Leider konnten wir aber nicht mit großen Spielformen im taktischen Bereich arbeiten, wie das geplant war. Mit diesem Problem werden wir nicht allein sein. Nur Vereine, die im Trainingslager waren, haben es nicht.

Am Ende der Vorbereitung sind Ihre Spieler nun bessere Badmintonspieler?

Kilic: Wir haben einen Ausflug in diese Sportart gemacht. Sie deckt viele Bereiche ab, die auch im Fußball relevant sind: Handlungsschnelligkeit, Aufmerksamkeit, Sprungkraft. Es ist generell ja auch immer unsere Idee, vom Trainingstrott abzuweichen, um den Kopf auch anders zu belasten. In der letzten Phase haben wir uns wieder spezifisch auf das Spiel gegen die U 23 des 1. FC Köln vorbereitet.

Hatte die Vorbereitung mit wechselnden Böden personelle Auswirkungen?

Kilic: Es gab kaum muskuläre Probleme, aber Patrick Salata und Robin Garnier hatten zwischendurch Probleme mit den Adduktoren. Allerdings haben wir auf dem Parkhausplatz Neuzugang Florian Rüter, der erst ab Montag wieder einsteigen kann, früh mit einem Bänderriss verloren.

Daniel Zeaiter hatte erklärtermaßen seine Bewährungschance bis zum Jahresende. Steht nun erneut ein Torwartwechsel zu Leon Tigges an?

Kilic: So zeichnet es sich ab. Wir wollen sehen, wie sich Leon im Wettkampf verhält. Der Konkurrenzkampf ist neu entfacht. Und ich bin froh, dass auch Niklas Jakusch wieder auf einem guten Weg ist, deswegen haben wir die Suche nach einer neuen Nummer 1 auch nicht extrem forciert und unrealistische Forderungen von Klubs nicht erfüllt.

Sie haben in der vergangenen Saison bereits mehrfach den Torwart gewechselt. Was macht es so schwierig, eine klare Nummer 1 zu finden?

Kilic: Auf dieser Position gilt genauso das Leistungsprinzip. Warum soll ich einen Torwart anders bewerten? Wenn ich den Eindruck habe, dass der Spieler der Mannschaft diesen Rückhalt nicht gibt, muss ich reagieren. Das ist ja immer auch ein Signal an die Konkurrenten, dass sie bei entsprechender Trainingsleistung auch im Wettkampf eine faire Chance erhalten.

Wie war der Kaderplaner Kilic mit dieser Transferperiode zufrieden?

Kilic: Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten reagiert und mit Florian Rüter einen guten Spieler zurückgeholt. Ansonsten war es mir wichtig, dass wir eventuell noch Mittel in die neue Saison mitnehmen können. Wir haben gute Jungs hier, es gab keinen Anlass, Transfers zu erzwingen. Die sind im Winter ohnehin komplizierter.

Sie wollten dennoch Ersatz für die abgewanderten Joshua Holtby und Marc Kleefisch und die Langzeitpatienten Sebastian Schmitt und Kai Bösing holen.

Kilic: Ja, eine Planstelle hätten wir gerne noch besetzt. Aber andere Vereine sind mit einem größeren Portemonnaie unterwegs. Wir haben uns auch um Spieler wie Lucas Musculus und Jonas Erwig-Drüppel bemüht, die jetzt zu Viktoria Köln oder RW Essen gegangen sind. Nicht zum ersten Mal, aber wir sind da nicht konkurrenzfähig.

Wie schiebt man eine Mannschaft in den restlichen Spielen der Saison an, wenn es die großen Ziele nicht mehr gibt?

Kilic: Wir machen den Spielern deutlich, dass sie Verantwortung haben. Als Berufsfußballer steht man immer in der Bringschuld. Und mancher spielt für einen neuen Vertrag vor. Wir werden und wollen nicht jedem ein Angebot unterbreiten. Wir sind aber mit vielen im Gespräch, wollen sie hier halten, und sie werden sicher den Fans beweisen wollen, dass das die richtige Idee ist.

Das Wetter sorgte für eine „durchwachsene“ Vorbereitung der Alemannia. Foto: zva/Benjamin Jansen

Wie viele Spieler haben schon Angebote erhalten?

Kilic: Ein Dutzend.

Offiziell gibt es bislang nur die Zusage von Robin Garnier.

Kilic: Es gibt schon mehr Spieler, die unser Projekt spannend finden und bleiben wollen, teilweise auch länger als ein Jahr. Wir können die Zusagen natürlich erst publik machen, wenn ein Vertrag unterschrieben ist.

Der Kaderplaner kennt seinen Etat­rahmen für die nächste Saison bereits. Wird er wieder bei 1,2 Millionen für den gesamten Sportbereich liegen?

Kilic: Er bleibt unverändert, sagt der Aufsichtsrat. Ich hoffe natürlich, dass der Etat noch aufgestockt wird, wenn der eine oder andere Sponsor erkennt, was für eine gute Arbeit hier geleistet wird. Zudem gibt es noch das Ziel, die erste Hauptrunde im DFB-Pokal zu erreichen. Auch das würde uns mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen.

Wird der Kader in der nächsten Spielzeit anders aufgebaut?

Kilic: Mit dem vorhandenen Budget wollen wir zunächst in die Qualität von 15, 16 Spielern investieren. Darauf wird der Fokus liegen, mit dem Risiko, dass wir in der Breite nicht so gut aufgestellt sein werden. Der Kader würde dann mit „Überraschungsspielern“ aufgefüllt, die zwar preiswerter sind, aber Potenzial und Perspektive haben.

Der Kaderplaner bastelt aber an einem Aufstiegskader.

Kilic: Es soll ein Kader werden, der oben, idealerweise ganz oben mitspielen kann.

Wie wichtig ist die A-Jugend in diesem Kontext?

Kilic: Wir laden permanent Spieler zum Training ein. Natürlich ist es das Ziel, Spieler aus der eigenen Jugend heranzuführen. Wir beobachten aber, dass uns die Top-Spieler aus dem jüngeren A-Jugend-Jahrgang weggeschnappt werden. Das waren Leute mit Perspektive. Wir haben da einen sehr interessanten Spieler, den sich Fortuna Düsseldorf schon geangelt haben soll. Seltsamerweise dürfen solche Vereine den Nachwuchs aufstellen, während wir so junge Spieler nicht in der ersten Mannschaft einsetzen dürfen, bis sie 18 Jahre alt werden. Das ist eine Regelung, bei der mit zweierlei Maß gemessen wird.

Lassen Sie uns einen Blick in die Ferne schweifen. Sie haben angekündigt, dass die Saison 2019/20 die letzte als Regionalliga-Trainer sein wird. Gleichwohl könnten Sie sich vorstellen, auch danach am Tivoli in anderer Funktion zu bleiben. Das klingt nach einer Aufgabe als bezahlter Sportdirektor?

Kilic: Das ist eine Möglichkeit. Es wäre nicht verkehrt, wenn ich mir nach der kommenden Saison – falls uns der Aufstieg nicht gelingen sollte – eine Pause nehmen würde, um ein bisschen Energie zu tanken und parallel dazu etwas vorzubereiten. Da gilt es vor allem, die Strukturen zu verbessern. Die tägliche Arbeit auf dem Platz und der zusätzliche Job als Sportlicher Leiter zehrt schon an einem. Obwohl die Wintervorbereitung jetzt gerade erst vorbei ist, beschäftigt man sich neben der Meisterschaft mit der Kaderplanung für den Sommer.

Ist es denkbar, dass sich der Verein in absehbarer Zeit wieder einen bezahlten Sportdirektor leistet?

Kilic: Das weiß ich nicht. Man braucht aber auch nicht zwingend einen reinen Sportdirektor in unserer Situation in Aachen. Ein „Kadervorplaner“ wäre sinnvoll, der gut vernetzt ist, aber nicht über dem Trainer steht. Er muss die Philosophie des Trainerteams kennen, potenzielle Neuzugänge sichten, und wenn der Chefcoach dann sein Okay gibt, alles unter Dach und Fach bringen. Eine Mischung aus Scout und Sportlichem Leiter wäre perfekt. Das müsste man spätestens nächsten Winter in Betracht ziehen. Aber das ist Zukunftsmusik. Wichtig ist, dass sich die Rahmenbedingungen kontinuierlich verbessern. Dann kann man auch Visionen haben. Wenn ich das sehe, kann ich mir auch vorstellen, zehn oder 20 Jahre für einen Verein wie die Alemannia zu arbeiten.

Wie könnten sich die Rahmenbedingungen kurzfristig verbessern?

Kilic: Ein weiterer Trainingsplatz wäre sehr wichtig für den Verein, dann hätte auch unsere Jugendabteilung eine Spielstätte hier am Tivoli. Unsere A- und B-Jugendlichen trainieren aktuell fast nur auf Kunstrasen und tragen ihre Meisterschaftsspiele dann auf Naturrasen aus. Das Ganze ist momentan nicht rund. Der Anspruch – allein schon durch den Namen Alemannia Aachen – ist es, dass wir Bundesliga mit der A- und B-Jugend spielen. Man vergisst aber, unter welchen Voraussetzungen man diese Leistung abruft. Deshalb ziehe ich meinen Hut vor unseren Jugendtrainern und unseren Nachwuchsspielern.

Was steht noch auf dem Wunschzettel?

Kilic: Der Wunschzettel ist schon sehr lang. Es wäre schön, wenn sich der Gesamtetat erhöhen würde, damit wir noch konkurrenzfähiger sind. Der Auf- und Ausbau der Scoutingabteilung, um einen weiteren Bereich zu nennen, wäre da­rüber hinaus auch enorm wichtig. Es gibt genug Punkte, bei denen wir uns von der Stelle bewegen können.