Aachen: Alemannia-Insolvenz: Suche nach langfristigem Konzept beginnt

Aachen: Alemannia-Insolvenz: Suche nach langfristigem Konzept beginnt

Die Erinnerung an das letzte Fußballspiel war noch ziemlich frisch. Am Mittwochabend besuchte Christoph Niering das Podolski-Abschiedsspiel in Dortmund, das sich als Länderspiel getarnt hatte. Der Jurist landete im „falschen“ Block, um so zu erfahren, dass die gute alte Bierdusche bei britischen Fans immer noch hoch im Kurs steht.

Am Tag danach hatte Niering dann wieder den Anzug angezogen, um bei einem anderen Fußballverein vorbeizuschauen. Bei Alemannia Aachen ist er zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Der 54-Jährige gilt aus ausgesprochen erfahrener Sanierer, und Fußballvereine in schwierigen Lagen steuert er regelmäßig an — darunter dreimal Fortuna Köln. Niering selbst verwendet gerne das Bild des Notarztes, der zum Unfallort gerufen wird. Sein erster Befund am Tivoli war durchaus positiv — um im Bild zu bleiben: „Das Herz-Lungen-System funktioniert, der Patient ist stabil.“

Das ist die gute Nachricht und bedeutet: Es gibt genügend Masse für ein Insolvenzverfahren, die Saison kann zu Ende gespielt werden, und das gilt auch für die Teams im Nachwuchsleistungszentrum. Mitarbeiter und Spieler erhalten drei Monate lang ihr Gehalt von der Agentur für Arbeit. Die Statuten haben sich geändert, ein Verein, der den Antrag stellt, ist nicht mehr automatisch erster Absteiger, stattdessen werden nun neun Punkte in der laufenden Saison abgezogen.

Das sind die ersten harten Fakten. Weitere Untersuchungen werden folgen, Niering bittet um etwas Geduld: Wie konnte es erneut so weit kommen, was ist schief gelaufen nach dem ersten Insolvenzverfahren? Die Vergangenheit wird nun aufgerollt, der Jurist möchte viel zuhören, will mit Fans und Mitarbeitern ins Gespräch kommen. Ursachenforschung: Warum ist die Alemannia Aachen GmbH schon fast wieder mit einer Million Euro am Saisonende verschuldet? Niering begrüßt auch, dass die Aufsichtsräte zwar zurückgetreten sind, aber dem Verein weiter zur Verfügung stehen wollen.

„Das ist sehr honorig, dass sie weiterhin Verantwortung übernehmen. Sonst setzt häufig die Fluchtbewegung ein, wenn wir auf den Hof kommen.“ Auch Trainer Fuat Kilic betont, dass er gerne weiterhin mit Leuten arbeiten möchte, denen er vertraue. Keine Rolle mehr spielt der aktuelle Geschäftsführer Timo Skrzypski, dem die Präsidiumsmitglieder Horst Reimig und Tim Hammer, die an diesem Morgen neben Niering sitzen, „ausgezeichnete Arbeit“ bescheinigen.

Niering bittet um Fairness für Skrypski, der schon seit Wochen massiv in den (un)sozialen Medien angefeindet wurde, weil er Stadion- und Fahnenverbote ausgesprochen hat. „Ich habe den Eindruck, dass er menschlich tief getroffen ist, dass er diesen Antrag stellen musste“, sagt Niering nach einem gemeinsamen Treffen. Die Trennung soll in absehbarer Zeit einvernehmlich erfolgen.

So ist es an Niering, auch den Sportbereich für die nächste Saison zu organisieren. Er hat schon mit den aktuellen Spielern und Trainern gesprochen. Immer noch herrscht Bereitschaft, am Standort Aachen zu bleiben — sofern es finanzielle Möglichkeiten gibt. „Ich habe nicht mit Alemannia abgeschlossen, aber es muss eine Perspektive geben“, sagt Kilic.

Niering findet, dass der Klub den richtigen Zeitpunkt für den unliebsamen Schritt gewählt hat. „Die meisten Unternehmen melden zu spät an. Das ist hier sehr veranwortungsvoll gelaufen, vor dem Hintergrund, dass der Geschäftsführer persönlich haftet.“

Niering und sein Team wollen möglichst bis zum Ende des Jahres ihre Arbeit beendet haben. Dann soll der Insolvenzplan stehen und der Klub eine Perspektive haben, die gerade fehlt.

Etatansätze in den letzten Jahren waren meistens auch Wetten auf eine positivere Zukunft, die zuletzt regelmäßig verloren wurden. So hangelt sich der Klub von Spielzeit zu Spielzeit und wird nicht attraktiver. Niering, der in Aachen sein Referendariat absolvierte, sucht eine größere Lösung. „Wir möchten ein Konzept entwickeln für die nächsten drei bis fünf Jahre.“

Dafür sucht er den Schulterschluss mit der Stadt, Fans, möglichen Investoren und mit Sponsoren. Sein erster öffentlicher Satz lautete: „Ich vermag hier alleine gar nichts. Fußball ist, egal in welcher Liga, ein Gemeinschaftsprojekt.“ Niering wirbt von der ersten Minute an für eine neue „Kultur des Miteinanders“.

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