Als Pauli-Fan „Mini“ über die Brüstung fiel: Zehn Jahre nach dem tragischen Sturz beim Tivoli-Eröffnungsspiel

Als Pauli-Fan „Mini“ über die Brüstung fiel : Zehn Jahre nach dem tragischen Sturz beim Tivoli-Eröffnungsspiel

Der Abend beginnt feierlich: Es gibt eine kleine Eröffnungsfeier, ein paar kurze Reden. Er endet dann aber unerwartet leise, nachdem sich eine Katastrophe ereignet hat. Die übliche Pressekonferenz nach dem Fußballspiel fällt aus, es werden keine Worte mehr gemacht. Denn die Eröffnung des Tivolis ist von einem furchtbaren Unfall überschattet.

Heute sagt Sven Meyer, den alle St. Pauli-Fans „Mini“ nennen, dass dieser 17. August zu seinem zweiten Geburtstag geworden ist.

 Es war natürlich keine Frage, ob er mit seinen Freunden an diesem 17. August 2009 ins Rheinland reisen würde. Das Spiel entwickelt sich außerordentlich fröhlich für die Gäste, die Tivoli-Eröffnung endet schließlich mit einem 5:0-Sieg. „Mini“ ist im Stadion, vorne im Fanblock – aber er hat keine Erinnerung mehr an diesen Tag. Irgendwann kippt er über die Brüstung, nichts fängt ihn auf, ein Netz wird erst nach dem Unfall angebracht. Sven Meyer klatscht sechs Meter tiefer auf den Beton, schlägt mit dem Kopf auf. Der damals 39-Jährige ist klinisch tot.

Im Stadion herrscht ein beträchtliches Organisationschaos, zwei Rettungswagen kommen nicht in den Innenraum, weil die Türen noch verschlossen sind. Alemannias Teamarzt Alexander Mauckner hat schon Feierabend, als er alarmiert wird. Mauckner ist zudem ausgebildeter Notarzt, und das ist die Rettung für Sven Meyer an diesem späten Montagabend. Der Mediziner hat zwar keinen Notfallkoffer dabei, als er zur Unfallstelle gelangt. Aber er hat gelernt zu funktionieren, auch, wenn um ihn herum die Welt zusammenbricht.

Sven Meyer wird reanimiert

Auf Fotos sieht man, wie sich das Entsetzen in den Gesichtern festgesetzt hat. Der Mediziner kniet in einer riesigen Blutlache, als er mit der Herzdruck-Massage beginnt. Er kann den Patienten reanimieren, bevor die Kollegen vom Rettungsdienst ihn übernehmen. Spät in der Nacht fährt Mauckner dann noch in die Aachener Uni-Klinik, besucht Meyer auf der Intensivstation. Er ist skeptisch, ob „Mini“ seine vielen Verletzungen tatsächlich überleben wird. Die Speiche im linken Arm, das rechte Handgelenk, Brustbein, Ober- und Unterkiefer, das rechte Jochbein – alles gebrochen. Dazu: ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.

Sven Meyers Eltern haben die Partie in ihrem Urlaub in Dänemark im Fernsehen verfolgt. Spät in der Nacht werden sie vom Schwiegersohn über den Unfall informiert. Als sie am nächsten Tag in Aachen ankommen, sagen die Ärzte: „Ihr Sohn hat eine Überlebenschance von 1:99.“ Danach löst jedes Telefonklingeln Stress aus bei den Meyers, die um ihren Sohn bangen. Zwei Wochen liegt der im Koma, bis er aufwacht. Die Erinnerung fehlt, sie ist bis heute nicht zurückgekommen. Als Meyer erfährt, welche schweren Verletzungen er überlebt hat, sagt er: „Ich habe alle meine Schutzengel aufgebraucht.“

Der Patient erkundigt sich bei einer Pflegeschwester, wie es denn gerade seinem Lieblingsverein gehe. FC St. Pauli ist Tabellenführer. Das Team kehrt am Ende der Saison in die Bundesliga – wenn auch nur vorübergehend – zurück. „Mini“ feiert den Erfolg ein bisschen mit.

Zehn Jahre später sagt Sven Meyer, es gehe ihm „ganz gut“. Er kann auf dem rechten Auge nichts mehr sehen, der Rücken schmerzt chronisch, aber er lebt. „Die Motorik ist zurückgekommen“, sagt er. Die rechte Hand funktioniert wieder. Der Papiermacher ist nach der langen Reha wieder in seine Firma zurückgekehrt. Aber das ist gerade ein Problem, weil Teile der Firma gerade geschlossen wurden.

Die Fans sammeln Geld

Er lebt weiterhin mit seiner Begeisterung für den Lieblingsverein. Selbst in seiner E-Mail-Adresse tauchen die Worte „sanktpauli“ und „Mini“ auf. Sven Meyer ist unverändert Mitglied im Fanklub „kleine Mexikaner“. Inzwischen hat er einen Sitzplatz auf der Haupttribüne, bei Heimspielen ist er immer am Start. „Auswärts bin ich nur noch bei ausgesuchten Spielen, wenn es absehbar zu keiner Randale kommt“, sagt der 49-Jährige. Die eigene Sportlerkarriere beim Heidgraber SV hat er wegen des eingeschränkten Sichtfeldes beenden müssen.

Im nächsten Heimspiel nach dem Unfall halten die Pauli-Fans Transparente in die Luft: „Halte durch“. Sie sammeln Geld für den verunglückten Kameraden. Meyer lässt sich nur die Fahrtkosten für die Reha auszahlen, dann sind noch 10.000 Euro übrig. „Mini“ überlegt mit dem St.-Pauli-Fanladen und spendet an drei Instutionen. Unter anderem für „Viva con Agua de Sankt Pauli“: Der gemeinnützige Verein setzt sich weltweit für sauberen Zugang zum Trinkwasser ein. Der ehemalige Kiez-Kicker Benjamin Adrion hat die Initiative 2005 angestoßen.

Als Alemannia zum „Rückspiel“ nach Hamburg kommt, ist Meyer im Stadion auf St. Pauli. Es werden minus 15 Grad Celsius angezeigt, selbst die Binnenalster ist zugefroren. „Mini“ will sich über das Stadionmikrofon für die Unterstützung, für die Nähe in den letzten Monaten bedanken. Er bekommt keinen Ton heraus. Die Fans singen „You’ll never walk alone“, er dreht eine Ehrenrunde.

Ein Jahr später kommt Sven Meyer noch mal zum Tivoli. Die Erinnerung verschlägt ihm wieder die Sprache, aber er umarmt Alexander Mauckner, der ihm das Leben gerettet hat  – am Tag der Tivoli-Eröffnung.