Alemannia Aachen: Letzte Saison für Fuat Kilic in Regionalliga?

Fuat Kilic und die Perspektive : „Das wichtigste Saisonspiel ist hoffentlich das letzte“

Ein paar Stunden vor dem ersten Spiel in der Saison 2019/20 trafen sich Alemannia Aachens Spieler im Kino. Gezeigt wurde ein etwa halbstündiger Film, der an die Tage rund um das gewonnene Pokalfinale im Mai erinnerte. Der Filmemacher Daniel Kosch, der auch am Tivoli arbeitet, hatte die Szenen zusammengefügt.

„Das war unser Sommermärchen“, berichtete Trainer Fuat Kilic nach der Sondervorstellung. „Wir wollten den Spielern vor Saisonbeginn zeigen, welche Emotionen in Aachen möglich sind.“ Und so ging es beim Gespräch, das Benjamin Jansen, Björn Hellmich und Christoph Pauli mit dem 46-Jährigen führten, nicht nur um die nächste Saison in der Fußball-Regionalliga.

Beginnen wir mit einer Quizfrage: Kennen Sie Hermann Lindemann?

Kilic: Das fängt ja riesig an. Ich bin nicht auf ein Quiz vorbereitet. Ist das ein bekannter Aachener Blumenverkäufer oder der beste Wurstverkäufer am Tivoli?

Die Antwort können wir nicht ganz gelten lassen. Hermann Lindemann war zwischen dem 1. Juli 1951 und dem 30. Juni 1955 insgesamt 1460 Tage ohne Unterbrechung Alemannia-Trainer. Auf Platz zwei in dieser Statistik rangiert mit 1303 Tagen Stand heute der berühmte Fuat Kilic. Sie könnten in fünf Monaten der Trainer werden, der am längsten ohne Pause am Tivoli gearbeitet hat. Haben solche Zahlen für Sie eine Bedeutung?

Kilic: In der Tat, weil es ein Vertrauensbeweis des Vereins und der Fans ist. Ehrlich gesagt: Ich bin da ziemlich stolz drauf. Solche Kontinuität gibt es nicht mehr so oft bei einem solchen Traditionsverein. Teil dieser Geschichte werden zu dürfen, ist sehr emotional für mich. Das hätte ich nicht erwartet nach den ersten Tagen.

Und dennoch haben Sie trotz des absehbaren Rekords angekündigt, in Ihre letzte Saison als Regionalliga-Trainer zu gehen. Was muss passieren, dass Sie umdenken?

Kilic: Ich muss schon neben der aktuellen Euphorie den sicheren Eindruck haben, dass wir finanziell den nächsten Schritt machen. Wir müssen den Rahmen, die Infrastruktur gravierend verbessern. Aber das ist gerade kein aktuelles Thema, jetzt geht es erst einmal um den Saisonstart.

Reden wir also darüber: Alemannia will in dieser Saison um den Aufstieg mitspielen, haben Sie schon vor Monaten angekündigt. Hat der Kaderplaner Kilic dem Trainer Kilic eine aufstiegsverdächtigte Truppe hingestellt?

Kilic: Bezogen auf die individuelle Besetzung sind wir nicht Aufstiegsfavorit. Wenn aber die Gruppendynamik einsetzt, wird es schwer sein, uns zu schlagen. Unser Ziel ist es schon, ein bisschen über uns hinauszuwachsen und eine sehr gute Rolle zu spielen. Wir haben intern mit einem Psychologen gearbeitet und unsere Ziele erst einmal in kleineren Gruppen formuliert. Das bleibt auch intern, nur so viel: Die Ambitionen von Spielern und Trainern sind nahezu deckungsgleich. Wir müssen gerade nur aufpassen, dass wir uns nicht von der Erwartungshaltung erdrücken lassen. Wir müssen nicht aufsteigen, aber wir wehren uns sicherlich nicht dagegen.

Den Druck haben Sie doch selbst mit Ihrer Ankündigung erhöht, nur im Aufstiegsfall noch Alemannia-Trainer zu bleiben.

Kilic: Ja, stimmt. Aber wie es weitergeht, besprechen wir dann mal zu passender Zeit.

Wenn man sich die Marktwerttabelle anschaut, liegt Aachen auf Platz fünf, die Liste wird von RW Essen, Mönchengladbach II, Rödinghausen und Dortmund II angeführt.

Kilic: Bislang war unsere Performance immer besser als das erwähnte Ranking. Das soll auch so bleiben.

Was kann also die Mannschaft 2019/20 besser als das Vorgängerteam?

Kilic: Wir sollten in der Lage sein, bessere und ruhigere Ballbesitzphasen zu schaffen. Mein Eindruck im Training ist, dass wir eine höhere Effektivität haben. Die Mannschaft wirkt konsequenter, lebhafter und fokussierter.

Die Mannschaft war zuletzt mit 48 Treffern nicht sonderlich torhungrig und hat mit Dimitry Imbongo und Blendi Idrizi noch zwei treffsichere Spieler verloren. Bleibt Toreschießen eine Problemdisziplin?

Kilic: Wir haben Stipe Batarilo und Robin Garnier halten können, die ihre treffsicherste Saison gespielt haben. Dazu ist mit David Bors der zweitbeste Schütze der vergangenen Regionalliga-Saison gekommen. Gary Noel ist seit Jahren treffsicher, wir haben viele torhungrige Spieler. Das Problem derzeit ist nur, dass noch nicht alle das angestrebte körperliche und taktische Level erreicht haben.

Nach welchen Spielertypen haben Sie bevorzugt Ausschau gehalten?

Kilic: Wir waren teilweise zu lieb. Deswegen haben wir uns nach Spielern, bevorzugt auch Stürmern, umgeschaut, die sich noch mehr wehren. Es ging uns auch darum, keinen Schablonenspieler zu holen, sondern unterschiedliche Typen im Kader zu haben, um andere Impulse zu bekommen.

Kilic: "Gegner wird uns alles abverlangen"

Wie sind Ihre Erfahrungen in der Transferperiode gewesen: Haben Sie sich viele Körbe abgeholt?

Kilic: Natürlich habe ich mich mit vielen Spielern getroffen, die zu gewissen Abstrichen auch bereit waren, aber letztlich deutlich bessere Angebote angenommen haben. Ich hätte Joy-Lance Mickels gerne zurückgeholt oder Fortuna Kölns Kapitän Hamdi Dahmani verpflichtet, den ich schon ewig kenne und schätze. Finanziell war das aussichtslos, er spielt jetzt bei RW Essen. Das ist schwer zu akzeptieren, aber es ist eben so.

Ist der Frust im Laufe der Jahre geringer geworden?

Kilic: Ich nehme das inzwischen besser an, hake es schneller ab als in den vergangenen Jahren. Dann geht es eben zum nächsten Spieler.

Führen Sie alle die Gespräche selbst oder können Sie delegieren?

Kilic: Das mache ich selbst.

Ist das gut?

Kilic: Für meine Gesundheit nicht. Es wird zu viel, wir müssen es besser strukturieren und verteilen. Davon sind wir noch weit entfernt.

Sportlich ersetzt Chris Mollocher nun als Co-Trainer wieder Simon Pesch. Was verändert sich dadurch?

Kilic: Simon gehört eher zur Generation der Laptop-Trainer, die sich akribisch mit Analyse und Wissenschaft beschäftigen. Dies ist nicht negativ. Er hat überragende Arbeit abgeliefert. Chris ist eher Praktiker, der auf dem Platz in der Ansprache und Vermittlung seine Stärken hat und dementsprechend einen guten Zugang zu den Spielern.

Was ist die Spielidee für die nun anlaufende Spielzeit?

Kilic: Wir wollen in Ballbesitz-Phasen flexibler werden und noch mehr den Rhythmus des Spiels selbst bestimmen. Darauf haben wir in der Trainingsarbeit viel Wert gelegt.

Bleibt es bei der „Ochsen-Abwehr“ oder wird es offensivfreudige Außenverteidiger geben?

Kilic: Das ist schon eine Idee, Matti Fiedler kann das spielen. Für rechts haben wir auch noch Can Özkan verpflichtet, der leider verletzt ausfällt. Auf der anderen Seite ist André Wallenborn schon eine gute Option. Wir hatten schon im Winter überlegt, ihn zu holen, fanden es dann besser, dass er nach seiner schweren Verletzung sich Sicherheit in Wiedenbrück holt. André passt gut zu unseren Plänen.

Präferieren Sie weiterhin das 4-1-4-1-System?

Kilic (grinst): Das sage ich nicht. Generell kann man aus diesem System sehr viel basteln, es lässt viel Platz für Kreativität.

Wie weit ist die Wissenschaft in den Trainingsalltag eingezogen?

Kilic: Die ist schon sehr wichtig. Das System, das wir nutzen, haben wir fast jede Einheit im Einsatz. Wenn wir merken, dass ein Spieler im roten Bereich läuft, ohne zu regenerieren, dann versuchen wir ihn ein bisschen weniger zu belasten, weil wir ansonsten eine Verletzung riskieren würden.

Was messen Sie?

Kilic: Die durchschnittliche Herzfrequenz wird festgehalten, und auch unterschiedliche Belastungszonen werden ausgewiesen. Für uns ist es wichtig zu reflektieren: Wie viele Kilometer haben die Jungs heute gemacht? Wie viel sind sie gesprintet? Wie oft haben sie sich im roten Bereich bewegt? Und auch für die Spieler ist es gut, da jeder seine Werte auf dem Rechner sehen kann.

Wie weit sind Erhebungen relevant für Aufstellungen?

Kilic: Ich verlasse mich natürlich nicht nur auf diese Werte. Da gibt es auch andere Faktoren. Aber wenn ein Spieler im Durchschnitt pro Training zwei Kilometer weniger läuft und auch nur halb so viele Sprints hinlegt wie der Rest, dann hat man auch als Trainer Argumente, wenn man begründen muss, warum jemand nicht in der Startelf steht. Auch im Spiel tragen die Jungs Westen mit einem Chip. Situativ helfen die Daten, um die Eindrücke zu bestätigen. Man hat zum Beispiel im Spiel gegen Excelsior Virton gesehen, dass einige Spieler sich dauerhaft im roten Bereich bewegt haben.

Mit 0:5 ist Ihr Team im letzten Testspiel unter die Räder gekommen. Wachsen die Zweifel, ob das Team präpariert ist für den Saisonstart?

Kilic: Nein. Definitiv nicht. Wir waren körperlich an diesem Tag in einer schlechten Verfassung. Und der Gegner war richtig gut.

Im Kino wurden noch einmal viele Szenen rund um das letzte Pflichtspiel gezeigt. Kann eine Mannschaft von einem Pokalsieg auch noch Monate später profitieren?

Kilic: Ich denke schon. Wir müssen diese Momente abspeichern und sie aus der Schublade herausholen, wenn es mal nicht so gut läuft.

Findet das wichtigste Saisonspiel am heutigen Samstag statt?

Kilic: Nein. Das ist kein Alles-oder-nichts-Spiel. Die Liga geht los, wir wollen gut in die Saison starten. Das wichtigste Saisonspiel ist hoffentlich das letzte (lacht).

Ist die Mannschaft startklar oder hätte sie gerne noch ein bisschen Zeit, um zusammenzufinden?

Kilic: Die Jungs fühlen sich bereit. Ich kann auch damit leben, dass es losgeht, auch wenn ich immer noch gerne weiter trainieren würde, um noch optimaler vorbereitet zu sein. Aber ich denke, dass wir in den fünf Wochen vieles vernünftig thematisiert haben. Wenn wir unsere Qualität in Wuppertal auf den Platz bringen, dann sollten wir in der Lage sein, zu gewinnen.

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