1. Sport
  2. Fußball

Kommentar zur Fußball-Bundesliga: Abbruch sofort statt Geisterspiele!

Kommentar zur Fußball-Bundesliga : Abbruch sofort statt Geisterspiele!

Die Fußball-Bundesliga schwebt nicht über den Dingen! Weiter spielen zu lassen, ist unverantwortlich. Es geht nicht um Panikmache, es geht um Solidarität mit Kranken und Älteren, wenn Sport-Großveranstaltungen abgesagt werden. Und genau das muss geschehen.

Wer das erste Geisterspiel in der Fußball-Bundesliga miterlebt hat, als einer der wenigen im Stadion oder als einer von vielen vor dem Fernseher, den ließ das Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln mit einem unbehaglichen Gefühl zurück. Was war da eigentlich am Mittwochabend im Borussia-Park passiert?

Ja, es wurde Fußball gespielt, 90 Minuten und ein bisschen, drei Tore, es gab mit der Borussia einen Sieger, mit dem FC einen Verlierer. Trotzdem stellte sich am Ende die Frage: Was war dieses Spiel wert? Naja, drei Punkte für Mönchengladbach. Und sonst?

Darauf kann es nur eine Antwort geben: nichts. Weil es unverantwortlich ist, unter diesen Umständen Fußball zu spielen. Und weil es unsinnig ist, unter diesen Umständen Fußball zu spielen. In der Bundesliga muss wegen des Coronavirus der Spielbetrieb eingestellt werden. Sofort. Der Fußball ist bei weitem nicht so wichtig, als müsse eine Saison aufgrund von irgendwelchen Spielplänen trotz einer weltweiten Krise fortgesetzt werden.

Es hat dennoch ein bisschen den Anschein, als würden die Verantwortlichen im deutschen Fußball tatsächlich daran glauben, dass die beliebteste Sportart Deutschlands über den Dingen schwebt. Irgendwie geht das schon mit den Spielen, wenn die Zuschauer zu Hause bleiben, irgendwie kann die Saison schon über die Bühne gebracht werden, so klingt das derzeit. Das Geisterspiel zwischen Mönchengladbach und Köln hat eindrucksvoll gezeigt, dass das nicht funktionieren kann. Dafür braucht es keine Krisensitzung am kommenden Montag mehr.

Es geht um Solidarität

Zuallererst weil die Gesundheit über allem steht. Das zentrale Ziel aller muss es schließlich sein, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen – auch wenn es für den Großteil der Menschen relativ ungefährlich ist. Es geht nicht um Panikmache, es geht um Solidarität mit Kranken und Älteren, es geht darum, eine Ausnahmesituation gemeinsam durchzustehen.

Wenn Fußballspiele stattfinden, wird dieses Ziel ad absurdum geführt. Sie ziehen die Massen an, auch wenn sie ausgesperrt werden. Vor dem Borussia-Park hatten sich trotz der eindringlichen Bitte von Stadt und Vereinen, zu Hause zu bleiben, am Mittwochabend viele Fans versammelt. Sie waren so zahlreich gekommen, dass Christoph Kramer – als er nach dem Derbysieg mit seinen Teamkollegen auf den Stadionumlauf geklettert war, um mit den Anhängern zu feiern – das Gefühl hatte, er dürfe eine Meisterschale in die Höhe recken, so hat es Gladbachs Mittelfeldspieler erzählt.

Es wirkt fast wahnwitzig, Veranstaltungen mit weniger Zuschauern abzusagen, während sich Hunderte vor einem Stadion umarmen und herzen, sich damit der Gefahr aussetzen, sich anzustecken und das Virus weiterzutragen. Und die Fußballer ihre Anhänger – getrieben von der Sehnsucht nach einem gemeinsamen Jubel – zudem belohnen. Das ist nicht nur unsolidarisch, das ist unverantwortlich. Warum also auch noch darauf warten, dass sich der erste Bundesligaspieler infiziert, Kontakt zu Mit- und Gegenspielern hat und der Spielbetrieb wegen der vorgeschriebenen Quarantäne ohnehin nicht mehr darstellbar ist?

Und da ist ja noch der Punkt, der weniger wichtig als die Gesundheit ist, weitere Spiele in der Bundesliga allerdings unsinnig macht: Ohne Fans im Stadion sind sie wertlos, das wurde ebenfalls bei der Partie zwischen Mönchengladbach und Köln offenkundig. Auf dem Papier ist dieses Duell ein Derby, auf dem Platz war davon nichts zu sehen.

„Spaß macht das nicht“

„Spaß macht es nicht, schön ist es nicht“, sagte Borussias Trainer Marco Rose, und FC-Sportchef Horst Heldt erklärte: „Eine Erkenntnis ist, dass die Bundesliga ohne Fans keinen Spaß macht.“ Gladbachs Manager Max Eberl fand die Kulisse „beängstigend“,  Kölns Trainer Markus Gidsol beklagte die „schwierigen Umstände“. Und Deniz Aytekin ging sogar noch ein bisschen weiter: „Das hat nichts mit Fußball zu tun“, sagte der Schiedsrichter. Na, warum spielen sie dann?

Auch wenn der Profifußball längst ein Milliardengeschäft ist, in dem der Profit eine gewichtige Rolle spielt, betonen doch alle Vereine immer wieder ihre Nähe zu den Anhängern. Dass sie es sind, die den Fußball so besonders machen. Dass sie es sind, für die die Clubs spielen. In der aktuellen Situation ist es unmöglich, weil die Spieler im Stadion quasi allein sind und die Anhänger vor ihren Fernsehern hocken müssen.

Da hilft es auch wenig, dass der Pay-TV-Sender Sky die Konferenz am Wochenende im frei empfangbaren Fernsehen zeigt. Das ist im doppelten Sinne eine billige Lösung; für die Fans, die lieber ihren Herzensverein sehen wollen, und für Sky, das beim Verkauf von Zugängen für die Einzelspiele profitieren dürfte. Warum also am Wochenende einen kompletten Geisterspieltag durchführen, wenn alle Verantwortlichen längst wissen, dass das niemandem gefallen kann?

Ausgesperrt: Gladbach-Fans suchen Kontakt zu denSpielern. Foto: ZVA/imago

Natürlich drängt sich der Eindruck auf, dass das alles auch mit Geld hat, es geht schließlich um immens hohe Summen. Die Fußballclubs müssen schon jetzt auf die Zuschauereinnahmen verzichten. Das tut dem einen Verein mehr weh als dem anderen, so viel ist klar. Gerade in den unteren Ligen kann es da schnell an die Existenz gehen.

Wenn Spieltage komplett abgesagt würden, dürfte sich die Frage stellen, ob beispielsweise Sky Geld zurückverlangt, das der Sender für die Übertragungsrechte gezahlt hat. Aber ist das jetzt schon wichtig? Es muss möglich sein, im Nachgang einen Schlüssel zu entwickeln, der festlegt, wie einzelne Parteien entschädigt werden können. Warum also jetzt schon Gedanken an solche Nebensächlichkeiten verschwenden, wenn es viel dringendere Probleme zu lösen gilt?

EM und Sommerspiele verschieben

Die einzig logische Konsequenz muss sein, keine Geisterspiele zu veranstalten und auch nicht auf kurzfristige Aussetzung des Spielbetriebs wie in Spanien oder in Italien zu setzen – sondern alle Fußballligen bis auf Weiteres abzubrechen. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, ob nationale Ligen oder internationale Wettbewerbe. Es versteht sich, dass alle Länderspiele Ende des Monats abgesagt werden müssen; für sie müssten zahlreiche Fußballer durch die ganze Welt reisen.

Die Europameisterschaft 2020, die auf dem ganzen Kontinent stattfindet, muss verschoben werden, genauso wie die Olympischen Spiele im japanischen Tokio; der Fußball ist schließlich nicht die einzige betroffene Sportart. Die Probleme aufgrund des grassierenden Coronavirus gibt es in allen Sportarten, und für die meisten gilt dasselbe wie für den Fußball in der Bundesliga, wenn auch teils in kleinerem Rahmen.

Einige haben längst die Reißleine gezogen und ihre Saisons beendet – weil niemand davon ausgeht, dass diese Krise in zwei, drei Wochen ausgestanden ist. Die Verschiebung der Großveranstaltungen würde jedenfalls allen wichtige Zeit verschaffen. Für die Fußballer wäre es zum Beispiel möglich, die Saison erst im Sommer zu beenden, vielleicht sogar noch später, wer weiß das schon? Im Moment spielt das keine Rolle.

Die Hoheit über die Bundesliga und die 2. Liga hat die Deutsche Fußball Liga (DFL). Und die hielt sich in den vergangenen Tagen mit Äußerungen zurück. Bloß keine Unruhe schüren. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat am Donnerstag zumindest mitgeteilt, sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus auch mit einem vorzeitigen Abbruch der laufenden Saison zu beschäftigen.

„Wir müssen uns mit allen Szenarien beschäftigen, um vorbereitet zu sein, wenn der Fall eintreten sollte, dass der Spielbetrieb unterbrochen oder die Saison sogar vorzeitig beendet werden müsste“, erklärte Friedrich Curtius. Die drängendste Frage, die der DFB-Generalsekretär und die anderen Verantwortlichen beantworten sollen: Worauf warten Sie noch?