Mönchengladbach: Zwei gebürtige Kölner entscheiden das Derby

Mönchengladbach: Zwei gebürtige Kölner entscheiden das Derby

Natürlich hat Marcel Risse gewusst, dass sein Arbeitstag noch nicht zu Ende sein würde, als er im Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und seinem 1. FC Köln in der dritten Minute der Nachspielzeit ausgewechselt wurde und langsam vom Platz lief, also setzte er sich auch gar nicht erst hin, nachdem er die Bank erreicht hatte.

Es waren ohnehin nur noch ein paar Sekunden zu spielen, und seine persönliche Verlängerung schloss sich direkt an, dafür hatte der Mittelfeldspieler selbst gesorgt. Risse, 26, hatte ja das entscheidende Tor zum Kölner 2:1-Sieg gegen Gladbach geschossen, mit einem Freistoß, aus über 30 Metern, in den Winkel, in der ersten Minute der Nachspielzeit.

Nachdem das Spiel dann beendet war, hatte Risse noch einiges zu erledigen: feiern mit den Mitspielern, jubeln mit den Fans, tanzen mit Thomas Kessler, das erste Interview geben, Schulterklopfen einheimsen, ein kurzes Interview, ein längeres, dabei von Marco Höger umarmt werden, Interview, Interview, Interview. Als Risse eine Stunde nach Abpfiff immer noch ungeduscht in den Katakomben stand, sagte er noch: „Wenn ich mir eine Situation hätte aussuchen dürfen, in der ich ein Tor schieße, dann wäre es die letzte Minute im Derby gegen Gladbach gewesen.“

Ein Sieg gegen Gladbach ist für die Fans des FC das Größte, es war zudem der erste im Borussia-Park seit 2008. Eine Genugtuung auch für Spieler und Trainer, sie wissen ja um die Rivalität, und für Risse, einen der gebürtigen Kölner im Team, ist der Erfolg etwas ganz Besonderes. Er sagte: „Das war das emotionalste Tor meiner Karriere.“ Das es fast nicht gegeben hätte. Er erzählte auch, dass er eigentlich vorhatte, den Freistoß vors Tor zu flanken — auf Anthony Modeste, der zum 1:1 getroffen hatte (59. Minute). „Tony hat mich aber schon böse angeguckt, und dann habe ich halt aufs Tor geschossen.“ Gute Entscheidung.

Dass Risse solche Freistoßtore schießen kann, hat er schon im DFB-Pokal gegen Hoffenheim bewiesen, der Treffer ist zum „Tor des Monats“ im Oktober gewählt worden. Und auch für den Titel im November hat Risse sich jetzt beworben. Und auch im Training trifft der Flügelspieler aus den unmöglichsten Situationen. Sagt Kessler, 30: „Damit geht er mir seit Jahren auf den Keks.“ Die Freistöße seien schwer zu berechnen. „Der Ball flattert, als wäre da ein Kaninchen drin“, sagte Kessler.

Dass Risses Trainingstore nicht aus Kesslers Unvermögen resultieren können, hat Kölns eigentliche Nummer zwei im Derby bewiesen; mit seinen Paraden hat er den FC überhaupt erst im Spiel gehalten. Er war mindestens genauso Mann des Tages wie Torschütze Risse. Die Gladbacher waren die gefährlichere Mannschaft, sie hatten wesentlich mehr Chancen als der FC, aber Kessler hielt hervorragend. Gegen Thorgan Hazard (5.), gegen Oscar Wendt (67.), gegen Fabian Johnson (78.). Bei Lars Stindls Führungstreffer war er machtlos — auch weil Mergim Mavraj den Ball noch abfälschte (32.). „Das war die Belohnung für meine Arbeit in den vergangenen Jahren“, sagte Kessler, der wie Risse aus Köln kommt. „Für einen Kölner gibt es eigentlich keinen schöneren Tag.“

Lehmann fehlt mehrere Wochen

In der ersten Halbzeit hatte der FC schwach gespielt, viel gefoult, und am Ende zog sich Kapitän Matthias Lehmann auch noch einen Teilriss des Innenbandes im Knie zu und fällt Wochen aus. In Hälfte zwei wurden die Kölner dann etwas besser, sie waren zumindest im Spiel, kamen in die Zweikämpfe — und glichen bei einer der ersten zu Ende gespielten Offensivaktionen aus. Und weil Gladbach an Kessler und sich selbst scheiterte, ergriff der FC seine Chance. Trainer Peter Stöger sagte: „Wir sind eine Mannschaft, die ein Herz hat.“ Und einen guten Torhüter. Einen starken Freistoßschützen. Den Derbysieg. Und bereits 21 Punkte.