Ehemaliger FC-Köln-Spieler: „Ausgerechnet Schnellinger“ und sein Spiel für die Ewigkeit

Ehemaliger FC-Köln-Spieler : „Ausgerechnet Schnellinger“ und sein Spiel für die Ewigkeit

Dieses Spiel, von dem man später nur noch als „bestem WM-Spiel aller Zeiten“ sprach, lag in den letzten Zügen. Noch auf der Trainerbank gab Helmut Schön bereits ein erstes Interview. Der Bundestrainer zog ein eher trauriges Fazit, drei Elfmeter waren seinem Team verwehrt worden, klagte Schön.

Schiedsrichter Arturo Yamasakai hätte furchtbar gepfiffen, und Franz Beckenbauer musste mit einer Schulterverletzung durchspielen. Schön trug vor, als das Halbfinale bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko bereits verloren schien, Italien lag Sekunden vor dem Abpfiff 1:0 in Führung.

Während Schön also das drohende Turnier-Aus analysierte, passierte hinter seinem Rücken etwas Verrücktes: Co-Trainer Jupp Derwall aus Würselen beorderte seinen Abwehrchef Karl-Heinz Schnellinger aus Düren in den Angriff. Die beiden hatten sich in der Halbzeit verabredet, der Abwehrspieler wartete auf das Signal, in den Angriff zu wechseln. Derwall ermunterte ihn nun mit Blicken, seine angestammte Position aufzugeben. Der Plan klang vermessen, noch nie hatte Schnellinger einen Treffer für Deutschland erzielt.

Bis zu jenem Moment: Jürgen Grabowski flankte von links vor das Tor, und Schnellinger, der damals für den AC Mailand spielte, warf sich in die Flugbahn des Balles. Er traf. Schnellinger hat an vier Weltmeisterschaften teilgenommen, er hat 47 Länderspiele gemacht – und diesen einen Treffer erzielt. Im Fernsehen, dessen Bild in diesen Tagen farbig wurde, jubelt Ernst Huberty: „Unglaublich. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen, ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben.“

„Carlo der Blonde” wurde Schnellinger in Italien genannt. Foto: dpa/Frm

„Ausgerechnet Schnellinger“ wurde zu einem Markenzeichen, das „Ausgerechnet“ hat fast seinen Vornamen ersetzt. „Ausgerechnet Schnellinger“ hat bald Geburtstag, am Sonntag wird der Dürener 80 Jahre alt. Der Weltklasseverteidiger ist in Italien geblieben, noch heute lebt er etwas außerhalb von Mailand in Segrate, in der Nähe des Flughafens Linate. In diesen Tagen, so erzählt er es am Telefon, melden sich wieder viele alte Weggefährten und neugierige Journalisten. „An mir kommt keiner vorbei“, sagt er immer noch selbstbewusst. Für einen Verteidiger ist das zweifelsfrei ein gutes Motto.

Es ist ein bisschen unfair, Fußballer auf ein Spiel, auf einen Moment ihrer Karriere zu reduzieren, aber Schnellinger hat das akzeptiert. Es ist die Szene seines Lebens. „Das ist die einzige Sache, an die man sich im Zusammenhang mit mir noch erinnern wird: Sie bleibt für immer. Selbst wenn ich gestorben bin, werden die Leute darüber sprechen“, sagt er. „Das ist die schönste Prämie für mich, die mir für mein Leben und danach bleibt: Das war ein Geschenk von oben.“ Ein Tor wie ein Vermächtnis.

Seine Karriere begann bei Düren 99 auf der legendären Westkampfbahn. Bundestrainer Sepp Herberger wird auf ihn aufmerksam, nimmt den damals 19-Jährigen mit zur WM 1958 nach Schweden. Der Ruhm wird dadurch größer, natürlich, nach dem Turnier wechselt Schnellinger zum 1. FC Köln. Vorerst pendelt er noch, nach der Hochzeit zieht er mit seiner Frau Ursel in die Domstadt. Es sind die Jahre, bevor die Bundesliga eingeführt wird, für den FC sind es enorm erfolgreiche Jahre – auch dank Schnellinger. Vier Mal in Serie gewinnt Köln zwischen 1960 und 1963 die Oberliga West. Mehrfach kommt der Klub ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, und als der Titel 1962 im Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg geholt wird, wird Schnellinger als erster Kölner Spieler überhaupt zum „Fußballer des Jahres“ gewählt.

Ein „Volkswagen“ in Italien

Im Jahr darauf lockt das Ausland, beim FC gab es 400 Mark im Monat, in Italien waren die Schecks größer. „Was ich in Italien verdienen würde, das würde für ein ganzes Leben reichen, sagte man mir“, hat er kürzlich erzählt. Er wechselte zum Serie-A-Verein AS Rom, kickte auf Leihbasis für ein Jahr beim AC Mantua und schließlich fast zehn Jahre für AC Mailand (1965-1974). Er wird der Publikumsliebling einer Mannschaft, die die Pokalvitrinen füllt: Meister 1968, drei Pokalsiege, Sieg im Europapokal der Landesmeister und im Europapokal der Pokalsieger, Weltpokalsieger. 222 Spiele hat Schnellinger für die „Rot-Schwarzen“ gemacht, 222 Spiele ohne Treffer. 222 Spiele, die den skandalfreien Profi dennoch zum Publikumsliebling machten. „Sie haben ihn Volkswagen genannt“, erinnert sich seine Frau Ursel. Deutsche Wertarbeit auf dem Spielfeld.

Nach Deutschland kehrt er 1974 zurück. Die WM im eigenen Land ist gerade vorbei, Schnellinger wagt noch einmal einen Versuch: Der damals 35-Jährige wird Kapitän von Aufsteiger Tennis Borussia Berlin, es ist kein krönender Abschluss. Nach 19 Spielen und dem Abstieg beendet er seine Karriere. Die Schnellingers bleiben noch eine Weile in Köln, dann zieht es sie nach Italien zurück. Er wird dort PR-Manager eines Catering-Unternehmens. Heute sagt Schnellinger: „Ich bin Deutschlands bester Botschafter in Italien gewesen.“ Wo seine Heimat ist? „Ich bin Europäer“, sagt er, „besorgter Europäer, weil die Welt gerade aus den Fugen gerät.“

Am Sonntag feiert er, möglichst „ohne viel Theater“. Schnellinger ist gespannt, ob sich der Deutsche Fußball-Bund melden wird, die ganz große Wertschätzung des Verbandes für einen ganz großen Fußballer scheint ausgeblieben zu sein. Es wird keine große Sause geben, nur die Familie, die komplett in Italien lebt, kommt zusammen: drei Töchter, vier Enkelkinder.

Vielleicht wird dann auch noch mal über dieses „Ausgerechnet-Schnellinger-Spiel“ gesprochen. An diesem 17. Juni im Jahr 1970 saßen die Deutschen einträchtig nachts vor dem Fernseher, 35 Millionen wurden noch beim Abpfiff nach 1 Uhr vermutet. Wer das Spiel gesehen hat, wird es nicht mehr vergessen, wer daran teilgenommen hat, wird immer davon zehren, sagt Schnellinger. Deutschland hat das Spiel verloren, 3:4 nach Verlängerung. Heute verweist eine Erinnerungstafel am Aztekenstadion auf diese großartige Partie. Und Karl-Heinz Schnellinger war einer der Hauptdarsteller in dieser legendären Fußballnacht.

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