Leverkusen: Favres Spurt ist mehr als ein Fitnesstest

Leverkusen: Favres Spurt ist mehr als ein Fitnesstest

Patrick Herrmann war nicht mehr zu halten in dieser 82. Minute. Die eher fade Partie zwischen Leverkusen und Mönchengladbach hatte sich seit einigen Minuten zu einer offenen Schlacht entwickelt, da war es um Borussias verletzte Offensivkraft geschehen - er gähnte herzhaft auf der Tribüne.

Sechs Minuten später war auch Lucien Favre nicht mehr zu halten. Gerade hatte Alexander Ring am eigenen Strafraum Gonzalo Castro den Ball stibitzt und sofort auf Marco Reus weitergeleitet. Der trat mächtig an, umkurvte spielend leicht Ömer Toprak und legte den Ball im genau richtigen Moment dem wie Ring eingewechselten Igor de Camargo in den Lauf. Der Belgier, zehn Minuten zuvor frei stehend am prächtig reagierenden Bernd Leno gescheitert, umkurvte diesmal den Torhüter und vollendete. 2:1, der Siegtreffer. Vielmehr: Weit mehr als ein banaler Siegtreffer.

Was dokumentiert wird durch Favres Sturmlauf zum Torschützen. „Ich wollte verifizieren, ob ich noch fit bin”, war der humoristische Beitrag des Schweizers. Der entscheidende, der viel wichtigere Grund: „Für den Kopf ist dieser Sieg sehr wichtig, die Art und Weise, wie wir gewonnen haben, bringt unheimlich viel.” Das ist schon einen Gefühlsausbruch wert, und voller Stolz verkündete der Schweizer: „Die Reaktion der Mannschaft auf das 1:1 war phantastisch. Da hat das Team Charakter und Persönlichkeit gezeigt.”

Dantes dummes Foul

Zuvor war gekommen, was kommen musste. Nachdem Reus einen schludrigen Auftritt von Daniel Schwaab früh mit dem 1:0 bestraft hatte (7.), zog sich die Borussia zurück, eroberte viele Bälle - verlor sie aber meist sofort wieder. Zwar hatte der Gastgeber außer Fernschüssen keine Möglichkeiten, doch das 1:1 war folgerichtig. Nach einem dummen Foul von Dante an Stefan Kießling in Höhe der Eckfahne nutzte der Stürmer einen Patzer von Torwart Marc-André ter Stegen im Anschluss an den Freistoß (75.).

Nun wurde es rassig auf dem Rasen, und Bayer-Trainer Robin Dutt haderte mit dem Regelwerk: „Ich hätte gerne Simon Rolfes wieder eingewechselt.” Doch Leverkusens ordnende Hand musste nach seiner Auswechslung zugunsten eines zweiten Stürmers (63./Eren Derdyiok kam) mit ansehen, wie zwar Toprak und Kießling noch zu Kopfbällen kamen, doch gefährlich wurde es nur auf der anderen Seite. Der in einigen Szenen geniale Reus scheiterte aber noch zweimal an Leno, dazu fand neben de Carmago auch Martin Stranzl mit einem Kopfball im bärenstarken Leno seinen Meister.

Herrmann ist wieder im Training

Doch die Borussen hatten sich etwas vorgenommen, etwas großes. „Wir haben die ganze Woche davon gesprochen: Wir wollen hier gewinnen”, berichtete Favre. Martin Stranzl, der den gesperrten Tony Jantschke hinten rechts gut vertrat, ließ tiefer blicken. „Der Trainer hat es uns eingetrichtert.” Der Glaube ist zurück nach den drei sieglosen Spielen, und mit ihren Gefühlsausbrüchen und dem enthemmten Jubel wurde auch klar: Sie haben mehr gegrübelt als zugegeben, doch vor dem Pokal-Hit gegen die Bayern am Mittwoch ist diese Last genommen. Dennoch gelten, bei allem Respekt für die großartige Schlussphase, die Worte von Kapitän Filip Daems: „Um die zu schlagen, müssen wir besser auftreten, sonst wird das nicht hinhauen.”

Vielleicht kann auch „Bayern-Schreck” Patrick Herrmann am Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) wieder spielen, er stieg am Sonntag nach seinem Schlüsselbeinbruch ins Mannschaftstraining ein. Die Zeit des Gähnens ist vorbei.