Aachen/Düren: Evivo-Anhänger und Alemannia-Fans: Ein Vergleich

Aachen/Düren: Evivo-Anhänger und Alemannia-Fans: Ein Vergleich

Die Halle drückt, die Halle tobt. Sie stöhnt und leidet, sie jubelt und flucht, sie schwitzt und friert. Der ganz normale Wahnsinn eben, wenn die Bundesliga-Volleyballerinnen von Alemannia Aachen an der Neuköllner Straße zum Ligaspiel antreten.

Hallensprecher André Schnitker ist Motor und Teil des tausendköpfigen Spektakels zugleich. Eine bessere Atmosphäre, das versichern unisono auch die Trainer der Gegnerinnen, sucht die Volleyball-Bundesliga vergeblich.

Arena Kreis Düren, samstagsabends, 20 Minuten vor Spielbeginn, Evivo Düren trifft auf den amtierenden Deutschen Meister aus Berlin. Und die Stimmung? Ist weitgehend noch nicht in der Halle angekommen, auch wenn die Arena in Düren mit 2456 Zuschauern mehr als die doppelte Kapazität wie die Mehrzweckhalle an der Neuköllner Straße fasst. Der Evivo-Fanklub „Moskitos” macht in seinen rot-weißen Trikots mächtig Rabatz, doch die meisten Zuschauer strömen erst kurz vor Spielbeginn ins Innere. Das Dürener Publikum geht deutlich gelassener und fast schon professionell mit der Volleyball-Darbietung um und lässt sich erst zu stehenden Ovationen hinreißen, als Diagonalangreifer Sebastian Gevert in die ersten Stuhlreihen springt, um eine verunglückte Annahme zu retten - und den Ball tatsächlich auch zurückbringt.

Vielleicht muss man ein paar Jahre zurückschauen, um die unterschiedliche Art der Herangehensweise zu verstehen: Evivo Düren spielt bereits seit 2004 in der Arena, nachdem sich die Halle am Burgau-Gymnasium als zu klein und vor allem für internationale Auftritte als ungeeignet erwiesen hatte. Die Arena ist dagegen schon als Champions-League-geeignet konzipiert worden und ist eine der modernsten Spielstätten in der gesamten Männerliga. Das Publikum ist sachkundig, fachkundig - und auch daran gewöhnt, einiges geboten zu bekommen.

Fachwissen war nun nicht unbedingt die allererste Qualität, die das Publikum vor allem in der Anfangszeit des Erstliga-Volleyballs mitbrachte. Da drehten sich verärgerte „Fachsimpeleien” auch schon mal gerne um die Frage, warum der Verein denn nicht in der Lage ist, für alle Spielerinnen ein Trikot in der gleichen Farbe zu besorgen. Dass die Libera generell ein andersfarbiges Trikot tragen muss, um erkennbar zu sein, spielte dabei keine große Rolle. Was ein Großteil des Aachener Publikums eint, ist, dass es zum einen gelungen ist, die familiäre Atmosphäre aus der kleinen Halle an der Bergischen Gasse zu Zweitligazeiten zu erhalten, und vor allem: Irgendwie hat sich der gute alte Tivoligeist von Alemannias Fußballern in die Volleyballhalle gerettet. Die Ränge feiern sich selbst und lassen sich feiern, der Roar des S-Blocks am alten Tivoli lebt kurz wieder auf, wenn die Fans „Wenn wir auf der Überdachten stehn . . .” anstimmen und dem Gegner mächtig Respekt einflößen.

Doch der Support von den Rängen ist nicht nur reiner Selbstzweck: „Das Publikum trägt die Mannschaft wie auf einer Welle”, hat Aachens Hallensprecher André Schnitker beobachtet. „Die Spielerinnen selbst sagen, dass sie dadurch noch einmal fünf bis zehn Prozent oben draufpacken können. Ein bisschen schade ist dann nur, dass sich auch die Gegnerinnen in der Halle davon tragen lassen.”

Das Volleyball-Publikum ist traditionell sehr fair, und in keiner anderen Sportart sind die Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten zwischen den Ballwechseln für Sprecher-Kommentare, Zuschauerreaktionen und Musikeinspielungen so groß. In Aachen stimmt das Publikum schon mal spontan das Stück „Mein Block” des Rappers Sido an, wenn ein gegnerischer Angriffsschlag erfolgreich abgewehrt wurde und Sprecher André Schnitker setzt noch ein „Not in my house . . .” obendrauf. In Düren darf sich ein gegnerischer Aufschläger schon mal gerne „Ein Freund, ein guter Freund . . .” anhören, wenn sein Ball in den Maschen oder im Aus gelandet ist und der eigenen Mannschaft einen freien Punkt beschert hat.

Neuer Hallensprecher in Düren ist seit dieser Saison Helmut „Helli” Schmitz, multifunktional im Verein, sozusagen „Mädchen für alles”, der auch versucht, das Evivo-Publikum von seiner emotionalen Seite zu packen. Ohnehin haben die Dürener Verantwortlichen nach einer durchwachsenen und klinisch kühlen Saison erkannt, dass ein emotionalerer Auftritt der Mannschaft für das Gesamtpaket von Vorteil wäre. „Wir wollen dem Publikum Volleyball bieten, der begeistert”, lautet der Vorsatz, mit dem Trainer Michael Mücke zu seiner zweiten Amtszeit in Düren angetreten ist. Und echte Typen wie Sebastian Gevert, Peter Lyck Hansen oder Kapitän Jaromir Zachrich baden im Applaus und den Anfeuerungsrufen des Publikums. „Ich brauche das Publikum nicht, um mich zu motivieren. Aber wenn wir einen spektakulären Punkt machen und die Zuschauer darauf emotional reagieren, dann pusht dich das noch einmal zusätzlich”, meint Gevert, der die Vorbereitung auf den Aufschlag mit stets dem gleichen Ritual regelrecht zelebriert.

Auch der belgische Neuzugang Dennis Deroey hat erkannt: „Die Atmosphäre motiviert dich so sehr, dass du jedem Ball hinterher hechtest, egal wie aussichtslos die Chance ist, ihn zu kriegen.”

Mehr von Aachener Zeitung