DFB-Präsident Grindel im Interview: „Europas Werte sollen gelebt werden“

DFB-Präsident Grindel im Interview: „Europas Werte sollen gelebt werden“

Reinhard Grindel hat ziemlich viel zu tun, das ist eigentlich immer so, er ist ja Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Im Interview mit Olaf Kupfer und Lothar Leuschen spricht der 57-Jährige über die Heim-Europameisterschaft 2024, Bundestrainer Jogi Löw und das Katastrophenjahr 2018 – und die Probleme zwischen Spitze und Basis im Fußball.

Herr Grindel, im „Spiegel“ sind neue Vorwürfe gegen den DFB laut geworden, es geht um horrende Abrechnungen aus der Vergangenheit, um Geburtstagszuschläge und Lustreisen. Fällt Ihnen da etwas auf die Füße?

Reinhard Grindel: Wir haben seit 2016 alles getan, damit sich die in der Vergangenheit vielleicht gemachten Fehler möglichst nicht wiederholen können. Wir haben strikte Richtlinien, ein Compliance-Managementsystem und eine Ethik-Kommission.

Sie waren beim Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel, um über die Euro 2024 zu sprechen. Wie soll die einmal bewertet werden?

Grindel: Es ist unser großes Ziel, dass nicht nur für der Spitzenfußball, sondern vor allem auch der Fußball an der Basis von dieser Europameisterschaft profitiert. Ich wünsche mir, dass die zehn Austragungsstädte durch die EURO motiviert werden, zum Wohle der örtlichen Vereine in die Sportinfrastruktur zu investieren. Auch aus diesem Grund besuche ich in der ersten Hälfte dieses Jahres persönlich die Bürgermeister der zehn Städte, diese Tour hat hier in Düsseldorf begonnen. Düsseldorf hat im nationalen Bewerbungsverfahren für die EURO 2024 sehr gut abgeschnitten und bei den bisherigen Besuchen war auch die Uefa von Stadt und Stadion sehr angetan.

Im Fußball wird viel über Geld und immer weniger über das Spiel gesprochen. Muss der DFB nicht Sachwalter sein und das Rad zurückdrehen? Wie könnte ein solches Turnier auch Bescheidenheit ausdrücken?

Grindel: Wir kommen bei der EURO 2024 ohne große Investitionen aus, weil ausreichend Stadien vorhanden sind, die nur punktuell saniert oder etwas ausgebaut werden müssen. Wir betonen zudem besonders nachhaltige Aspekte, beispielsweise im Bereich des Umweltschutzes. Im Rahmen der Bewerbung haben wir freiwillig ein umfangreiches Nachhaltigkeitskonzept erstellt, welches wir jetzt natürlich gemeinsam mit den Städten auch umsetzen wollen.

Wird sich Bescheidenheit auch in den Eintrittspreisen ausdrücken?

Grindel: Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die Uefa die Eintrittspreise festlegt. Es ist so, dass die paneuropäische EURO 2020 mit zwölf verschiedenen Ausrichterländern aufgrund des hohen logistischen Aufwandes ein sehr kostspieliges Turnier werden dürfte. Deswegen ist es vor allem auch im Interesse der 55 Mitgliedsverbände der Uefa, dass die EURO 2024 ein wirtschaftlicher Erfolg wird. Denn dieser garantiert die Weiterentwicklung des Fußballs in ganz Europa. Und die Aussicht auf diesen wirtschaftlichen Gewinn war einer der Gründe, warum das Exekutivkomitee der Uefa im vergangenen September so deutlich für Deutschland gestimmt hat.

Wird zu viel auf die Spitze des Fußballs Wert gelegt - und zu wenig auf die Basis?

Grindel: Nein, das sehe ich nicht so. Gerade auch mit meiner Person ist ja die besondere Bedeutung des Amateurfußballs im DFB verbunden. Insofern gibt es da kein Defizit. Es bringt aber auch nichts, Spitze und Basis gegeneinander auszuspielen. Alle unserer 25 000 Vereine profitieren doch davon, wenn unsere Nationalmannschaft erfolgreich ist. Und die Nationalmannschaft lebt davon, dass wir dank der Klubs an der Basis aus einem unglaublichen Pool von Talenten schöpfen können. Spieler wie Joshua Kimmich oder Marco Reus haben ja nicht beim FC Bayern München oder Borussia Dortmund mit dem Fußball angefangen, sondern beim VFB Bösingen in Württemberg und beim Post SV Dortmund.

Wie sehr ärgern Sie Kommentare etwa von FC Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge, der von einem DFB der Amateure spricht?

Grindel: Er hat gesagt: Beim DFB haben die Amateure das Sagen. Und das ist ja auch gar nicht so falsch. Wir arbeiten gut mit der DFL und den Vereinen der Bundesliga zusammen. Wichtig ist mir aber auch, dass unsere Basis weiß, dass sie nicht vergessen ist. Das werden wir auch wieder beim dreitägigen Amateurfußballkongress des DFB Ende des Monats in Kassel deutlich machen.

Entfernt sich die Basis nicht zunehmend vom Profisport? Wir reden über Anstoßzeiten, Montagsspiele oder über leere Tribünen bei Amateurspielen.

Grindel: Da, wo der DFB Verantwortung trägt, also etwa im DFB-Pokal, kämpfen wir ja sehr erfolgreich dafür, dass die bestehende Praxis erhalten bleibt. Und da zeigt sich: Das ist sehr akzeptiert und erfolgreich. Aber ich nehme die Profivereine auch ein Stück weit in Schutz: Die Situation bei uns ist weiterhin wesentlich fanfreundlicher als in England, Spanien oder Frankreich. Dort gibt es weit mehr Anstoßzeiten und die Eintrittspreise sind durch die Bank höher. Und es wird dort nicht auf Stehplätze oder Freiheit bei Fanutensilien geachtet. Bei uns haben sich die Vereine hingegen gerade entschieden, bei der nächsten Rechteperiode die Montagsspiele nicht mehr in Anspruch zu nehmen. Wir haben im Vergleich zu den anderen Nationen die Balance zwischen Fanfreundlichkeit und wirtschaftlichen Notwendigkeit bislang immer sehr gut eingehalten.

Trotzdem stehen Sie im Fokus der Fans. Der Dialog mit den Ultras ist lange beendet, Sie werden dafür beschimpft.

Grindel: Der Fandialog muss vor allem auf der Ebene der Vereine geführt werden. Wir haben den Dialog mit den Ultras nicht abgebrochen. Im Gegenteil, ich habe die Gespräche sogar als zielführend empfunden. Und für die Ultras waren sie ja auch durchaus erfolgreich: Wir haben die Kollektivstrafen weiterhin ausgesetzt, viel größere Transparenz in der Sportgerichtsbarkeit, ein klares Bekenntnis zu Stehplätzen und eine Fanutensilien-Richtlinie. Gleichzeitig wollten DFB und DFL aber eine Erklärung gegen Gewalt und die Nutzung von gefährlicher Pyrotechnik, denn Dialog kann niemals eine Einbahnstraße sein.

48 Mannschaften bei der WM 2026, 2022 die WM in Katar, womöglich dann auch schon völlig überdimensioniert. Was kann man dem Fußball noch zumuten?

Grindel: Generell rate ich dazu, ein solches Thema nicht nur durch die deutsche Brille zu sehen. Wir haben bei der Europameisterschaft mittlerweile 24 Mannschaften, die Uefa hat aber 55 Mitgliedsverbände. Und wir haben 2026 eine WM mit 48 Teams, die Fifa hat 211 Mitgliedsverbände. Jedes Land träumt, dass seine Nationalmannschaft einmal bei einem Endturnier dabei ist. Deswegen verdenke ich es den Kleineren nicht, dass sie diese Vergrößerung wollen. Die Ausweitung auf 48 Teams akzeptiere ich für die WM 2026, weil die USA, Kanada und Mexiko gemeinsam eine Infrastruktur haben, die ein solches Teilnehmerfeld zulässt. In Katar bewerte ich das aktuell noch anders. Dort sind wir schon abgewichen von der ursprünglichen Ausschreibung und spielen im November und Dezember eine WM. Die laufende Saison in Europa und anderen Regionen muss deshalb unterbrochen werden. Wenn die WM nun dort schon mit 48 Mannschaften gespielt würde, dauerte das Turnier noch ein paar Tage länger. Darin sehe ich eine Schwierigkeit. Zudem gibt es bis heute keine klare Aussage des Veranstalters Katar, ob man dort überhaupt in der Lage ist, ein Turnier mit 48 Mannschaften auszurichten. Über eine Ausweitung müsste schlussendlich der Fifa-Kongress entschieden, aber ich persönlich bin dagegen.

Sie erklären es romantisch. Aber ist es nicht so, dass der Kuchen größer werden soll, um mehr Stücke verkaufen zu können?

Grindel: Die Zahl der nicht so attraktiven Spiele in der Vorrunde wird auch steigen. Kommerziell wird das kein riesiges Plus bedeuten. Für mich ist die Frage entscheidend, dass man akzeptiert, mehr Verbände zuzulassen. Mit ähnlichen Argumenten haben wir als DFB auch die Europa League 2 unterstützt und der Nations League etwas abgewinnen können. Dem DFB hat es im Vorfeld der Euro-Bewerbung gutgetan, den kleineren und mittleren Verbänden gegenüber solidarisch aufzutreten. Von dieser Linie werden wir nach dem Euro-Zuschlag auch nicht abweichen.

Das Fußballjahr 2018 ist danebengegangen. Viele haben nicht verstanden, warum Jogi Löw noch Bundestrainer des Neuanfangs ist. Warum?

Grindel: Wir sind im Präsidium weiterhin alle der Auffassung, dass Jogi Löw der richtige Trainer für den nötigen Neuanfang ist. Er hat in den Spielen gegen Frankreich und die Niederlande bewiesen, dass er neue Spieler an die Mannschaft heranführt. Und ich gehe fest davon aus, dass sich dies im neuen Jahr fortsetzt. Joachim Löw ist motiviert und voller neuer Ideen. Darüber hinaus verfügt er über eine herausragende Sozialkompetenz für die Mischung neuer und erfahrener Spieler.

Hätte er das nicht besser früher erkannt?

Grindel: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wenn eine völlig neu formierte Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland keinen Erfolg gehabt hätte, hätten alle gesagt: Wie kann man denn auf Erfahrung verzichten? Wir brauchen eine gute Mischung. Wir haben junge Spieler wie Sane, Rüdiger, Brandt oder Goretzka, dazu kommen beispielsweise Toni Kroos und Manuel für die Erfahrung.

Was sind die klaren Zielvorgaben des Verbandes?

Grindel: Das Spiel soll attraktiver, offensiver und schneller werden. Unser Fußball soll die Fans wieder begeistern. Und ich wünsche mir, dass wir wieder mit den führenden Ländern in Europa wie England, Frankreich, Portugal und Belgien mithalten können.

Was haben Sie 2018 falsch gemacht?

Grindel: Im Nachhinein würde man vielleicht das eine oder andere anders machen. Aber generell würde ich nahezu alle Entscheidungen wieder so treffen. Das soll nicht selbstgefällig klingen, aber als Präsident des DFB ist man eben oftmals auch abhängig von Sachverhalten, auf die man gar keinen Einfluss hat.

Die jungen, individuell starken und verantwortungsbewussten deutschen Spieler werden seltener. Wo sind sie?

Grindel: Die Nachwuchsleistungszentren und die Verantwortlichen der U-Mannschaften im DFB müssen wieder enger zusammenrücken.

Was läuft falsch?

Grindel: Es entstehen kaum noch Persönlichkeiten, weil den Jugendlichen zu viel abgenommen wird. Experten haben festgestellt, dass mittlerweile bis 25 Personen um einen jungen Spieler herumschwirren. Das ist nicht richtig. Junge Spieler müssen auch lernen, sich selbst einmal durchsetzen. Deswegen setze ich darauf, dass sie möglichst lange in der Schule bleiben und nebenbei im besten Fall noch eine berufliche Ausbildung anfangen, um gefordert zu werden. Dort, wo ihnen kein Berater und kein Assistenztrainer helfen kann.

In England läuft es besser, der Nachwuchs dort wird gefeiert – und spielt in Deutschland.

Grindel: Man darf nicht übersehen, dass wir in Großbritannien immer noch eine Gesellschaft haben, in der Erfolg im Fußball auch mit sozialem Aufstieg verbunden ist. Wer es insofern in ein Leistungszentrum bei Manchester City oder Liverpool geschafft hat, hat sich anders durchbeißen müssen als mancher deutscher Jugendspieler und ist deswegen vielleicht weiter. Ich sehe aber mit Sorge, dass die Zahl der englischen oder französischen Nachwuchsspieler in den Bundesliga-Kadern wächst und dagegen die der deutschen Spieler nicht so sehr.

Was fordern Sie? Eine neue Quote?

Grindel: Es war immer ein Vorteil deutscher Nachwuchsarbeit gegenüber England und Frankreich, dass junge Spieler relativ schnell auf Bundesliga-Niveau spielen konnten. Der deutsche Klubfußball profitiert zwar aktuell davon, dass ausländische Nachwuchsspieler in die Bundesliga kommen, aber wir müssen die Talentförderung so verbessern, dass sich auch unsere U-Spieler auf höchstem Niveau weiterentwickeln können.

Was kann der Fußball vom Handball lernen?

Grindel: Ich bin in Hamburg beim WM-Halbfinale selbst dabei gewesen. Und mein eigener Sohn hat mir gerade eröffnet, dass er auch mal Lust hätte, Handball auszuprobieren. Das ist alles völlig in Ordnung. Jetzt geht es für den Handball darum, den Erfolg des Turniers nachhaltig umzusetzen. Es werden aktuell viele Sporthallen in Deutschland gebaut. Deswegen haben diese Hallen-Sportarten von der Infrastruktur mindestens so gute Voraussetzungen wie der Fußball.

Was wollen Sie in einer nächsten Amtszeit ab Herbst erreichen?

Grindel: Ganz klar: Die Weichenstellung für die Euro 2024, unseren Neubau auf der bisherigen Galopprennbahn in Frankfurt, verbunden mit strukturellen Änderungen im DFB mit dem Aufbau der Akademie. Und die Förderung des ehrenamtlichen Nachwuchses und einer besseren Sportinfrastruktur an der Basis. Daneben geht es auch um die Entbürokratisierung des Steuer- und Sozialversicherungsrechts für Vereine, die so wahnsinnig notwendig ist für die Stärkung des Ehrenamtes. Und zu mir: Ich bin frisch bestätigt im Fifa Council und habe die Unterstützung der Landesverbände und der Bundesliga, ich bereite mich mit großer Zuversicht auf den Bundestag im Herbst vor.

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