Köln: Es geht um mehr als die Fußball-Bundesliga

Köln : Es geht um mehr als die Fußball-Bundesliga

Die Sprinkler leisten ganze und gute Arbeit, und das Grün der Jahnwiesen leuchtet herrlich frisch. Man könnte sofort loslegen mit einem gepflegten Fußballkick. Auch hinter den einladenden Plätzen für die Hobbyfußballer lädt ein Stadion zum Spiel, doch an diesem Tag, rund 75 Stunden vor der Partie des 1. FC Köln in der Bundesliga gegen den FC Bayern München, sind Aktivitäten auf dem Gelände im Stadtteil Müngersdorf eher spärlich.

Zwei Jogger laufen vorbei, eine Handvoll Radfahrer kurvt gemütlich über den sonnenüberfluteten Platz. Und eine Kindergartengruppe steuert in gelben Warnwesten fröhlich Kinderlieder schmetternd auf die Straßenbahn-Haltestelle zu.

Beim Spiel gegen die Bayern wird nicht so fröhlich gesungen, eher trotzig und vielleicht auch ein bisschen melancholisch. Aber es wird voll werden, noch einmal, 50.000 Menschen werden das Areal bevölkern. Und wohl achtlos an dem Laternenmast vorbeigehen, auf dem der Aufkleber pappt mit der Aufschrift: „Europa League 2017/18, da simmer dabei“. Die Menschen kommen, um Abschied zu nehmen — es ist das letzte Heimspiel der vermaledeiten Saison. Und um kurz vor halb sechs heißt es dann für alle Kölner, die nicht die T(ort)our am letzten Spieltag zum VfL Wolfsburg am kommenden Samstag auf sich nehmen: Tschüss, Erste Liga!

„Die Stimmung isr prima“

Drei Tage vor dem Spiel ist der FC in der Stadt kein großes Thema. Auch nicht im Fanshop im Stadion, wo der Andrang mit zwei Kunden überschaubar ist und man keine Auskunft geben möchte über die Stimmung der Kundschaft und das Kaufverhalten. Für Fragen „wenden Sie sich bitte ans Geißbockheim“, heißt es, also an die Geschäftsführung. Gut, so wichtig ist die Frage dann auch wieder nicht, und am Ende des Tages sollte sie sowieso noch beantwortet werden. Immerhin: Ein „alles bestens, die Stimmung ist prima“ wird beim Abschied noch (verbotenerweise) kommuniziert.

Später geht’s „e Stündche durch de Stadt“: Der 1. Fußball Club Köln bleibt im Verborgenen, die Menschen in seiner Heimatstadt scheinen müde vom endlos langen Abstiegskampf. Ein Dutzend Passanten geben bei der nicht repräsentativen Umfrage meist nur knappe Antworten, und nein, ein längeres Gespräch möchte keiner führen. Es sei schon traurig, man hoffe auf den Wiederaufstieg, und Schuld würden im Verein ja irgendwie alle tragen. Allgemeinplätze.

„Dä Schmadtke, die Pappnaas!“

Allein Thorsten Finke, 24, Student und bekennender FC-Fan (seine Kappe ist das einzige Fan-Utensil, das rund um Rudolfplatz, Chlodwigplatz und Neumarkt in dieser Stunde zu sehen ist), sagt energisch: „Klar, wir werden sofort wieder aufsteigen.“ Ähnlich bestimmt ist Werner („dat reicht“), ein geschätzt Mitte 60-jähriges Kölner Urgestein, der den Schuldigen am Abstieg präzise festmacht. „Dä Schmadtke, die Pappnaas!“ Klare kölsche Worte!

Die Umfrage wurde übrigens vor einem Imbiss am Chlodwigplatz geführt, dem „mangal Döner“ von FC-Ikone Lukas Podolski. Hier erinnert vieles an den populärsten Kicker der jüngeren Vergangenheit aus der Domstadt, aber rein gar nichts an den FC. Nur so am Rande: Hätten die Kölner gelegentlich so gut gespielt wie Poldis Döner schmeckt, der Abstieg wäre kein Thema gewesen.

Weitere verbale Ausfälle wie der von Werner sind nicht zu hören vor dem Liga-Abschiedsspiel, bei dem heute die Stadionhymne vielleicht noch ein bisschen inbrünstiger gesungen wird als sonst. Wie heißt es doch im Text der „Höhner“:

„Freud oder Leid, Zokunf un Verjangenheit
E Jeföhl dat verbingk — FC Kölle
Ov vür ov zoröck — neues Spell heiß neues Jlöck
E Jeföhl dat verbingk — FC Kölle“

Und noch ein Heimatlied wird sicherlich in der Kurve angestimmt und die Gefühle der kölschen Fanseele rühren:

„Wat och passeet,
dat Eine is doch klor,
dat Schönste, wat m’r han,
schon all die lange Johr,
es unser Veedel,
denn he hält m’r zosamme,
ejal wat och passeet,
en uns’rem Veedel.“

Ja, ganz egal, was auch passiert beim 1. FC Köln — man hält zusammen. Und das Gefühl ist oft wichtiger als der Sport. In nun schon weit über 50 Jahren Fußball-Bundesliga hat es kaum eine Mannschaft gegeben, der bundesweit eine solch große Anerkennung beim Gang in die Zweitklassigkeit zuteil wurde. Was auch mit dem Fußball spielenden Kölner Personal im Jahr 2018 zu tun hat. Vielmehr aber mit den Menschen auf den Tribünen.

„Ejal, wat och passeet“. Als der nun bereits sechste Abstieg des 1.FC Köln seit 1998 aus der Bundesliga am vergangenen Wochenende in Freiburg perfekt war, stimmten die Fans das „Bläck-Fööss“-Lied „En uns‘rem Veedel“ an. „Denn he hält m’r zosamme“, intonierte die rot-weiße Fangemeinde für die in neongelb-gräulich-grässlich gewandeten Spieler, die sichtbar mitgenommen waren (vielleicht auch wegen der Trikots, aber hauptsächlich wegen der Fans). Für einige ist dieses Verhalten der Anhänger reine Gefühlsduselei, für die Menschen in der Kurve ist es nicht weniger als eine Lebenseinstellung. Und auch für Spieler. So sagte Marcel Risse im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Das war emotional, einmalig, dafür sollten wir sehr dankbar sein. Das alles hat mir persönlich sogar mehr bedeutet als die Feier mit den Fans nach der Europa-League-Qualifikation. Die Momente waren ganz besonders — auch wenn sie traurig waren.“

Wo blieb der Frust über die verkorkste Saison? Wo die Trauer über den Abstieg? Nico Mestrum sagt, „das ist mir eigentlich egal, dass wir jetzt in der Zweiten Liga spielen“. Und das gehe vielen FC-Fans so. Ihm geht es um mehr als eine Ligazugehörigkeit, und Nico Mestrum ist wahrscheinlich ein gutes Beispiel für die Menschen von der Südtribüne. Nico, 18 Jahre jung, findet, „dass beim FC vieles mit dem Stolz auf die Stadt und auf den Verein zu tun hat“. Gut sichtbar war es in Freiburg, wo rot auf weiß und in großen Lettern auf einem Plakat prangte: „WIR SIND DER 1.FC KÖLN“. Dieser Stolz steht über so profanen Dingen wie Sieg und Niederlage.

Es war nicht immer so, der Abstieg im Jahr 2012 wurde begleitet von unschönen Momenten. Wer erinnert sich nicht an das in schwarzen Rauch gehüllte Stadion nach der Niederlage gegen Bayern München? Das Szenario war auch dem Chaos im Verein geschuldet. Dieses Jahr ist der FC, das Fußballerische mal ausgenommen, ja fast schon ein Vorzeige-Club. Und heute befürchtet kaum einer ähnliche Chaos-Szenen. Nimmt man die kleine Zahl der Unverbesserlichen aus, gebührt der Fanszene des 1. FC Köln in diesem Jahr großer Respekt. Was haben sie nicht alles erlebt in den vergangenen zwölf Monaten!? Die Qualifikation für die Europa League, die Reise zum FC Arsenal nach London, der Absturz in der Liga, die Rückkehr der Hoffnung. Den befremdlichen Abgang des Managers Jörg Schmadtke und die Demission des sich zu diesem Zeitpunkt noch im Heldenstatus befindlichen Trainers Peter Stöger. Die umjubelten Heimsiege gegen die ungeliebten Rivalen aus Mönchengladbach und Leverkusen, den unerwarteten Triumph in Leipzig.

Achterbahnfahrt der Gefühle

Aber auch die Pleiten in Hoffenheim und gegen Stuttgart und das nicht gewonnene „Endspiel aller Endspiele aller Endspiele“ gegen Mainz. Achterbahnfahrten der Gefühle, aber nur ganz selten brach sich bei einem kleinen Teil der Fans der Frust seine Bahn. Meist bei den Ultras, „von denen haben einige in Berlin die Trikots zurückgeworfen. Die Fans dahinter haben dagegen der Mannschaft applaudiert“, erinnert sich Nico Mestrum. Zusammenhalt eben. Und der kennt keine Ligazugehörigkeit.

Psychologen versuchen sich derweil an Einordnungen des Abstiegs. Stephan Grünewald etwa, Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold. Er zog im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur jüngst die große Linie. „Köln hat in den letzten Jahren viele Abstiegserfahrungen jenseits des Fußballs gemacht“, sagt er. Grünewald denkt an den Einsturz des Stadtarchivs, die Silvesternacht und die Oper, die nicht fertig wird. Das alles nage am Selbstvertrauen, Köln sei eben schon auf vielen Feldern zweitklassig. Und nun eben auch wieder einmal auf dem Fußballfeld.

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Der FC ist der FC und nicht die Oper.

Der FC Bayern, der SV Sandhausen

Heute also noch einmal gegen die Bayern. Gegen den Meister, gegen den im Lande alle überragenden Verein. Es wird trotz des Zusammenhalts ein sicherlich tränenreicher Abschied vom Heimpublikum am 5. Mai 2018. Noch nicht einmal ein Jahr nach der Eruption der Emotionen mit dem Europa-League-Einzug durch den 2:0-Erfolg gegen Mainz 05 am 20. Mai 2017. Und gerade einmal drei Monate vor dem Auftakt der neuen Zweitliga-Saison (3 . bis 5. August). Vielleicht gegen den SV Sandhausen, dem bei allem Respekt symbolhaftesten Verein für das Provinzielle in der Zweiten Liga.

„Ich glaube, dass wir auch in der Zweiten Liga das Stadion gelegentlich voll haben werden“, sagt der freundliche Mitarbeiter in einem anderen FC-Fanshop der Stadt. Ihm hat man sich nur als Kunde vorgestellt, nicht als Journalist, und so erzählt der junge Mann von (nachvollziehbar) schlechteren Zahlen zum Vergleichsmonat 2017 (Qualifikation für die Europa League!!!) und seiner Hoffnung. Denn „das letzte Zweitligajahr war unser umsatzstärkstes“. Erste Liga, zweite Liga, was soll’s: „Ejal wat och passeet, m’r hält zosamme“. Weil: „FC Kölle — dat ist e Jeföhl, dat verbingk!“

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