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Ein smarter Kanadier serviert Popp ab

Ein smarter Kanadier serviert Popp ab

Aachen. Frederic Niemeyer ist definitiv glücklich. „Definitiv”, wiederholt er. Warum auch nicht? Der Mann hat schließlich die erste große Geschichte des Aachener ATP-Turniers geschrieben.

Als letzter Spieler war die Nummer 162 der Welt überhaupt direkt ins Hauptfeld gerutscht, um dann in Runde 1 gleich die Nummer 5 der Setzliste, Topfavorit Alexander Popp aus dem Wettbewerb zu kegeln.

„Als ich die Auslosung sah, dachte ich nur: Wow, das wird hart”, erinnert sich Niemeyer, „doch dann habe ich gut gespielt und das nötige Glück gehabt.”

Seit Mittwoch ist er in Aachen, hatte mit einem Start in der Qualifikation gerechnet, Freitag rutschte er dann noch ins Hauptfeld. „Dieses Turnier ist nach einer langen Saison ein Bonus. Ich seh´ das ganz relaxed”, sagt der Hobby-Skilangläufer.

Anders auf dem Court. Da wirkt Niemeyer, dessen Vater übrigens aus Cloppenburg stammt, hoch konzentriert. Seine Stärke: sein Service. „Früher hab ich immer nur boom, boom, boom aufgeschlagen, nun serviere ich smarter”, erzählt er.

Zu smart für Popp und in der Vergangenheit auch schon zu smart für Top-10-Spieler wie Paradorn Srichapahn.

Bis April hatte Niemeyer eine Verletzung außer Gefecht gesetzt, seitdem stürmte er nach vorne. Von weit über 500 bis auf Platz 162 der Weltrangliste. Höhepunkt war seine Qualifikation für Wimbledon.

Dass er nun den dortigen Viertelfinalisten bezwang will er aber nicht überbewerten. Niemeyer im nächsten Jahr dann im Halbfinale? „Nein”, lacht er, „unglücklicherweise klappt das so nicht.”

Während Niemeyer einen Favoriten aus dem Turnier schmiss, kämpfte sich ein anderer durch: Der Österreicher Jürgen Melzer, immerhin an Nummer 4 gesetzt, musste gegen den schwedischen Qualifikanten Johan Settergren sogar einen Matchball abwehren.

Letztlich bog der 22-Jährige das Match in zwei Tie-Breaks. „Das war eine gute Kopfleistung”, resümiert er. Nun geht es weiter - Daniel Elsner wartet heute in Runde zwei. „Als 78 der Welt fährt man zu so einem Turnier, um zu gewinnen”, gibt er sich selbstbewusst.

Für den emotionalen Wiener wäre es der Schlusspunkt unter sein erstes Jahr auf der Tour. Melzer hat sich dabei in den Top 100 festgesetzt. „Aber es geht immer noch besser”, weiß er.

Schließlich musste allzu oft der Schläger - wie übrigens auch in Aachen - auf den Boden krachen. 15-mal war Endstation in Runde 1.

„Ich muss einfach konstanter werden”, fordert er. Dann sei alles möglich. „Ich habe das Potenzial für die Top 10, aber da muss dann auch alles passen”, fügt er hinzu. Und vielleicht würde der Name Melzer dann auch die nötige Anerkennung findet.

Seit Thomas Muster krankt der österreichische Tennissport an Ignoranz gegenüber seinen Nachfolgern. Stefan Koubek stand Anfang der Saison kurz auf Platz 1 des Champions Races, gleich vier Spieler kletterten unter die 100 Besten. Keiner nahm´s zur Kenntnis.

„Als Kämpfer war Muster einmalig, aber es ist nicht einfach in seine Fußstapfen zu treten”, betont Melzer. Er will es versuchen.

Und dann hat er noch ein Problem: Der Fernseher im Hotel arbeitet nicht mit der Play Station zusammen. Also schnappten sich Melzer und seine Landsleute Knowle und Peya ein Auto und fuhren durch die City.

„Wohl leider durch den falschen Teil”, verpackt der Mann mit dem Zopf seine Eindrücke. Er hätte Frederic Niemeyer mitnehmen sollen. Der war auch unterwegs und meint: „Eine sehr schöne Stadt.”

ATP-Turnier in Zahlen

1. Runde: Ketola (Finnland) - Goellner (Neuss/WC) 6:2, 6:4, Pescosolido (Italien/8) - Costa (Brasilien) 4:6, 6:3, 7:6 (7:1), Melzer (Österreich/4) - Settergren (Schweden) 4:6, 7:6 (7:5), 7:5, Berrer (Freudenstadt) - Stoliarov (Rusland) 6:3, 3:6, 7:5, Kohlmann (Herdecke) - Phau (Weilerswist) 6:4, 4:6, 7:5, Elsner (Memmingerberg) - Bastl (Schweiz) 6:4, 7:6 (7:5), Browne (Argentinien/7) - Karanusic (Kroatien) 6:4, 7:6 (7:2), Heuberger (Schweiz) - Craca (Bad Wilbad) 6:4, 3:6, 6:3, Voltchkov (Weißrussland/3) - Sabau (Rumänien) 6:2, 6:2, Ancic (Koratien/1) - Hantschk (Bobrach) 6:4, 6:1, Carlsen (Dänemark) - Petzschner (Bayreuth) 7:6 (8); 6:4

Spielbeginn am Mittwoch: 11 Uhr; Spiel des Tages (nicht vor 19 Uhr) Santopadre (Italien) - Burgsmüller (Mühlheim)