Fußball-Ikone: Diego Maradonas Leben zwischen Genie und Wahnsinn

Fußball-Ikone : Diego Maradonas Leben zwischen Genie und Wahnsinn

Ein eindrucksvoller Dokumentarfilm erzählt die Geschichte an der Spitze seines Erfolgs und von seinem Absturz. Diese gibt nicht nur einen Einblick in das Leben der Fußballlegende, sondern auch in die Schattenseiten des Lebens in der Mafiahochburg Neapel.

Zwischendurch hält man es kaum aus, da möchte man den Kerl schütteln und fragen: Hast du sie noch alle? An jener Stelle etwa, als Maradona erzählt, dass in Italien sonntags gespielt wurde, und dass er danach bis Mittwoch durchgefeiert habe, wobei er mit „durchfeiern“ nicht „ein paar Bierchen mit den Kumpels“ meint, sondern Koks zum Sattessen mit dem örtlichen Camorra-Chef.

Ab mittwochs habe Maradona dann versucht auszunüchtern. Und weil das auf die Dauer natürlich nicht gut gehen konnte, ließ er sich am Samstag von Quacksalbern Spritzen in den Rücken setzen. Was drin war in den Spritzen? Egal. Maradona schoss sonntags weiter Tore. Was wiederum gefeiert werden musste.

„Diego Maradona“ heißt der Dokumentarfilm, der nun ins Kino kommt, und wer eine Heldengeschichte erwartet, sollte gewappnet sein: Diese 130 Minuten sind tieftraurig. Sie erzählen, wie ein Junge aus der Gosse für den Ruhm mit seiner Zurechnungsfähigkeit bezahlt. Regisseur Asif Kapadia versteht sich auf Biografien der Popkultur, er porträtierte bereits Ayrton Senna und Amy Winehouse. Kapadia interessiert der Punkt, an dem eine Karriere kippt, er sucht das Drama des Erfolgs.

Kapadia zeigt Maradona ausschließlich in Neapel. Als teuerster Spieler der Welt kommt der 23-Jährige, der in den Slums von Buenos Aires aufgewachsen ist, vom FC Barcelona nach Italien. Er ist pleite, hat einen Knöchelbruch hinter sich, und zuletzt hat er eine Schlägerei auf dem Platz angefangen. Keiner will ihn, nur der SSC Neapel, ein Verein ohne Erfolge in einer Stadt, die als Armenhaus des Landes gilt. „Ich wollte einen Ferrari, ich bekam einen Fiat“, kommentiert Maradona. Die Neapolitaner begrüßen ihn indes wie den Heiland. 85.000 kommen zu seiner Vorstellung. Und als ein Reporter den Präsidenten des Vereins fragt, ob Maradona wisse, was die Camorra sei, wirft der Präsident den Mann raus. Vielleicht hätte man Maradona spätestens hier sagen müssen: Tu’s nicht, Diego.

Aber er tut es, und Maradona gelingt das Unglaubliche: Er führt die Gurkentruppe an die Tabellenspitze. 1987 feiern sie die Meisterschaft, sie feiern wochenlang, die Stadt ist buchstäblich aus dem Häuschen. Am Eingang zum Friedhof hängen Fans ein Spruchband auf, darauf steht: „Ihr habt was verpasst.“ Dass Neapel so verachtet wird, ist Maradonas Antrieb. Es gibt Szenen vom Spiel gegen Turin, in denen die gegnerischen Fans „Wascht euch!“ rufen, als Neapels Spieler auf den Platz kommen.

So wird denn Maradonas Leistung als soziale Befreiung gefeiert. Er ist nun nie mehr alleine. Sie umarmen und küssen ihn, und in einer Szene ruft der verzweifelte Superstar: „Aber nicht auf den Mund!“ Bei einer Blutuntersuchung zapft ein Pfleger etwas Maradona-Blut für sich ab und bringt es in die Kirche, wo er es neben der Figur von San Gennaro deponiert, dem Schutzpatron der Stadt. Von der WM 1986 kehrt Maradona als Weltmeister zurück. Im Viertelfinale gegen England, das als Fortsetzung des Falklandkriegs inszeniert wurde, hatte er den Ball mit der Hand ins Tor bugsiert und verwies auf die Hand Gottes. Kurz darauf zog er an fünf Gegenspielern vorbei und traf erneut. Die beiden Treffer dokumentieren Genie und Wahnsinn Maradonas.

Eine weitere Meisterschaft und der Gewinn des Uefa-Pokals mit Neapel folgen. Maradona ist auf dem Olymp, und dort geht er sich selbst verloren. Er steht in einem Pelzmantel da, der schon sehr nach Graf Koks aussieht, und als ein Reporter fragt, ob der neu sei, antwortet Maradona: „Ich musste mir was Warmes anziehen, und da habe ich den genommen.“ Der Frau, die sagt, sie habe ein uneheliches Kind von ihm, entgegnet er, dass das ja wohl nicht sein könne. Obwohl das Kind so sehr nach ihm aussieht wie damals das von Angela Ermakova nach Boris Becker.

Diego und Maradona

Sein Fitnesscoach sagt, dass Diego und Maradona zwei unterschiedliche Menschen seien. Diego sei unsicher, Maradona eine Kunstfigur, die Diego erfunden habe, um sich zu schützen. Und irgendwann gewann Maradona die Oberhand über Diego.

Die Zuneigung, mit der sie Maradona zu ersticken drohten, schlägt schließlich in Hass um: WM 1990 in Italien. Halbfinale. Argentinien gegen Italien. Spielort Neapel. Ausgerechnet: Was hat sich der Fußballgott dabei gedacht? Neapel sei nicht Italien, sagt Maradona vorab, und dass er als Neapolitaner zu Argentinien halten würde. Dann verwandelt er den vorletzten Elfmeter, Italien war raus: Finito. „Der Teufel wohnt in Neapel “, titelt eine Zeitung.

In einem der nächsten Liga-Spiele wird Maradona zur Dopingprobe gebeten: Sie ergibt, dass Mittwoch bis Sonntag zum Ausnüchtern nicht reicht. Er wird gesperrt und flieht. Zwei Wochen später findet man in seinem Apartment in Buenos Aires 1,5 Kilo Koks.

Den Rest der Geschichte kennt jeder, der die WM 2018 in Russland verfolgt hat, wo Maradona auf der Tribüne pöbelte und wegdämmerte und nicht mehr Diego war und womöglich nicht mal mehr Maradona. Asif Kapadia zeigt wenige Szenen aus der Gegenwart. In einer schleicht Maradona über ein Spielfeld. Er schiebt einen Ball ins Tor und jubelt, als habe ihm die Queen gesagt, dass die Nummer mit der Hand Gottes nun vergeben sei. Vielleicht freut sich Maradona aber gar nicht über das Tor, sondern darüber: Sein Sohn spielt mit ihm, jener Junge, den Maradona nach 30 Jahren doch noch anerkannt hat.

 Ein schöner Moment in einer großen Tragödie.

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