Nationalsozialismus: Die braune Vergangenheit der Fußballvereine

Nationalsozialismus : Die braune Vergangenheit der Fußballvereine

Von vielen Fußball-Klubs wurde die NS-Zeit lange ausgeblendet. Das hat sich mittlerweile geändert – und ein neues Bewusstsein geschaffen.

Es ist vollkommen ruhig, als die Nürnberger Fanbetreuer das rot-weiße Gebinde mit der Aufschrift „Im stillen Gedenken“ ablegen. Es soll an die Menschen erinnern, die hier, im KZ Flossenbürg, ihr Leben gelassen haben. Die Asche Tausender Menschen liegt unter einer Grasfläche in der unmittelbaren Nähe des Krematoriums. Am Samstag um acht Uhr morgens sind die Club-Fans Richtung Oberpfalz aufgebrochen. Einen Teil der Kosten hat der Verein übernommen, Geschäftsführer Niels Rossow kommt am Samstag persönlich vorbei und nimmt am ersten Rundgang teil.

Bis zu vier Menschen wurden in den Baracken in ein Bett gepfercht, esN gab zwei Toiletten für bis zu 1000 Häftlinge, die im nahen Steinbruch Granit abbauten. „Vernichtung durch Arbeit“, hieß das Programm. Die Nazis brauchten das Gestein für ihre Pläne, dem 1000-jährigen Reich eine 70 Meter hohe, dem Kolosseum in Rom nachempfundene Kongresshalle zu bauen. Die Außenfassade des Kolosses wäre komplett aus Granit gewesen. Das 38 Meter hohe, nie fertiggestellte Dokument des Größenwahns steht nur etwa einen Kilometer Luftlinie neben dem Max-Morlock-Stadion, in dem der FCN seine Heimspiele austrägt.

Nur zögerliche Aufarbeitung 

„Erst um die Jahrtausendwende haben die meisten Vereine angefangen, die NS-Zeit aufzuarbeiten“, stellt Bernd Siegler fest. Der Nürnberger Historiker und Journalist hat Mitte der Neunziger die Geschichte des FCN in der Nazizeit recherchiert. „Das war im Bundesvergleich sogar noch früh“. Bei einigen steckt die Aufarbeitung noch heute allenfalls in den Kinderschuhen. Auch der DFB erwähnte erstmals 2000, 55 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, überhaupt in einer offiziellen Broschüre die Namen der von den Nazis verfolgten jüdischen Nationalspieler Gottfried Fuchs und Julius Hirsch, schwieg sich aber über seine eigene Rolle während der NS-Zeit beharrlich aus. Erst nach massiver öffentlicher Kritik gab man eine wissenschaftliche Arbeit in Auftrag, die 2005 in Buchform –  „Fußball unterm Hakenkreuz“ von Nils Havemann – auch das Versagen des DFB benannte.

Noch 1975 war der Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens beim DFB in Ungnade gefallen, nachdem er gefordert hatte, der Verband müsse sein „Wolkenkuckucksheim verlassen“ und die eigene Geschichte aufarbeiten. Es war die Amtszeit von DFB-Präsident Hermann Neuberger, der drei Jahre später den Besuch des Alt-Nazis Hans-Ulrich Rudel im deutschen Mannschaftsquartier bei der WM 1978 in Argentinien befürwortete.

Mittlerweile stellt sich auch der DFB seiner Vergangenheit. Hier besucht Bundestrainer Joachim das KZ Auschwitz. Foto: imago sportfotodienst

Nicht viel besser als beim Verband lief die Aufarbeitung der eigenen Geschichte bei den Vereinen. Bis weit in die Neunziger Jahre hinein erschienen Vereinschroniken mit einem blinden Fleck zwischen 1933 und 1945. Das war zum Teil der Tatsache geschuldet, dass vielerorts die Unterlagen im Krieg verschollen sind. Doch auch dort, wo sie erhalten waren, wurde die NS-Zeit totgeschwiegen. „Oft gab es nach dem Krieg personelle Kontinuitäten“, weiß Johannes Lauer, Historiker und Guide in Flossenbürg. „Und die Geschichtswissenschaft muss sich vorwerfen lassen, dass sie sich erst sehr spät für den Fußball interessiert hat.“

Lauer unterscheidet zwischen Vereinen, die auf Initiative von Fans und Mitgliedern aktiv wurden – und solchen, bei denen es die Präsidenten waren, die die NS-Aufarbeitung auf die Agenda setzten. Hierzu zählt er Hannover 96, wo Martin Kind schon zum 100-jährigen Vereinsjubiläum eine umfassende Dokumentation erstellen ließ. Auch bei Schalke 04 (2001) und Hertha BSC Berlin (2007) wurde die Vereinsführung aktiv. Anderswo waren es engagierte Einzelpersonen wie der Düsseldorfer Pressesprecher Tom Köster oder der FCK-Anhänger Markwart Herzog, die in die Archive stiegen.

In Frankfurt bekam der Historiker Matthias Thoma im Vorfeld der WM 2006 nicht nur volle Unterstützung bei der Erstellung seiner Diplomarbeit über die Eintracht in der NS-Zeit. Sondern auch gleich die neu geschaffene Stelle als Leiter des 2007 in Betrieb genommenen Vereinsmuseums. In Mönchengladbach gebührt derweil Pressesprecher Markus Aretz das Verdienst, die langjährige Geschichte der Borussia zu Israel dokumentiert zu haben.

Zeichen der Aussöhnung

Dass die Nationalmannschaft Israels erstmals 1969 zu einem Freundschaftsspiel am Bökelberg antrat, war dabei auch dem Zufall geschuldet. Der damalige Nationaltrainer Israels, Emanuel Schaffer hatte seine Ausbildung an der Kölner Sporthochschule unter Borussen-Trainer Hennes Weisweiler absolviert. Bis 2008 folgten fast 30 weitere Begegnungen gegen israelische Mannschaften. Das Auswärtige Amt bestärkte die Gladbacher Verantwortlichen bei ihren Reiseplänen nach Israel. Auch Bonn sah darin ein hochwillkommenes Zeichen der Aussöhnung. 2014 wurde Gladbach von der Israelstiftung „für sein langjähriges, nachhaltiges Engagement zur Völkerverständigung und Versöhnung zwischen Israel und Deutschland“ ausgezeichnet. Das vom Verein unterstütze Fanprojekt „De Kull“ hat derweil in den vergangenen Jahren ebenfalls Gedenkstättenfahrten mit Fans durchgeführt und fördert im Rahmen des „Lernort Stadion“-Programms die Demokratie-Erziehung.

Mit der Aufarbeitung der Nazizeit ging vielerorts auch ein neues Bewusstsein für die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Vereine einher – meist angestoßen von kritischen Fangruppen. Schon in den frühen 1990er Jahren, nach den Anschlägen von Mölln und Solingen, waren in vielen Fanszenen Aufkleber populär, auf denen eine aus dem jeweiligen Vereinswappen herausragende Faust ein Hakenkreuz zertrümmerte. Wenn laut skandierte rechte Parolen oder Schmähungen gegen dunkelhäutige gegnerische Spieler in den Bundesligen seit Jahren nicht mehr zu hören sind, liegt das auch an der führenden Rolle der Ultragruppen, die sich von wenigen Ausnahmen abgesehen, gegen rechts positionieren.

Seit 2015 gab es dutzende Transparente gegen AfD und rechte Hetze – und nicht eines, das die Gegenposition übernahm. Schon 2012 organisierte „Ultras Nürnberg“ eine riesige Choreographie zu Ehren von Jenö-Konrad, der von 1930 bis 1932 FCN-Trainer war. Nach einem geifernden Pamphlet („Klub! Gib Deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem. Werde wieder deutsch, dann wirst Du wieder gesund. Oder Du gehst am Juden zugrunde.“) im von NSDAP-Gauleiter Julius Streicher herausgegebenen „Stürmer“ beschloss Konrad, Deutschland zu verlassen. Und ohne die Bayern-Ultragruppe „Schickeria“ wäre der von den Nazis verfolgte jüdische Präsident Gustav Landauer längst in Vergessenheit geraten. Für ihr Engagement bekamen beide Ultragruppen vom DFB den Julius-Hirsch-Preis verliehen.

Gegen Diskriminierung und Rechts

Dabei mag es auf den ersten Blick verwundern, dass sich der DFB einer solchen Thematik widmet. Der sieben Millionen Mitglieder starke Verband hat immer noch ein Image als sehr konservative Organisation. Doch zumindest im gesellschaftspolitischen Bereich hat ein Wandel stattgefunden – vor allem unter der Ägide von Theo Zwanziger (2006-2012) erhielten gesellschaftliche Themen mehr Gewicht. Seit 2005 vergibt der DFB den nach Julius Hirsch benannten Preis, der Initiativen und Gruppierungen auszeichnet, die sich gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus engagieren. Ein Enkel von Hirsch, der Karlsruher Reiseunternehmer Andreas Hirsch, ist ebenfalls im Kuratorium des Hirsch-Preises.

Daniel Lörcher, der seit 2013 in verschiedenen Funktionen bei Borussia Dortmund arbeitet, hat derweil die Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz mitkonzipiert. Bis er seine erste Stelle beim BVB antrat, war Lörcher Vorsänger der größten Dortmunder Ultragruppe „The Unity“, die 2011 im Anschluss an ein Auswärtsspiel aus eigenem Antrieb Auschwitz besuchte. Neben den BVB- und den Gladbach-Fans haben bislang etwa 15 andere Fangruppen teilgenommen, unter anderem aus Düsseldorf, München oder vom FC St. Pauli. Fans von Hertha BSC Berlin und dem Karlsruher SC, die eine Fanfreundschaft verbindet, fuhren gemeinsam nach Polen.

Persönliche Schicksale berühren

Anknüpfungspunkte an die Vereinsgeschichte gab es überall. Mal wurden Spieler verfolgt oder ermordet, mal Funktionäre, mal – wie bei Hertha BSC – der Mannschaftsarzt Dr. Hermann Horwitz. „Der Ansatz, die NS-Zeit auch anhand ihrer Auswirkungen auf die Vereinsgeschichte begreifbar zu machen, hat sich bewährt“, sagt der Berliner Historiker Andreas Kahrs, der bei der Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz als Referent tätig ist.

Und tatsächlich erzählen immer wieder vor allem junge Fußballfans, dass sie in der Schule zwar das Dritte Reich behandelt hätten, einen direkten emotionalen Zugang zu der Thematik aber erst dann bekommen haben, als sie in den Gedenkstätten erstmals mit den persönlichen Schicksalen von Menschen aus ihrer Stadt oder ihrem Verein konfrontiert wurden. So ging es am vergangenen Wochenende auch einem Nürnberger Fan, der in Flossenbürg im Museum einen „Stern“-Artikel über den Lagerkommandanten eines Außenlagers fand, der im Frühjahr 1945 einen Todesmarsch leitete, bei dem hunderte KZ-Insassen starben. Der Mann war nach dem Krieg ein hochgeachteter Lokalpolitiker im Heimatort des Club-Fans. Für seine Verbrechen wurde er nie zur Rechenschaft gezogen.

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