Köln: Der Relegationsjäger ist zum Gejagten geworden

Köln: Der Relegationsjäger ist zum Gejagten geworden

Hätte man am Sonntagnachmittag nach Abpfiff der Partie zwischen dem 1. FC Köln und Jahn Regensburg einen Unbeteiligten ins RheinEnergie-Stadion geführt, der Mann hätte vermutlich darauf getippt, dass Köln gerade den FC Bayern mit 9:2 geschlagen oder zumindest den Wiederaufstieg in die Erste Liga geschafft hat.

Die Fans auf der Südtribüne tobten, Torwart Timo Horn wurde von begeisterten Fans hochgehievt und stimmte mit den 46.500 Zuschauern die „Humba“ an. Grund zum Feiern gab es tatsächlich: Die Mannschaft von Trainer Holger Stanislawski hatte gerade mit Mühe den Tabellenletzten mit 2:1 geschlagen.

„Wir müssen schauen, dass wir das schnell abhaken“, warnte denn auch Linksverteidiger Christian Eichner, „ich habe mich selbst bei dem Gedanken ertappt, jetzt ist es vorbei und geschafft.“ Geschafft ist jedenfalls erstmals in dieser Saison der Sprung auf den Relegationsplatz, die Kölner sind nun vom Jäger zum Gejagten geworden und treten schon am Freitag zum Spitzenspiel beim 1. FC Kaiserslautern an, der in Sandhausen zwei Punkte liegen ließ.

Die 90 Minuten vor dem spontanen Ausbruch rheinischer Lebensfreude belegen dramatisch, dass jetzt die Spieltage beginnen, an denen das solidere Nervenkostüm eher den Ausschlag gibt als spielerisches Können oder konditionelle Verfassung.

Gratis-Pomade verteilt?

Exemplarisch können dafür die acht Minuten von der 66. bis zur 73. Spielminute herhalten: Die Hausherren führten 1:0 durch einen Kopfballtreffer von Kevin McKenna (28.), der seit einigen Wochen von den Kölner Fans „Fußballgott“ als zweiten Nachnamen bekommen hat.

Mitte der zweiten Halbzeit war dann der zweite FC-Treffer eigentlich keine Frage der Zeit mehr, obwohl das Team spielte, als hätte der Trainer Gratis-Pomade an alle verteilt. Schließlich war Christian Clemens gerade im Strafraum zu Fall gebracht worden, und Thomas Bröker legte sich den Ball nach dem Pfiff des Schiedsrichters auf den Elfmeterpunkt. Doch Bröker hatte wohl heimlich zwei Mal zum Haarfett gegriffen, denn Regensburgs Torwart Timo Ochs parierte den Ball nicht nur — er hielt ihn fest (66.). „Und wenn du den nicht machst, dann kriegst du einen“, kramte Stanislawski anschließend in der Kiste mit den unsterblichen Fußball-Weisheiten. Dass in der 70. Minute das Publikum trotzdem in Ekstase geriet, lag an dem auf der Anzeigetafel eingeblendeten Ausgleich von Sandhausen.

Plötzlich auf dem Relegationsrang, eine „Beförderung“, die das Team kurz aus dem Tritt brachte und dem Trainer Recht gab: Der trockene Schuss des eingewechselten Marco Djuricin zum Ausgleich (73.) ließ Kölns Keeper Timo Horn keine Chance. „Aber wir haben immer noch an den Sieg geglaubt, das macht im Moment den Unterschied“, befand Horn nach 15 ungeschlagenen Partien in Folge — und konnte von seiner Position aus genau den Unterschied beobachten. „Christian Clemens nimmt seinem Gegenspieler im Sprint mit Ball fünf Meter ab“, sah Horn. Um dessen flache Hereingabe zum Siegtreffer zu veredeln, musste Daniel Royer nur noch den Fuß hinhalten (87.).

„Wir haben jetzt drei hart erkämpfte Punkte, mehr nicht“, befand Stanislawski dann doch gut gelaunt. „Es gibt Schlimmeres als Dritter zu sein.“

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