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Aachen: Der „Chef” ist jetzt auch Weltmeister

Aachen : Der „Chef” ist jetzt auch Weltmeister

Es gibt Menschen, die nehmen sich einen Tag frei und fahren ins belgische Gruitrode bei Genk, um fasziniert das Training eines Profi-Reiters und Ausbilders zu verfolgen.

Sie sehen dann nicht nur einen Ästheten, der beim Umgang mit dem Partner Pferd seine ganze Liebe zu den Tieren demonstriert. Sie sehen auch eine brillante Ausbildung, exzellente Grundlagenarbeit und einen besonnenen Arbeiter.

Ab sofort sehen sie auch einen Weltmeister! Jos Lansink, 45, verheiratet, Vater einer 13-jährigen Tochter, Fußballfan. Der Beste der Besten.

Und wie er sich gefreut hat! Lansink, der mit seinem mächtigen 13-jährigen Cumano als Einziger das Stechen um die Medaillen ohne Fehler absolvierte, ritt gleich drei Ehrenrunden - die meiste Zeit freihändig. Immer wieder stieß er die Faust in den Himmel, das Lachen wollte gar nicht mehr aus seinem Gesicht verschwinden. „Realisiert habe ich es aber noch nicht, das wird erst morgen passieren.”

Im Stechen hatte sich der in den Niederlanden geborene Lansink eigentlich keine große Chance ausgerechnet, „weil mein Pferd nicht das schnellste ist. Aber da ich fehlerfrei gegangen bin, habe ich den Druck auf die anderen beiden erhöht.” Mit durchschlagendem Erfolg.

Dabei war das Finale mit Pferdewechsel am Sonntag vor natürlich wieder 50.000 Zuschauern auf und vor den Tribünen bis zum Stechen eine eher langweilige Angelegenheit. Jos Lansink hatte wie Beezie Madden (USA/Authentic) und Meredith Michaels-Beerbaum (Thedinghausen/Shutterfly) die Ritte mit seinem Schimmelhengst sowie den Pferden der Konkurrentinnen problemlos absolviert.

Allein die Australierin Edwina Alexander, die am Samstag beim Springen der besten 25 überraschend und mit zwei wunderbar gerittenen Nullrunden auf ihrer Stute Pialotta noch ins Finale gestürmt war, leistete sich mit Shutterfly einen Abwurf.

Spannung kam nicht auf - aus fünf guten Gründen: Zum einen hatte Parcours-Chef Frank Rothenberger nach einer anstrengenden Woche mit vier schweren Springen zuvor Rücksicht auf die Pferde genommen und die Runde nicht allzu schwer gestaltet. Zum anderen waren vier Pferde im Finale vertreten, die keine „Zicken” machen und leicht zu reiten sind. Weder Cumano noch Authentic, Pialotta oder Shutterfly sind schwierige Charaktere.

Allein der 13-jährige Wallach von Meredith Michaels-Beerbaum hatte keine rechte Lust, sich im Parcours den Sattel auflegen zu lassen. Aber beim Springen selbst war auch Shutterfly ganz brav. „Ich bin stolz auf mein Pferd, es ist für mich ein Weltmeister”, sagte die Reiterin, die sich nicht mit diesem Titel schmücken darf.

Die 32-Jährige bekam die Bronzemedaille umgehängt, da sie genau wie Beezie Madden im Stechen einen Abwurf hatte, aber knapp zwei Sekunden mehr für die zehn Sprünge über die acht Hindernisse - identisch mit denen des Normalparcours - benötigte. Die während aller Springen überragende Beezie Madden vergab Gold mit dem allerletzten Sprung dieser phantastisch verlaufenen WM, als Authentic - im Stechen wurden nur die eigenen Pferde gesattelt - drei der vier aufliegenden Stangen abräumte.

Dass Jos Lansink ein würdiger Weltmeister ist, steht außer Frage. Beeindruckend, wie er nach seinen beiden Nullrunden am Samstag auch am Sonntag mit seinem Cumano ohne jedes Problem die Hindernisse überflog. Beeindruckend, wie er besonders auch mit Shutterfly ritt, einem Wallach, der gerne vorwärts geht.

Doch schon nach dem jeweils dreiminütigen „Schnupperkurs”, die jedem neuen Paar zugebilligt wird beim WM-Finale, war klar: Der Chef ist der Reiter! Lansink, aktuelle Nr. 33 der Weltrangliste, hatte schon am Samstag ganz nüchtern geurteilt: „Den Pferdewechsel sehe ich nicht als großes Problem. Wir sind alle gute Reiter und sitzen ja auch nicht das ganze Jahr über auf nur einem Pferd.” Allein mit Beezie Maddens Authentic hatte der „Chef” ein wenig zu kämpfen. „Der ging zu flach über das erste Hindernis, dann habe ich ihn enger genommen.”

Nicht erklären konnte Beezie Madden ihren letzten Abwurf. Vom ersten Springen an hatte sie in der Soers geführt - bis zum allerletzten Sprung. „Was dann passiert ist, weiß ich nicht, vielleicht haben Authentic und ich am letzten Sprung nach vier schweren Runden etwas die Konzentration verloren. Da ist mir das Herz ein bisschen gebrochen.”

Die Bilder von der Reit-WM