Aachen: David Odonkor will mit Abschiedsspiel am Tivoli an magische Momente erinnern

Aachen : David Odonkor will mit Abschiedsspiel am Tivoli an magische Momente erinnern

Im Fernsehen wird gerade die dreiminütige Nachspielzeit eingeblendet, als David Odonkor an den Ball kommt, er ist mit einem kurzen Sprint seinem Gegenspieler davongejagt, es folgt eine Flanke, und nach 90:51 Minuten verwertet Oliver Neuville seine Vorlage zum 1:0 gegen Polen. Das Bild beginnt zu zittern, weil die Tribüne mit der Führungskamera vibriert.

Der Regisseur fängt jubelnde Spieler und den unkontrolliert fuchtelnden Bundestrainer Jürgen Klinsmann ein. Odonkor ist längst verschwunden. Zuschauer im Stadion sehen, wie er zurücksprintet, vor der Trainerbank „abtaucht“, so dass ihm Gerald Asamoah fast auf die Hand tritt.

Einwechselspieler Odonkor spricht von einem „Urknall-Moment“, die Erinnerung löst heute noch Gänsehaut bei ihm aus. In seiner Theorie kann man den Urknall zeitlich präzisieren. Es ist Mittwoch, der 14. Juni 2006, ein lauschiger Sommertag im Dortmunder Stadion um 22.48 Uhr. Folgt man der Geschichtsschreibung, beginnt in dieser Minute das „Sommermärchen“ bei der Fußball-WM im eigenen Land. Eine umstrittene Mannschaft mit einem umstrittenen Trainer qualifiziert sich vorzeitig für die K.o.-Phase, es ist der Moment, in dem die Zweifel verfliegen. Aus Sicht von David Odonkor passiert noch mehr. „Das war der Grundstein für den WM-Erfolg 2014.“

Das Land war wieder stolz

Nach dem Spiel gegen Polen folgt eine lange Nacht, im Land wird gefeiert. „Von dem Tag an waren überall Flaggen zu sehen“, sagt Odonkor. „Das Land war wieder stolz auf seine Nationalmannschaft.“ Auch Harald Stenger, der damalige Mediendirektor beim DFB, findet, dass seit diesem Spiel Schwarz-Rot-Gold und die Nationalhyme wieder in Mode kamen. „Es gab wieder einen positiven Patriotismus.“ Vielleicht ist es kein gutes Zeichen, wenn man Spieler mit einer langen Karriere nur auf eine Szene, in dem Fall nur auf einen Ballkontakt, reduziert. David Odonkor sieht die Dinge anders, weil er mitten drin war, als es diesen Urknall gab.

Odonkor will das gute alte, längst verfilmte Sommermärchen zwölf Jahre später noch einmal aufführen. Am 26. Mai hat er den damaligen Kader zum Aachener Tivoli eingeladen. Der Spielort verwundert. Für Alemannia ist er nur eine knappe Saison aufgelaufen, am Ende stand der Abstieg aus der 2. Liga. Damals kam Odonkor vereinslos nach Aachen. Sein Engagement bei Betis Sevilla war nicht gut verlaufen. Immer wieder schmerzte das Knie, in fünf Jahren schaffte er gerade einmal 51 (Kurz-)Einsätze. Der Patient kam nach Deutschland zurück, bis Alemannia ihm im Sommer 2011 die Chance gab. „Nicht viele Vereine hätten einen Spieler verpflichtet, der mehr als ein Jahr mit einem Infekt im Knie ausgefallen war“, sagt Odonkor. „Das habe ich nie vergessen, ich habe mich unglaublich wohl gefühlt in dieser Zeit am Tivoli.“

Man hätte die Partie auch in Dortmund austragen können. Das Stadion gilt spätestens seitdem das Sommermärchen dort begann, als das Wohnzimmer der Nationalspieler. Odonkor ist hier jahrelang beim BVB die rechte Seite rauf und runter gewetzt, ist hier Meister geworden. Aber am Ende dieser märchenhaften Sommers haben sie beim BVB den Publikumsliebling für 6,5 Millionen Euro an Betis Sevilla verkauft. Gegen seinen Willen. Bis heute vermisst Odonkor die Wertschätzung des Klubs.

Das alte Feeling zurückholen

Nun sitzt er am Tivoli und sagt, es gehe ihm mehr darum, kurz vor dem Start der nächsten WM das alte Feeling noch einmal zurückzuholen. Die Gegner sind aktuelle und ehemalige Bundesliga-Stars, ein bisschen Alemannia-Kolorit spielt auch mit, zum Beispiel in Form von Willi Landgraf. Etwa fünf Dutzend Spieler werden dabei sein, es ist kein großer Wettkampf, vielmehr eine große Gaudi geplant, übertragen vom Gaudi-Sender Sport 1. Als Trainer sind einerseits Jürgen Klinsmann und Joachim Löw und andererseits Matthias Sammer und Horst Hrubesch eingeladen.

Das Spiel ist auch ein Abschiedsspiel für Odonkor. Der schnelle Außenspieler war der Überraschungsgast im WM-Kader, der noch nicht ein Mal berufen wurde. Jürgen Klinsmann hatte niemanden, nicht mal seinen Pressestab, eingeweiht. So war Odonkor der einzige Spieler, der im Klubtrikot auf der Leinwand vorgestellt wurde. Der 22-Jährige bekam die Startnummer 22, die eigentlich Kevin Kuranyi tragen sollte, der kurzfristig ausgeladen wurde.

Im Schlosshotel Grunewald, das der DFB als Quartier ausgewählt hatte, lief Odonkor herum wie ein staunender Schüler hinter seiner Lehrerin im Museum. „Er war mit großen Augen in einer völlig neuen Welt unterwegs“, erinnert sich Harald Stenger. Ehrfürchtig wie ein Autogrammsammler. Odonkor hat die Tage aufgesaugt, den Empfang auf der Fanmeile, das umlagerte Teamhotel in Stuttgart vor dem Spiel um Platz 3, das kilometerlange Spalier, wenn die Mannschaft auf dem Weg ins Stadion war. „In schlechten Momenten denkst du besonders oft an die guten zurück.“ Der knuddelige Odonkor war im WM-Kader der unwahrscheinlichste Held.

Karriereende mit 29 Jahren

Den Tivoli hat er nach einer Saison schon wieder verlassen. Alemannia stürzte in die 3. Liga ab, Odonkor wechselte zum ukrainischen Klub FC Hoverla Uschhorod, sein Glück fand er nicht mehr. Als 29-Jähriger beendete er im September 2013 seine aktive Karriere wegen chronischer Knieprobleme. Der Ex-Profi trainiert gerade den Landesligisten Bay Pyrmont, demnächst macht er den A-Schein. Er ist noch auf der Suche nach der richtigen Herausforderung mit Perspektive.

Ein paar Mal ist er in TV-Shows aufgetreten, „die zu mir passen“. Wenn bei Sat1 „das große Backen“ ausgerufen wurde, oder RTL zum Promi-Tanzen geladen hatte. Einen Container-Aufenthalt im „Promi-Big Brother“ beendete er als Sieger und Gewinner eines 100.000-Euro-Schecks. Einen Teil der Summe spendete er. „Dankbarkeit ist das Wichtigste im Leben.“ Deswegen kehrt er zu dem Verein zurück, der ihm geholfen hat. Und wie selbstverständlich wird an diesem Nachmittag auch die Nationalhymne gespielt.

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