1. Sport

Aachen: Das Schönste kommt immer zum Schluss

Aachen : Das Schönste kommt immer zum Schluss

Das Schönste hebt man sich für bis zum Schluss auf, wie der Öcher sagt. Und es war der Wahnsinn, der sich Sonntagbend auf dem Markt abspielte.

Weit mehr als 5000 Besucher wollten jubeln, wollten winken, wollten der Reit-WM ein würdiges Ende bereiten. Die drangvolle Enge war schon fast beängstigend, als die Champions des Springreitkrimis die Bühne enterten und von den Moderatoren Uwe Brandt und Bernd Büttgens begrüßt wurden.

In einem nie da gewesenen Jubelzug waren sie wie viele andere Sportler in Begleitung etlicher Reiterstaffeln in Kutschen stilvoll vorgefahren worden. Meredtith Michaels-Beerbaum (Bronze), Beezie Madden (Silber) und Jos Lansink (Gold) staunten Bauklötze, als sie das Spalier durchschritten. Und noch ein bisschen später wurde es noch ein bisschen spektakulärer: Alle neun Einzelweltmeister nebst ALRV-Chef Klaus Pavel trugen sich unter dem frenetischen Jubel der Massen ins Goldene Buch der Stadt ein.

Was auch bei Landesvater Jürgen Rüttgers zum Emotionsausbruch führte: „Es war wun-der-schön. Das ist das Verdienst der Aachener!” Und Dressur-Kürweltmeisterin Anky van Grunsven trieb eine Furcht um: „Ich habe nur Angst, dass es nie wieder so schön wird wie hier.”

Die Besucher, die sich an die Absperrgitter drückten, mussten gleichwohl eine Portion Geduld mitbringen. Immer wieder waren bei der Abschlussfeier Sturmböen durch die Soers und die Stadt gepeitscht. Der Wind zerrte an den Regenschirmen, unter denen Kinder saßen, mitten auf dem Rasen des Springstadions.

Aus der Luft betrachtet sahen die Schirme aus wie ein Pferdekopf mit Halfter, eine Art Schaubild. Im Grunde war es so: Prinzessin Haya rang in ihrer Rede zum Abschluss mit den Tränen, tausende Zuschauer rangen mit ihren Kopfbedeckungen, und die Kinder auf dem Rasen rangen mit diesen riesigen Pferdekopf-Regenschirmen. Die ersten Schauern kamen, als die Reiter sich Taschentuch-winkend vom Publikum verabschiedetet hatten.

Anders als sonst waren winkende Reiter nicht auf den Abreiteplatz, sondern auf den Soerser Weg gelotst worden, über Bastei und Hotmannspief ging es auf den Markt. Obschon der Himmel aussah, als wären minütlich Unwetter apokalyptischen Ausmaßes zu erwarten, waren die Straßen voller Taschentuch-schwenkender Menschen.

Desto mehr, je näher man dem Markt kam. 10.000 insgesamt, sagte sie Polizei später. Dort klappten die Regenschirme mal auf, mal zu. Eine völlig verrückte Situation. Da passte es, dass Reining-Weltmeister Duane Latimer sprach: „Das ist eine völlig verrückte Stadt.”

Es war anders als beim Karnevalszug, ruhig, still fast, im Soerser Weg warfen die Häuser die Echos der Hufe leise hin und her. Es war ein bisschen so, als würden sich Reiter und Aachener verstehen, auch ohne miteinander zu sprechen. Und genau so war es ja auch: Reiten und Aachen, Aachen und Reiten, das war während der Spiele irgendwie eins. Das Herz des Pferdesports, hatte Prinzessin Haya am Ende gesagt, schlüge in Aachen ganz besonders stark.

Bereits am Samstagabend hatte „Crazy Oche” seinem ganz neuen Ruf alle Ehre gemacht: bei der letzten „Aachen typisch”-Show. Der Platz war auch da schon schwarz vor Menschen, als es um das Thema „Aachen - Quell der Freude” ging.

Dabei avancierte „Aachen sucht den Gurgelstar” zum echten Lachknüller. Tausende Besucher hielten sich die Bäuche, als sich die Teilnehmer Renato Aquarelli (René Brandt), Königin Claudia (Claudia Pape) und Christian uus Ieledörp (Christian Kehren) durch „O Sole mio”, die „Arie der Königin der Nacht” und „Anita” gurgelten.

Bejubelt wurde auch die letzte Inszenierung von Tom Hirtz, Frank Rommerkirchen und Marga Render. Zuvor hatten die Massen schon die Gespannfahrer aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden bei der „Champions Ceremony”gefeiert und zum Abschied ihres Lieblings Michael Freund „Ein Freund, ein guter Freund” inbrünstig intoniert.

Das Schönste, und damit schließen wir den Kreis, hebt man sich für den Schluss auf. Und so kramten auf dem Markt gestern Abend die Menschen ihre weißen Taschentücher heraus und verabschiedeten ihre Helden ins Rathaus zum großen Gala-Dinner. „Tot ziens”, „See you”, „Au revoir” - man sieht sich in dieser völlig (Pferde-)verrückten Stadt.