Aachen: Das „Doppelleben“ der Laura Vargas Koch

Aachen: Das „Doppelleben“ der Laura Vargas Koch

Gestatten: Laura Vargas Koch, 24 Jahre jung, Judoka. Und Doktorandin. An der RWTH Aachen will die gebürtige Berlinerin „in drei bis fünf Jahren“ ihre Promotion abschließen. In Mathematik. Nach ihrem erfolgreichen Bachelor an der TU Berlin im Studiengang „Naturwissenschaften in der Informationsgesellschaft“ und dem Master Mathematik (Schwerpunkt Algorithmische und diskrete Mathematik) nun also der Doktortitel.

Das heißt: Judo ist nur noch ein schönes Hobby für Laura Vargas Koch, die in Köln in einer WG lebt und seit September 2014 in Aachen büffelt. Denn wie sagte ihr heute 28 Jahre alter ehemaliger Berliner Vereinskollege und deutscher Spitzen-Judoka Sven Maresch einst: „Ich habe mal versucht, zu trainieren und zu studieren. Das ging gar nicht. Ich studiere, wenn ich Judo mal runterfahre.“

Vor der RWTH: Laura Vargas Koch „baut“ in Aachen den Doktor in Mathematik. Foto: Lukas Weinberger

Laura Vargas Koch fährt gerade ihr Judo mal wieder hoch. Olympia lockt, die Spiele 2016 in Rio de Janeiro, und da beginnt jetzt so langsam die heiße Qualifikationsphase. Und die Chancen für die Kämpferin in der Klasse bis 70 Kilogramm stehen gar nicht so schlecht. Besser gesagt: Ziemlich gut! Aktuell liegt sie auf Platz eins in der Weltrangliste und auch auf Platz eins in der Qualifikationsliste für Rio — das schmälert nicht unbedingt die Aussichten auf ein Brasilien-Ticket für die Vizeweltmeisterin von 2013.

Auch wenn mit dem aufstrebenden Talent Szaundra Diedrich, 21, aus Köln und der 28-jährigen Berlinerin Iljana Marzok national zwei weitere Athletinnen in dieser Gewichtsklasse sehr stark sind. Sie belegen im Olympia-Quali-Rangking derzeit die Plätze acht und neun — und pro Nation darf nur eine Kämpferin in Rio starten. Laura sieht das Positive, „so hab‘ ich Super-Trainingspartnerinnen“.

Judo und Studium geht also doch. Zeit für einen Job, mit dem das alles finanziert wird, bleibt natürlich nicht. Doch als eine potenzielle Medaillenkandidatin in Rio de Janeiro wurde Laura Vargas Koch Anfang März 2015 von der Deutschen Sporthilfe als eine von 22 Top-Athleten in das Förderprogramm „ElitePlus“ aufgenommen. Seit März erhalten diese Sportler 1500 Euro monatlich, um sich trotz Studiums oder einer Ausbildung konzentriert auf die Spiele vorbereiten zu können. Druck verspürt Laura deswegen nicht, die Qualifikation auch unbedingt schaffen zu müssen. „Ach Quatsch, ich freue mich einfach riesig, dass ich das Geld jetzt bekomme.“ Die Situation habe sich nicht verändert, „vorher wollte man ja auch gewinnen“.

Mit Leichtigkeit und Lebensfreude

Laura Vargas Koch lacht viel und gerne, und wenn sie einen Eindruck nicht macht, dann den der gestressten Profisportlerin, die auch noch für ihr Studium ganz schön viel investieren muss. Die 24-Jährige versprüht Leichtigkeit und Lebensfreude, doch klar ist: Ohne eine perfekte Organisation ist dieses mitunter dann doch stressige „Doppelleben“ nicht zu bewältigen — zumindest nicht erfolgreich.

Und natürlich nicht ohne die Unterstützung von Seiten der Hochschule. An der RWTH hat Vargas Koch mit Britta Peis, 39, eine Professorin, die sie bestens unterstützt (wie auch ihre Mitstudierenden). Vielleicht, weil die Inhaberin des Lehrstuhls für Management Science schon in Berlin Lauras Professorin war; Peis wechselte im September 2013 nach Aachen. Vielleicht aber auch, weil die gebürtige Winterbergerin Britta Peis unter ihrem Mädchennamen Wienand Ende der 1990er Jahre eine der besten deutschen Skilangläuferinnen war und sich bestens in die Lage einer Top-Athletin hineinversetzen kann.

Meist ist Laura Vargas Koch nur zweimal in der Woche in Aachen vor Ort, und mit Blick auf die Promotion verspürt sie „gar keinen Druck“. Vielleicht wird ja einer der Laufbahnberater an der RWTH in einigen Jahren noch einmal an seine Worte denken, die er Laura mit auf den Weg gab: „Was, Promotion? Das geht auf keinen Fall! Mach‘ das nach Olympia, das hat noch keiner gemacht, das klappt auf gar keinen Fall.“

Aber für Laura ist klar: In Mathe geht das, „ich könnte natürlich nicht in Experimental-Physik promovieren, wenn man im Labor stehen muss.“ Aber in Mathe — das geht. „Texte kann ich mir überall durchlesen, Gedanken kann ich mir überall machen, E-Mails schreiben, mit den Leuten kommunizieren, mit denen ich zusammenarbeite, das geht alles.“

Für die Berlinerin, deren Vater mit 15 Jahren aus Chile nach Berlin kam, ist ihr körperlich anspruchsvoller Sport auch genau der richtige Ausgleich für die Kopfarbeit beim Studium. „Wenn man viel Mathe gemacht hat, gibt es nichts Besseres als ein richtig hartes Training.“ Und nach Studium und Judo (zwei bis drei Einheiten am Tag, samstags eine und sonntags keine) warten die Mitbewohnerinnen in der WG — natürlich zwei Judoka. In Köln lebt Laura mit Rebecca Bräuninger, 19, 2011 U17-Weltmeisterin, und mit Wiebke Hesding, 24, zusammen — ihrer besten Freundin schon aus Berliner Judo-Zeiten, die bereits seit längerer Zeit im Rheinland lebt. „Quatschen, kochen, spielen“, sagt Laura über das WG-Leben. Und man wundert sich: Wie bekommt sie das alles nur unter einen Hut?

Aktuell musste die dreifache Deutsche Meisterin ein bisschen kürzer treten, eine kleine Knie-Operation schränkte ihren Tatendrang ein wenig ein. Doch schon bald will Laura ihren Gegnerinnen wieder das Fürchten lehren. Und weiter lernen, „es gibt noch viel Verbesserungspotenzial“. Die Auftritte der Berlinerin sind noch stark von ihrem Gefühl geprägt. „Doch wir haben jetzt angefangen, ein bisschen taktisch zu arbeiten, Konzepte und Strategien zu entwickeln“, kurz: Das Technikprofil wird verändert. Denn: „Es gibt noch viele Sachen, die man verbessern kann.“

Man wird es sehen, sehr wahrscheinlich in Rio 2016. Und vielleicht auch noch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio — mit der Starterin Dr. Laura Vargas Koch.

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