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Darts-WM in London: Darum sollte man für van Gerwen & Co. einschalten

Perfektionisten mit Bierbauch : Warum Sie die Darts-WM schauen sollten

Jedes Jahr im Winter geht es wieder los: Die Weltmeisterschaft im Darts startet am 13. Dezember in London in der ehrwürdigen Veranstaltungshalle Alexandra Palace. Der Verband, die Professional Darts Corporation, lobt immer höhere Preisgelder aus, die Begeisterung für die Sportler steigt. Warum fasziniert dieser Sport und was macht ihn so besonders?

Das Spiel

Es gibt kaum ein Spiel, das so einfach ist, wie Darts – wenn man nur die Regeln betrachtet. Zwei Spieler, je drei Darts (Pfeile), ein Dartsboard, mit Einzel-, Doppel- und Dreifach-Feldern, und 501 Punkte auf dem Konto. Ziel ist es, mit weniger Pfeilen als der Gegner von 501 Punkten auf 0 zu kommen. Jeder hat abwechselnd drei Würfe und der letzte Pfeil, um auf 0 zu kommen, muss in ein Doppelfeld geworfen werden. Jeder kann es spielen: Mal besser und mal schlechter.

Doch so einfach die Regeln zu sein scheinen und so einfach ein Darts-Spiel aussehen mag, dieser Sport hat viel mit Perfektionismus, Zielstrebigkeit und unbändigem Willen zu tun. Denn Darts ist vor allem eines: Ein Mentalitätssport – mit Sportlern, die von Darts besessen sind. Phil Taylor (59, England), der Beste seines Fachs bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2018, sagte einmal, er habe zu seiner Hochzeit acht Stunden täglich trainiert und sei erst ins Bett gegangen, wenn er ein sich selbst auferlegtes Ziel erreicht hatte.

Die Spieler fallen zwar nicht unbedingt mit Adonis-Körpern auf, ganz ohne Anstrengung kann so ein wichtiges K.O.-Spiel aber auch nicht gespielt werden. Man bedenke da nur den Druck und die Lautstärke der Fans in der Halle und die teilweise hohen Temperaturen auf der Bühne. Die vielen Scheinwerfer heizen den Spielern ordentlich ein – bis zu 30 Grad Celsius warm kann es vor den Dartsscheiben werden.

Der Kommentator

Wie bei vielen Sportarten und Fernsehsendungen ist der Kommentator entscheidend für die Emotionen und die Wiedererkennung bei den Fans. Viele erinnern sich zum Beispiel sicher an Frank Buschmann bei Stefan Raab, Peter Urban beim Eurovision Song Contest oder auch an Wolf-Christoph Fuss beim Fußball. Im Dartsport ist es über Jahre hinweg Elmar Paulke.

Er schafft es in perfekter Harmonie mit seinen Co-Kommentatoren, das Spiel und seine Spieler unaufgeregt zu analysieren und den Verlauf des Matches richtig einzuordnen. Punktgenau kann er aber auch die richtigen Emotionen auslösen. Er weiß, wann er auch mal „ausrasten“ kann und wann ein ruhiges Gespräch mit seinem Experten angebracht ist. Paulke weiß als Hobby-Darts-Spieler auch um die Mechanismen im Spiel und fällt durch sehr gute Regelkunde und schnelle Analysen auf.

Phil Taylor

Phil „The Power“ Taylor ist die Legende beim Dart. Er ist 14-maliger Weltmeister der PDC. Davon acht Mal in Folge von 1995 bis 2002. Er setzte neue Standards und machte den Sport populär für die breite Masse. Er brachte ihn auf die großen Bühnen. Der ehemalige Fabrikarbeiter aus Stoke-on-Trent opferte 30 Jahre lang alles für diesen Sport. Er erspielte sich ein Preisgeld von geschätzt über sieben Millionen Pfund und kämpfte sich aus der Arbeiterschicht heraus. 2018, als er das WM-Finale gegen einen damals aufstrebenden Elektriker namens Rob Cross (29, England) verlor, war für Phil Taylor Schluss. Seine letzte WM hätte er zwar gerne noch gewonnen, doch Taylor wusste auch, dass er mit den neuen Stars nicht mehr mithalten kann.

„There’s only one Phil Taylor, one Phil Taylor. Walking along, singing a song, walkin‘ in the Taylor Wonderland.“ So das passende Lied zu Ehren von „The Power“. Es gab und gibt nur diesen einen Phil Taylor. Keiner vor ihm hat den Darts-Sport so geprägt wie er. Er hält viele Rekorde und das wohl auch noch etwas länger. Die Klasse der Weltspitze ist zwar groß, allerdings deutlich breiter aufgestellt als zu den Zeiten von Taylor. Am Samstag gibt es neben Michael van Gerwen (30, Niederlande), der noch am ehesten an Taylor herankommen könnte, eben noch Rob Cross, Peter Wright (49, Schottland), Gary Anderson (48, Schottland), Daryl Gurney (33, Nordirland) oder auch Gerwyn Price (34, Wales). Phil Taylor begeisterte die Zuschauer über mehrere Jahrzehnte hinweg und sorgte auch dafür, dass Dart von Millionen von Menschen geschaut wird.

Ally Pally

Alexandra Palace (Ally Pally) ist das Mekka der Darts-Fans. Das Gebäude wurde bereits 1873 eröffnet und musste mehrmals nach verheerenden Bränden renoviert werden. Seit 2007 wird im Ally Pally die Darts-Weltmeisterschaft der PDC ausgetragen. Im Palace haben zwar nur 3500 Zuschauer Platz, die Stimmung leidet aber keinesfalls darunter. Spieler, Fans und Kommentatoren sprechen vom Mythos Ally Pally und vom Zauber, der diesem Ort innewohnt. Der ist eben irgendwie einfach da. Vielleicht, weil es eben nur diesen einen Austragungsort gibt. Einen großen Anteil am Mythos Ally Pally und der besonderen Stimmung haben aber auch die Fans.

Die Fans

Sie sind verrückt. Positiv verrückt. Wenn man um 14 Uhr in einem Weihnachtsmann-, Hawaii-Tänzer- oder Bananen-Kostüm ein Darts-Spiel verfolgt, dann liebt man diesen Sport. Der Alkohol, der nicht unbedingt sparsam konsumiert wird, hat da möglicherweise auch einen Anteil dran. Aber die Fans sind mehr als nur betrunkene Feierbiester. Sie können im Mentalitätssport Darts Spiele mitentscheiden. Sie können einen Underdog zu ungeahnten Leistungen bringen oder einen Favoriten mit Gesängen verunsichern. Kaum etwas beschreibt die Fans besser als die Partie des ältesten Darts-Spielers Paul Lim (65, China) bei der WM 2018:

Auch mehr und mehr deutsche Fans verirren sich mit den Jahren nach London. Rund ein Viertel der verkaufen Tickets dürften wieder an deutsche „Darts-Verrückte“ verkauft werden. Dabei fallen leider auch ein paar von ihnen mit Schmähgesängen aus der Reihe, die auch bei einer Darts-WM nichts zu suchen haben. Positiv bleibt aber der Aufschwung des Sports in Deutschland. Die deutschen Fans sehnen sich nach Profis, die in großen Turnieren auch noch im Achtelfinale dabei sind. Gabriel Clemens (36, Saarlouis) hat dieses Jahr gezeigt, dass er die Pfeile sehr gut werfen kann. Max Hopp (23, Wiesbaden), die große Hoffnung im deutschen Dartslager, hinkt seit Jahren den Erwartungen hinterher. Nicht auszudenken, was passiert, wenn mal ein Deutscher bis ins Halbfinale oder Finale vorrückt. Die Chance, gerade im Darts, besteht. Drei Spieler aus Deutschland gehen immerhin an den Start. Neben Clemens und Hopp ist hat sich auch noch Nico Kurz (22, Hanau) für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

Das perfekte Spiel und pure Ekstase

Wenn auch der dritte Pfeil millimetergenau in das rote, knapp einen Zentimeter hohe und drei Zentimeter breite Triple-20-Feld fliegt, herrscht pure Ekstase. Der Caller, der der die Punkte ansagt, schreit mit Reibeisenstimme „Onehundredandeighty“ in sein Mikrofon, das Publikum reißt 180-Schilder hoch und der Spieler blickt euphorisch zu seiner Gefolgschaft. Es ist das Maximum, das ein Spieler beim Darts mit drei Pfeilen werfen kann. Es ist das höchste der Gefühle im Dartssport und Traum eines jeden Hobby-Spielers.

Der „9-Darter“ ist auch so ein besonderes Ereignis aber noch viel seltener als ein „180“. Mit lediglich neun Pfeilen von 501 auf 0 zu kommen, das ist eine Leistung, die viele Profi-Spieler zwar in Training-Sessions des Öfteren schaffen, aber nur die Wenigsten auf die große Bühne bringen können. Wenn man bedenkt, was bei einer „180“ bei den Fans los ist, kann man sich vorstellen, was bei einem „9-Darter“ passiert. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Es ist das perfekte Spiel. Phil Taylor schaffte das sogar zweimal in einem Spiel.

Vom 13. Dezember 2019 bis zum 1. Januar 2020 (Sport1/Dazn) messen sich also in London die Besten des Darts-Sports. Das Spiel ist geprägt von grölenden Fans, Würfen, die so leicht aussehen, und Spielern, die dem Sport alles opfern.

Das Verrückte ist, dass am Ende ein paar Millimeter entscheidend sind zwischen Freude und Enttäuschung, zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Pokal und Trostpreis. Egal ob sich zwei gute Freunde im Hobby-Keller oder Rob Cross und Michael van Gerwen im Ally Pally gegenüberstehen.