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Aachen: „Common Goal“: Wenn der Fußball die Welt besser machen soll

Aachen : „Common Goal“: Wenn der Fußball die Welt besser machen soll

Als nächster hat sich Alexander Esswein angemeldet. Auch der Mittelfeldspieler des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC macht nun mit bei Common Goal. Zur Mannschaft gehören bereits Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann, Profis wie Giorgio Chiellini (Juventus Turin), Mats Hummels (Bayern München), Dennis Aogo (VfB Stuttgart), Shinji Kagawa (Bor. Dortmund) oder Serge Gnabry (1899 Hoffenheim).

Sie alle stiften ein Prozent ihres Gehalts (vor Steuern) für das Projekt.

Ein Mann, eine Vision: Jürgen Griesbeck will die Strahlkraft des Fußballs auch caritativ nutzen.
Ein Mann, eine Vision: Jürgen Griesbeck will die Strahlkraft des Fußballs auch caritativ nutzen. Foto: dpa

Common Goal (gemeinsames Ziel) ist eine Idee von streetfootballworld, einer gemeinnützigen Nichtregierungsorganisation, die weltweit ein Netzwerk von mehr als 130 Organisation in 80 Ländern koordiniert, die den Fußball als Instrument für die lokale Entwicklung nutzen.

Den Startschuss hat der spanische Nationalspieler Juan Mata gegeben, der sich bereiterklärte, ein Prozent (geschätzt 86.000 Euro) seines Gehalts zu spenden. Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit dem Sportwissenschaftler und Romanisten Jürgen Griesbeck, der Common Goal aufgebaut hat.

Herr Griesbeck, sind Sie ein großer Fußballfan?

Jürgen Griesbeck: Ich glaube an das große Potenzial des Fußballs, die Welt besser zu machen, davon bin ich ein Fan. Der Sport bietet eine Plattform, wichtige soziale Projekte umzusetzen.

Wie ist die Idee entstanden, den kommerziellen Fußball mit sozialen Projekten zu verknüpfen?

Griesbeck: Streetfootballworld hat in den letzten 15 Jahren ein globales Netzwerk mit Organisationen aufgebaut, die den Fußball bewusst als Instrument nutzen, um ihre Projekte voranzutreiben. Da geht es mal um Bildung, mal um Migration, Inklusion, Gesundheit, Obdachlosigkeit oder Landminenaufklärung. Mit Hilfe des Fußballs werden benachteiligte Bevölkerungsgruppen, meistens Jugendliche, motiviert, in Gruppen zu erscheinen, Vertrauen aufzubauen und ihr Verhalten zu verändern.

Der Fußball ist die Eintrittskarte, um die individuellen Ziele zu erreichen. Parallel dazu hat sich der kommerzielle Fußball stark entwickelt. Mit Common Goal wollen wir eine Brücke zwischen den beiden Bereichen schaffen, damit das soziale Potenzial des Fußballs nicht sporadisch, sondern systematisch genutzt wird. Es sollte dauerhaft in das Geschäftsmodell der Fußballindustrie integriert werden.

Ist ein Prozent Lohnabgabe die Schwelle, um diese beiden Bereiche zu verbinden?

Griesbeck: Wir wollten eine niedrige Schwelle. Mit dieser Ein-Prozent-Abgabe wird auch symbolisiert, dass nicht eine oder einer die Welt retten kann, es ist eine Teamaufgabe im Namen des Fußballs. Das eine Prozent ist natürlich nur die Untergrenze, nach oben gibt es keine Grenze, wovon schon einige Mitglieder Gebrauch machen. Es engagieren sich inzwischen auch Spielerinnen bei uns, die teilweise in der dritten englischen Liga spielen und noch einen weiteren Job für ihren Lebensunterhalt brauchen. Auch sie wollen sich der Bewegung anschließen.

Bislang sind 22 Profis dabei, wie schwierig war es einen Anfang zu finden?

Griesbeck: Es gibt sogar noch weitere 15, die wir bislang nicht öffentlich präsentiert haben. Wir sind auf Juan Mata Anfang letzten Jahres aufmerksam geworden, als er dem spanischen Fernsehen ein langes Interview gegeben hat. Er hat die These vertreten, dass die Fußballer zu viel verdienen. „Es ist, als lebten wir in einer Blase“, hat der Profi von Manchester United gesagt. Während der 15 Jahre, in der wir streetfootballworld aufgebaut haben, gab es nie den Mut, einen prominenten Spieler einzubinden in unser Anliegen. Wir hatten die vielleicht falsche Angst, dass es unserer Reputation schaden könnte. Bei Juan Mata haben wir das Gespräch gesucht, und wir haben uns schnell gefunden.

Wie verliefen die ersten Wochen?

Griesbeck: Wir wollten zunächst eine Art Startelf zusammen haben, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen würden. Das war schwieriger als gedacht. Um die Profis herum gibt es sehr viele, kaum überwindbare Schutzmechanismen. Deswegen haben wir uns entschieden, mit Juan Mata alleine am 4. August loszulegen.

Die Idee ist seit vier Monaten publik, wie groß ist die Eigendynamik?

Griesbeck: Tatsächlich hat sich einiges verändert, und es kommen inzwischen auch schon Spieler oder Repräsentanten auf uns zu. Der italienische Fußballprofi Giorgio Chiellini hat uns eine herzerwärmende Mail geschrieben, nachdem sich Juan Mata und Mats Hummels zu Common Goal bekannt hatten. Wir haben zunächst nicht geglaubt, dass er tatsächlich der Absender ist und haben ihn zu einem Skype-Gespräch gebeten.

Am Ende hat Chiellini sogar zugestimmt, dass wir seine Mail publik machen dürfen. In den letzten Monaten haben sich vereinzelt auch Agenturen gemeldet, die selbst einen Beitrag leisten wollen und nicht nur ihre Spieler dazu anhalten wollen.

Weltweit gibt es tausende überbezahlte Profis in dem Gewerbe. Wie erfolgt die Kontaktaufnahme?

Griesbeck: Es ist leichter für uns geworden, Spieler oder Agenturen anzusprechen, weil Common Goal nun nicht mehr nur eine Idee, sondern inzwischen Realität ist. Die Bewegung hat medial viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erhalten. So sind einige Spieler von sich aus auf uns zugekommen. Zudem identifizieren sich die Profis, die sich uns angeschlossen haben, mit dieser sehr ehrlichen Idee, so dass sie Kollegen direkt ansprechen.

Große Nutznießer der Transfers sind Spielerberater, für die Klubs schon mal gerne eine siebenstellige Summe ausgegeben müssen. Gibt es eine Rückmeldung aus dieser Branche?

Griesbeck: Etwa vier bis fünf Agenturen haben sich bereits verpflichtet, ein Prozent ihrer Einnahmen weiterzugeben. Das Thema wird größer, wenn die Regulierungsinstanzen wie Uefa oder Fifa die Abgabe irgendwann zum Standard machen. Vorerst ist es unser Anliegen, Trainerinnen und Trainer oder Spielerinnen und Spieler für Common Goal zu gewinnen. Es wird eine Weile dauern, bis die Stakeholder der Fußballindustrie überzeugt sind von unserer Idee.

Ist das Engagement auch eine Form des modernen Ablasshandels für völlig überbezahlte Fußballer oder entdecken einzelne gerade ihr soziales Gewissen?

Griesbeck: Es lässt sich nicht generalisieren. Bei den Spielern, die sich uns angeschlossen haben, schließe ich das komplett aus. Davon will sich niemand ein gutes Gewissen erkaufen. Sie haben eine andere Motivation. Wir lassen uns ja auch ein bisschen Zeit, bevor wir die Namen veröffentlichen, weil wir uns kennenlernen und mit den Projekten beschäftigen möchten. In ein paar Jahren kann natürlich so etwas wie eine Gruppenverpflichtung entstehen, wenn Profis sehen, wie viele Menschen sich engagieren. Unsere Bewegung ist auf jeden Fall nicht mit der Gewissenkeule gestartet: „Ihr verdient so viel Geld, gebt mal was ab!“ Unsere Motivation war es vielmehr, das große ungenutzte Potenzial des Fußball systematisch und damit effizienter zu nutzen.

Streetfootballworld führt als Partner die Uefa und die Fifa an. Ist es utopisch, dass es eines Tages in den Musterverträgen eine Option gibt, die eine freiwillige Abgabe für ein soziales Projekt vorschlägt?

Griesbeck: Manche Vereine wie der FC Barcelona haben solche Klauseln in ihren Verträgen. Bei diesem Beispiel geht das Geld in die Klubstiftung und einen Fonds, mit dem ehemalige Spieler unterstützt werden. Unser Ziel ist es, dass von jedem Euro, der in der Fußballbranche umgesetzt wird, ein Prozent in die kollektive Common-Goal-Bewegung investiert wird. Jede Spielerin, jeder Spieler, jede Trainerin, jeder Trainer, jede Agentur, jeder Verband mit seinen TV-Verträgen, jedes Unternehmen, das mit diesem Sport Geld verdient, führt mindestens ein Prozent ab, im Namen des Fußballs und als spürbarer Beitrag zu sozialen Veränderungen — das ist unsere Vision.

Derzeit setzt die Sparte etwa 25 bis 30 Milliarden Euro jährlich um.

Griesbeck: Wir würden im Idealfall 250 bis 300 Millionen Euro jährlich generieren. Zum Vergleich: Unsere 130 Organisation, die den Fußball hochqualitativ für soziale Veränderungen nutzen, erwirtschaften auch jetzt schon jährlich 125 bis 130 Millionen Euro durch Fundraising-Aktivitäten. Allerdings werden die Mittel weniger durch den Fußball, sondern eher von Regierungen, Stiftungen oder Spenden erbracht. Die Organisationen hätten auch jetzt schon eine Verwendung für mehr Mittel. Damit könnte man die Arbeit skalieren, es gäbe mehr Planungssicherheit und am Ende eben massiv mehr Effizienz.

Haben Spender Einfluss darauf, wie ihre Gelder verwendet werden?

Griesbeck: Wir haben eine Matrix, themenbezogen und geographisch aufgebaut. Die sozialen Themen orientieren sich an den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen 2030. Wir sprechen mit den Spendern, ob und welche Präferenzen sie haben. Auf dieser Grundlage sprechen wir Empfehlungen für die Spendenallokation aus.

Wie transparent ist der Einsatz der Gelder, welche Summe kommt garantiert an?

Griesbeck: 90 Prozent. Das Geld muss eingenommen, auditiert, verwendet, dokumentiert werden. Zudem wird Aufwand betrieben, die Qualität der Umsetzung der Projekte permanent zu verbessern. Die Arbeit wird begleitet, kontrolliert, bewertet. Die Aufteilung von 90:10 ist durchaus ambitioniert.

Kann man mit Fußball wirklich Leben retten, wie Sie propagieren?

Griesbeck: Wir arbeiten über die 130 Organisationen tagtäglich mit etwa 2,5 Millionen benachteiligten Jugendlichen zusammen. Diese gehen mit uns auf die Reise, um zu erleben, dass sie eine Perspektive haben. Das Wort Zukunft taucht erstmals in ihrem Vokabular auf. Sie stärken ihr Selbstwertgefühl, trauen sich etwas zu, sehen Alternativen und verstehen, dass sie selbst die Lebensbedingungen verändern können. Es ist nicht naturgegeben, dass sie keinen Zugang zu Trinkwasser haben oder dass Mädchen nicht zur Schule gehen.

Sind das für Sie gerade die spannendsten Zeiten, seitdem Sie Ihre Plattform aufgebaut haben?

Griesbeck: Wir engagieren uns seit 15 Jahren für einen Fußball, der soziale Veränderung bewirken kann. Es ist schön zu sehen, dass wir mit Common Goal einen Weg gefunden haben, unseren Ansatz nun aus der Nische heraus in die breite (Fußball)-Öffentlichkeit zu transportieren. Wir verfolgen nur ein Ziel, mit Fußball maximale Wirkung zu erzielen. Und für die Fußball-Industrie sehen wir die Chance, ein nächste Entwicklungsstufe zu erreichen. Sie könnte eine erste Branche werden, die soziale Veränderung in ihrer DNA verankert.

Losgelöst vom Fußball ist es auch eine Chance, der Welt zu zeigen, dass man nur im Team die großen Herausforderungen bewerkstelligen kann. Das wäre umso wichtiger, weil der aktuelle Trend zu Protektionismus, Separatismus, Nationalismus oder der „Ich zuerst“-Haltung in eine wenig vielversprechende Richtung steuert.

Mehr Informationen zu dem Projekt gibt es unter www.common-goal.org.