Aachen: Christian Ahlmann und Daniel Deußer: Nur als Zuschauer beim Nationenpreis

Aachen : Christian Ahlmann und Daniel Deußer: Nur als Zuschauer beim Nationenpreis

Otto Becker wird am Mittwochabend eine Entscheidung treffen, und diese Entscheidung wird ihm nicht leicht fallen. Der Bundestrainer der Springreiter muss aus einem Quintett ein Quartett machen, und dieses vierköpfige Team darf sich dann morgen beim Nationenpreis des CHIO auf die schwierige Mission Titelverteidigung begeben.

Es ist ein eher ungewöhnlicher Zeitpunkt, in den Jahren zuvor hatte der Bundestrainer frühzeitig festgelegt, welche Reiter den Zuschlag für das traditionsreiche Springen unter Flutlicht erhalten. „Es gibt viele Gedankenspiele — auch mit Blick auf die WM“, sagt Becker. In diesem Jahr ist im Lager der deutschen Springreiter ohnehin vieles anders. Das liegt auch an Daniel Deußer und Christian Ahlmann, die dem Bundestrainer für den Nationenpreis erst gar nicht zur Verfügung stehen.

Nur als Einzelreiter am Start: Christian Ahlmann (l.) und Daniel Deußer dürfen nicht in der Equipe starten. Foto: Wolfgang Birkenstock

Becker hat sich nicht bewusst entschieden, auf die beiden Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro zu verzichten; er hatte schlicht keine andere Wahl. Denn die Weltklassereiter Deußer und Ahlmann haben in diesem Jahr die sogenannte Athletenvereinbarung nicht unterschrieben. Und ohne Unterschrift dürfen die beiden Profis nicht für das deutsche Team reiten, weder bei einem Nationenpreis-Turnier noch bei einer WM, die in diesem Jahr in Tryon/North Carolina ausgetragen wird.

Otto Becker, Bundestrainer der Springreiter. Foto: dpa

„Ich bedauere es sehr, dass zwei unserer besten Reiter die Athletenvereinbarung nicht unterschrieben haben“, sagt Becker. Das Schriftstück der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) enthält Passagen, die manchen Reitern Bauchschmerzen bereiten. Das liegt unter anderem auch an der Schiedsgerichtsklausel, die in der Vereinbarung verankert ist. Darin verzichten die Reiter auf das Recht, ein ordentliches Gericht anzurufen. Wird ein Reiter des Dopings angeklagt, muss er vor dem Sportgericht seine Unschuld selbst beweisen.

„Ich kann nur etwas unterschreiben, wenn ich es auch verantworten kann“, sagt Deußer. Das sei aber nicht möglich, denn es gebe Situationen, die zu einem schuldhaften Verhalten führen, zum Beispiel wegen eines Fehlers des Pflegers, ohne dass man Einfluss hätte nehmen können. „Wenn man die Vereinbarung an die internationalen Regeln anpassen würde, wäre ich der Erste, der sie unterschreibt“, sagt der Weltranglisten-Siebte.

Vorbelastetes Verhältnis

Das Verhältnis zwischen Deußer und dem Verband ist vorbelastet, seitdem die FN ihm nach zwei Dopingfällen in den USA über die verhängte Strafe des Weltverbands FEI hinaus die Jahreslizenz 2008 entzogen hatte. Erst im November vergangenen Jahres wurde der Rechtsstreit um eine finanzielle Entschädigung durch einen Vergleich vor dem Landgericht Dortmund beendet.

Auch Ahlmann, der nach der positiven Probe seines Olympia-Pferdes Cöster 2008 von der FEI zu einer Sperre von acht Monaten verurteilt wurde und von der FN einen zweijährigen Bann für das Nationalteam erhielt, fehlt im Moment das Vertrauen in die Zusammenarbeit mit dem Verband. Der auf Platz 24 der Weltrangliste geführte Reiter sagt: „Es sollte immer ein Geben und Nehmen sein, aber im Moment ist es ein einseitiges Verhältnis.“

Einige Gespräche hat der Bundestrainer mit den beiden Weltklassereitern in diesem Jahr schon geführt, und auch nach dem CHIO werden noch ein paar hinzukommen. Becker ist in diplomatischer Mission unterwegs, er hofft, dass in absehbarer Zeit eine für alle Parteien gute Lösung gefunden wird. „Die Tür ist für Daniel und Christian auf jeden Fall offen. Beide sind absolute Teamplayer, die über sehr viel Erfahrung verfügen“, sagt der 59-Jährige.

Und Erfahrung ist genau das, was der deutschen Equipe, die um den Sieg beim Nationenpreis reitet, ein wenig fehlt: Nur Marcus Ehning ist bislang bereits bei einer WM geritten. Morgen wird neben ihm wohl auch Newcomerin Laura Klap­hake für Deutschland starten, Beckers Kandidaten für die übrigen zwei Plätze sind die noch recht unerfahrenen Maurice Tebbel — trotz seines starken Ritts im Vorjahr —, Simone Blum und Hans-Dieter Dreher. Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hätte der Bundestrainer deshalb „gerne wieder alle Reiter zur Verfügung“. Das geht aber — Stand jetzt — nur mit unterschriebener Athletenvereinbarung. Die Tatsache, dass die Auswahl der Reiter dann noch ein bisschen schwieriger werden dürfte, wenn dieses Kriterium erfüllt ist, wird Becker dafür sicherlich gerne in Kauf nehmen.

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