Aachen: Wilfried Hanbücken: Wohl der Pferde ist zum Wohl des Turniers

Aachen: Wilfried Hanbücken: Wohl der Pferde ist zum Wohl des Turniers

Wenn sich ein Springpferd den Huf prellt, dann schlägt die Stunde der Veterinäre. Wenn ein Dressurpferd Bauchweh hat, dann bereitet das den Tierärzten keine Kopfschmerzen. Sie wissen, was zu tun ist. Und wenn ein Gespannpferd allergisch auf eine Futterumstellung reagiert, dann behalten die Mediziner die Ruhe.

Wilfried Hanbücken ist der Kopf des Teams aus Veterinären und Helfern beim Weltfest des Pferdesports. Seit 15 Jahren ist er der sogenannte Vorsitzende der Veterinärkommission des CHIO. Für die meisten Reiter ist er schlichtweg der Chef-Tierarzt. Auf ihn können sie sich verlassen. Und er weiß, dass er sich immer auf sein Team verlassen kann. „Ein Einzelner kann bei einem so großen Turnier gar nichts ausrichten. Ich bin froh, dass ich dieses hoch motivierte Team im Rücken habe“, sagt Hanbücken.

Wenn er mal die Zeit findet, auf dem Abreiteplatz Colorit, Titus II, Cash und den anderen zuzuschauen, dann vor allem aus großem Interesse am Sport. Die Springpferde von David Will, Guy Williams und Marco Kutscher können — ebenso wie ihre Reiter — aber sicher sein: „Mir würde automatisch auffallen, wenn eines der Tiere lahmen würde“, sagt er. „Aber das würde der Reiter ohnehin als erster bemerken.“ Doch der Baden-Württemberger Hengst, der Königlich-Niederländische Warmblutwallach und der Holsteiner Wallach laufen ganz frisch, fast schon cool über den Rasen. Und der Chef der Veterinärkommission sieht dies allzu gerne.

Pferde hinter dem Haus

Hanbückens Liebe zum Pferd ist allgegenwärtig. Auch auf der Krawatte — die zeigt ein galoppierendes Exemplar. Er ist mit Pferden groß geworden. Sein Vater war ein Reiter, hinter dem Haus standen Pferde, als Jugendlicher ist Wilfried Hanbücken Turniere geritten. „Aber es war mir immer klar, dass ich nie das Niveau für ein Turnier wie dieses erreichen würde“, sagt er. Zumindest als Reiter.

Vor 30 Jahren begann sie dennoch, die CHIO-Geschichte des nun 53-Jährigen. Der Student der Tiermedizin war Helfer der Veterinäre, er wurde assistierender, dann behandelnder Tierarzt. Vor 15 Jahren stand Anton Fischer für den Aachen-Laurensberger Rennverein vor ihm. Der alte Cheftierarzt wollte nicht mehr. Fischer sagte nur: „Jetzt machen Sie das.“ Und Hanbücken erzählt nun: „So ein Angebot lehnt man nicht ab.“

Und so hält Wilfried Hanbücken auch in diesem Jahr wieder vor der Turnierwoche seine tierärztliche Praxis an der Raerener Straße im belgischen Lichtenbusch — vielleicht drei, vier Galoppsprünge von der deutschen Grenze entfernt — nur für Notfälle bereit und verlegt seinen Arbeitsplatz in die Soers. Röntgengerät, Ultraschall und endoskopisches Gerät werden im Veterinärzentrum zwischen den Ställen mit den 400 Boxen in der Soers aufgebaut.

„Großzügig“ nennt Hanbücken die Räume, gebaut wurde das Zentrum vor den Weltreiterspielen 2006. Aber eben nicht für die WM. Sondern mit Weitblick - für die Zukunft des Turniers. Und so organisiert der Chef der Veterinärkommission die Einsätze aller Tierärzte und Helfer zwischen vier Boxen, zwei Untersuchungsräumen, Röntgenraum, Dunkelkammer, Apotheke und Labor. Auch an dieser Stelle — verdeckt von den Zäunen rund um die Ställe — setzt der CHIO Maßstäbe. Für Erstdiagnose und Erstversorgung sind es beste Bedingungen. Darauf können sich auch die 350 Sportler aller fünf Disziplinen verlassen.

Es ist viel organisatorische Arbeit, die der Cheftierarzt leistet. Schließlich gibt es einen pickepackevollen Turnierkalender. 46 Prüfungen gehen in den neun Turniertagen über die Anlage, die größte Bühne im Pferdesport. Teilweise laufen sie parallel, und doch sind immer und überall Tierärzte und Tierambulanzfahrer in der Nähe. Sicher ist sicher. Und so koordiniert Hanbücken immer mindestens vier Tierärzte und mindestens so viele Helfer. Am morgigen Samstag, wenn Buschreiter und Gespannfahrer über den Soerser Weg hinweg ins Gelände preschen, dann sind 18 Tierärzte über das Gelände verteilt im Einsatz.

In Wiesbaden ist Dirk Schrades King Artus nach einem solchen Geländeritt im Zielbereich tot zusammengebrochen. Aortenabriss. Tragisch. Solche Geschichte schrecken auf. „Jedes tote Pferd geht einem an die Nieren. Aber es kann passieren“, sagt Tierarzt Hanbücken. „Viele Pferde haben eine Schwachstelle an der Aorta, der Hauptschlagader.“ Zwar kommen Herzinfarkte bei Menschen häufiger vor, als bei Pferden, aber sie kommen eben vor. „Und man kann sie vorher kaum diagnostizieren. Auch Menschen haben Aneurysmen und wissen es nicht.“

In 15 Jahren als Cheftierarzt zählte Hanbücken bislang vier tote Pferde, die Mehrheit waren Unglücksfälle, die nicht in direktem Bezug zur sportlichen Belastung standen. Wie dieser: Am Sonntag ist beim Gottesdienst im Rahmen des Soerser Sonntags ein Pferd zusammengebrochen. Groteskerweise beim Schlusssegen. Tierarzt Andreas Kersten diagnostizierte einen Herzstillstand. „So etwas passiert eben. Aber es ist halt etwas anderes, wenn es vor 5000 Menschen im Stadion statt irgendwo zuhause auf der Wiese passiert. Hier ist die Aufmerksamkeit größer“, sagt Hanbücken.

Im letzten Jahr wurden beim CHIO schließlich 366.600 Besucher gezählt. Wilfried Hanbücken und die Tierärzte tun alles zum Wohl der Pferde. Und damit zum Wohl des Turniers. Haltung und Pflege seien besser denn je, auch wenn es Kritiker gibt, die anderes behaupten. „Ich meine, dass es den Pferden heute besser geht, als in den sogenannten alten Zeiten“, sagt er.

Es gibt kein Pferd in einem der Wettbewerbe, welches nicht zwei Mal von den Veterinären in Augenschein genommen wurde. Das erste Mal mit der Ankunft auf dem Weg vom Transporter in den Stall, das zweite Mal beim sogenannten Vet-Check vor jeder Prüfung, wenn die Bewegungen des Tieres kontrolliert werden. Erkrankte und erschöpfte Tiere haben im Parcours oder Dressureck nichts verloren. Maßstab ist auch, dass sich leichtere Verletzungen durch die sportliche Belastung nicht verschlechtern und den Pferden nachhaltig schaden.

Ein Pferd hat in diesem Jahr umgehend wieder die Heimreise angetreten. Es hatte sich im Transporter mit seinem Nachbarn gestritten und an der Hinterhand verletzt. Eines von 600 gemeldeten Tieren fehlt also in den Starterlisten. Aber 599 gehen gesund und munter an den Start. Hanbücken spricht gerne von der Freude, die ihm diese Woche bereitet. Auf seinem Weg durch die Stallungen trägt er in der Regel ein freundliches Lächeln im Gesicht.

Die Sportler schätzen seine Art. „Die Pferde werden hier bestens versorgt“, sagt Springreiter Hans-Dieter Dreher. „Die Tierärzte machen hier einen sehr guten Job. Immer ansprechbar, alles ist sehr gut organisiert und überwacht. Das Rundumpaket ist vorbildlich“, lobt Christian Ahlmann. Und Peter Weinberg, ehemaliger Springreiter und nun im Vorstand des ALRV erklärt: Er hat ein unheimliches Fachwissen. Und weil er selbst reitet, ist er dem Sport sehr verbunden. Er ist eine große Persönlichkeit.“ Der CHIO sei auch auf dieser Position top besetzt.

Hanbückens Ruhe und Verlässlichkeit werden auch außerhalb der Soers geschätzt. Der Weltverband FEI schickt ihn seit zehn Jahren als ausländischen Veterinärdelegierten zu Championaten mit Nationenpreisen im Ausland. Diese Delegierten soll schauen, ob die Gastgeber alle FEI-Vorgaben erfüllen — beim CHIO sind es der Niederländer Ben Horsmans fürs Voltigieren und Markus Müller aus der Schweiz für alle anderen Disziplinen.

Zuletzt war Hanbücken in dieser Mission beim Weltcup-Finale in Göteborg. Davor bei den olympischen Spielen in London und bei der EM in Windsor. Das sind auch für ihn besondere Geschichten. Aber diese spielt bis Sonntagabend in der Soers.

Am Montag beginnt wieder dann der Alltag. Sonntagabend wird das Equipment aus dem Veterinärzentrum wieder ein- und Montagmorgen in der Praxis in Lichtenbusch wieder aufgebaut. Mittags kommen die ersten Patienten. Das ganz normale Leben.

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