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Aachen: ...sonst nimmt Papa die Pferde weg

Aachen : ...sonst nimmt Papa die Pferde weg

Am 3. Juli trennten sie 6,77 Sekunden. Jasmine Chen lag vor Joy Chen. Am 15. Juni 1989 waren es „einige Minuten” mit umgekehrtem „Einlauf”: Joy hatte es eiliger als ihre Schwester. Sie gilt seitdem als die Ältere. Es war der erste Wettkampf der taiwanischen Zwillinge. Noch ohne Pferde.

19 Jahre später maßen sie sich beim Youngsters-Cup in Aachen. Mit Pferden. Und lagen wieder dicht beieinander: Jasmine auf Platz 18, auf Rang 19 Joy. Die wahre Freude aber ist ein Leben dicht an dicht auch nicht immer, wie die beiden Amazonen süßsauer lächelnd zugeben. „Manchmal ist es auch nervig.” Das riecht nach Streit. Nicht ideal für eine Sportgemeinschaft en miniature. „Nein, nein”, beschwichtigt Joy, die Vernünftigere? „Es geht nur um Essen und so, Kleinigkeiten halt.”

Friede im Hause Chen also. Das wird auch Papa Chen freuen, der über die Lebenswege der Zwillinge wacht. Und sie auch (zum größten Teil) bestimmt. Premiere beim CHIO, Stelldichein mit den besten Springreitern der Welt. Reitprofis also schon? „Halbe”, schmunzelt Jasmin. Und meint nicht die Gewichtsklassifizierung.

Die Zwillinge gastieren bei Paul Schockemöhle. Vom ehemaligen Weltklasse-Reiter hat Papa Chen auch etliche Pferde gekauft. Trainiert werden sie von Norbert Nuxoll. Studium in Pennsylvania (USA), Reiten in den Semesterferien in Deutschland. Beide wollen lieber aufs Ganze gehen. „Big Daddy” aber, ein erfolgreicher Elektronik-Unternehmer, ist für halbe Sachen. „Er will, dass wir erst unser Studium beenden”, gibt Joy kleinlaut zu. Verweigerung ist möglich, Disqualifikation aber dann wahrscheinlich. „Unsere Pferde gehören Papa.”

Also weiter die Zweiteilung zwischen Vernunft und Neigung, Joy studiert Wirtschaft, Jasmine Kunstgeschichte. „Im Sommer trainieren wir hier. Dann geht´s wieder rüber zum Studieren.” Die Freiräume sind kleiner geworden. Die Uni lässt weniger Zeit für die Steckenpferde. „Das war auf dem College bis zum letzten Jahr besser”, erklärt Jasmine. „Wir konnten mehr trainieren.”

Die schmerzhafte Bestätigung kommt durch Paul Schockemöhle. „Wenn ich mich nicht irre, wart ihr letztes Jahr sicherer und hattet mehr Erfahrung. Ihr habt euch zurückentwickelt.” Die beiden Reiterinnen schlucken und lächeln. „Ja, das stimmt.” Dann sollte doch der „Mentor” mal mit dem gestrengen Papa reden. Schockemöhle verweigert: „Das ist eine Familienangelegenheit. Da mische ich mich nicht ein.”

Immerhin attestiert er dem Duo „Talent”. Und gibt auch einen Tipp. „Ich habe auch lange nur abends geritten.” Das Entweder-Oder sieht er nicht. „Man kann auch versuchen, beides zu kombinieren: Es gibt gute Unis in Münster und Osnabrück.”

Papa Chen, übernehmen Sie! Die Umsiedlung nach Deutschland könnte die sportlichen Pläne befeuern. Die Chen-Twins wollen sich unbedingt für die Olympischen Spiele 2012 qualifizieren. Den (Katzen-)Sprung von Taiwan nach Hongkong haben sie knapp verpasst. In der Ausscheidung kam Jasmine auf Platz 2, Joy auf 4. Immerhin aber sind sie um einen Konflikt herumgekommen. Nur Platz 1 hätte das Ticket gesichert.

Die Trennung der taiwanischen Zwillinge im Zeichen der Ringe? „So ist das Spiel”, sehen beide kein grundsätzliches Problem. Womöglich wäre ja in Hongkong ein Chen-Wechsle-Dich-Auf(t)ritt möglich gewesen. Jasmine im ersten Durchgang, Joy im zweiten. Keiner merkt´s. Auch wenn Joy gesteht: „Eineiige Zwillinge? Weiß ich gar nicht.” Seit Freitag aber weiß Jasmine etwas anderes.

In Teil 2 des Youngsters-Cup wählte ihre „Vorgängerin” Joy die einfachere Route. Jasmine aber entschied sich für die anspruchsvolle Alternative: zwei Wassersprünge. „Wir machen eben nicht immer das Gleiche.” Resultat der Abwegigkeit: zwei Verweigerungen, Disqualifikation. Ob ein- oder zweieiig: Einwegig sollten sie bleiben.