Aachen: Schockemöhle: „Erst gekauft, dann nachgerechnet”

Aachen: Schockemöhle: „Erst gekauft, dann nachgerechnet”

Ein Diplomat war er nie. Paul Schockemöhle ist direkt, redet nicht um den heißen Brei herum, stört sich nicht daran, wenn er aneckt. Jahrelang war er einer der erfolgreichsten deutschen Reiter, danach der bedeutendste Mann im Hintergrund der Springreiterzene - und daneben ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein Selfmade-Millionär, Herr über 3500 Pferde.

Bei aller Liebe zu den Vierbeinern - den möglichen Gewinn verliert PS, wie er genannt wird, nicht aus den Augen. Bis Totilas kam . . .

„Ich habe noch nie ein Pferd gesehen, das sich so bewegen kann. Ich war begeistert und habe erst entschieden, ihn zu kaufen. Erst danach habe ich gerechnet. Es ist schwer, eine Wirtschaftlichkeit herzustellen, aber die Begeisterung für das Pferd überwiegt alle Bedenken.”

Paul Schockemöhle muss selbst schmunzeln und fügt hinzu: „So etwas ist mir höchstens mal bei einem tollen Springpferd passiert, wie zum Beispiel Askan, da musste ich keine Minute überlegen.”

Nun hat Askan nicht wie Totilas, der unter Edward Gal bei den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky (USA) dreimal Gold gewann, rund zehn Millionen Euro gekostet. Im Gegenteil, den Schimmel musste er 1974 an Gerd Wiltfang verkaufen. „Als junger Unternehmer konnte ich das Geld gut brauchen.”

Der 66-Jährige musste sich alles erarbeiten. Alwin Schockemöhle war das Reittalent, förderte den jüngeren Bruder aber nicht, der musste sich alles abschauen. „Ja, Alwin war das große Talent, ich eher der Arbeiter. Aber heute verstehen wir uns gut”, sagt PS lachend.

Erst relativ spät, mit 23 Jahren, stieg Paul Schockemöhle in den großen Reitsport ein. „Ich musste erst mal Geld verdienen, ehe ich mir das leisten konnte.” Von Hühnern über Spedition bis zur Pferdezucht - was PS anpackte, war erfolgreich.

Auf Gestüt Lewitz tummeln sich heute über 3000 Pferde, weitere 350 sind bei ihm zu Hause in Mühlen in der Arbeit. Dreimal in Folge - 1981, 1983, 1985 - war Schockemöhle Europameister, holte zwei olympische Bronze- und eine silberne WM-Medaille. 1989 bedeute ein Sturz am Aachener Wassergraben das Ende seiner Karriere. „Ich habe mir die Halswirbel gestaucht. Danach hatte ich beim Reiten ständig Kopfschmerzen.”

Auch ein Grund, warum er nach dem Kauf nicht einmal auf Dressurstar Totilas gestiegen ist. „Außerdem - Schuster bleib bei deinen Leisten”, sagt Schockemöhle. In Ann-Kathrin Linsenhoff fand er eine engagierte Mitbesitzerin, in deren Stiefsohn Matthias Alexander Rath einen neuen Reiter für den Hengst.

Beim CHIO wird er, wie bei der Turnier-Premiere in München und der DM in Balve, wo das neue Duo Doppel-Gold gewann, dabei sein, wenn Totilas startet. „Es wäre vermessen zu denken, Totilas würde alle drei Prüfungen gewinnen, denn in Aachen ist die absolute Elite am Start. Die beiden müssen sich noch finden.”