Warendorf: Reiterverband löst Kader auf und wirft Beerbaum raus

Warendorf: Reiterverband löst Kader auf und wirft Beerbaum raus

Kurz vor 17 Uhr bekam Frank Kemperman am Donnerstag eine eilige Nachricht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Der Turnierdirektor des CHIO erfuhr von einer historisch einmaligen Aktion. Der Verband zog die Notbremse und löste die Nationalmannschafts-Kader mit sofortiger Wirkung auf. Die Vereinigung reagierte mit nie gekannter Härte am Donnerstag auf den Dopingfall Christian Ahlmann, weitere Manipulationsvorwürfe und das Geständnis von Ludger Beerbaum über den Umgang mit Medikamenten. Neben der vorläufigen Streichung der Kader für die Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsreiter wurde der viermalige Olympiasieger Beerbaum bis auf weiteres für die Nationenpreise suspendiert.

Zudem hat der Verband eine unabhängige dreiköpfige Kommission unter Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) angerufen, die alle Vorgänge überprüfen soll. „Wir mussten ja was machen, dass die aufwachen”, sagte FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau.

Kemperman muss nun bei seinem Turnier auf den Nationenreiter Beerbaum verzichten. Ob der Publikumsliebling als Einzelreiter startet, ist noch nicht entschieden. Nicht die Organisatoren, sondern die FN nominiert die Starter.

Die rigorose Maßnahme fand zumindest den Beifall der Funktionäre. „Ich begrüße diesen Schritt. Das ist ein radikaler Schnitt, mit dem die Reiterliche Vereinigung umfassende Aufklärung mit Hilfe unabhängiger Fachleute durchführen will”, erklärte der DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Beerbaum reagierte gelassen. „Ich muss das akzeptieren”, sagte der erfolgreichste Springreiter der vergangenen 20 Jahre der dpa. „Mir ist daran gelegen, dass dadurch rauskommt, dass wir klare und für alle verständliche Regeln haben.” Beerbaum fühlt sich unter anderem durch die nur im Pferdesport übliche Unterscheidung von Doping und im Wettkampf verbotener Medikation verunsichert.

Die selbst durch die Vorgänge bei den Olympischen Spielen belastete FN übergibt die Aufklärung nun an die unabhängige DOSB-Kommission. Diese erhält den Auftrag, Verbandsfunktionäre und Reiter zu befragen. Sie soll zudem die Situation im Spitzenreitsport analysieren und Empfehlungen geben, wie mit der Manipulations- und Dopingproblematik im Pferdesport umzugehen ist. Darüber hinaus soll das Gremium Sanktionen für Funktionäre und Reiter vorschlagen.

Bisher wirkte das Vorgehen der FN nur halbherzig, nun greift sie umso härter durch. Auslöser scheint die Drohung der öffentlich-rechtlichen Sender zu sein, Pferdesport nicht mehr zu übertragen. ARD und ZDF haben die anstehenden Verhandlungen über die Verlängerung des TV-Vertrages aufgrund der aktuellen Enthüllungen auf Eis gelegt. „Wir warten, wie die FN mit diesen Dingen umgeht”, hatte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky gesagt: „Es ist eindeutig, dass wir gerne Aufklärung hätten.”

FN-Chef zu Rantzau erklärte dazu am Donnerstag: „Wir haben auch das umgesetzt, was von außen gefordert worden ist.”

Im Juni soll die Arbeit der Kommission bereits beginnen, im Juli werden erste Ergebnisse erwartet. Durch die Maßnahmen hofft der Verbandspräsident dem Reitsport wieder mehr Glaubwürdigkeit zurückzugeben: „Bevor ein Reiter wieder in den Kader aufgenommen werden kann, muss er sich der Sonderkommission stellen und sich zu seiner Einstellung sowie seinem Verhalten als Spitzenreiter äußern.”

Erst nach einer entsprechenden Auskunft gegenüber der Sonderkommission kann diese den Reiter wieder für eine Kadermitgliedschaft vorschlagen, erklärte die FN. Am härtesten trifft es zunächst Beerbaum. Der viermalige Olympiasieger darf bis auf weiteres nicht mehr für eine deutsche Nationenpreismannschaft reiten. „Dies gilt solange, bis die DOSB- Kommission zu seiner Person entschieden hat”, so der Verband.

Beerbaum hat mit seinen Bekenntnissen das Fass zum Überlaufen gebracht. Er hatte gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” gesagt: „Im Laufe der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht.” Und: „In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.” Wie verbreitet die Geisteshaltung ist? Marcus Ehning, Mitglied des Top-Kaders, wollte sich am Donnerstagabend nicht äußern. „Ich gehe nicht davon aus, dass mein Start in Aachen gefährdet ist. Ich habe nichts zu verbergen. Ich weiß aber nicht, wie die Entscheidung gelaufen ist, welche Konsequenzen sie für uns hat und wie es weitergeht.”