Diskussionen um faires Reiten: Hals über Kopf beunruhigt nicht nur das Pferd

Diskussionen um faires Reiten : Hals über Kopf beunruhigt nicht nur das Pferd

Beim CHIO gibt es ein paar Themen, die jeder gerne erledigt hätte. Sie tauchen aber immer wieder auf. Dazu gehört die Frage, ob auf Trainingsplätzen Praktiken angewandt werden, die das Pferd physisch und psychisch beeinträchtigen. Darauf wird mehr denn je geachtet, denn vor einem Jahr gab es erhebliche Übergriffe und Irritationen.

Das Ziel heißt Harmonie, Partnerschaft zwischen Tier und Mensch. Dazu fühlen sich beim CHIO alle Beteiligten verpflichtet. Und das Publikum achte darauf, heißt es in der Aachener Soers bei Reitern und Offiziellen. Die Einigkeit im Ziel schließt wie so oft im Leben Konflikte nicht aus. Die ergeben sich aus der Frage, was einem Pferd beim Training und in der Vorbereitung für eine Dressurprüfung zumutbar ist.

Eines der umstrittensten Phänomene ist die sogenannte Hyperflexion: Der Reiter zieht dem Pferd den Kopf auf die Brust. Diese Praxis wurde früher Rollkur genannt, wird heute auch mit LDR (low, deep, round) umschrieben und ist unter Reitern eigentlich verpönt. Denn der Kopf ist nicht mehr in der idealen freien senkrechten Haltung, sondern gerät durch den Zugzwang „hinter die Senkrechte“, wie es in der Reitersprache heißt, und wird so über einen mehr oder weniger langen Zeitraum gehalten.

Der vertrackte Sinn der Sache liege darin, so lautet jedenfalls der Vorwurf, das Pferd zum Gehorsam zu zwingen. Die Gegenposition: In unerwarteten Situationen könne das Pferd so für einen kurzen Augenblick unter Kontrolle gehalten werden. Entscheidend ist demnach, ob es sich um eine hinnehmbare Momentsituation handelt oder inakzeptable Methode dahintersteckt. Hat man es dabei zudem mit einzelnen oder vielen Fällen zu tun?

Der WDR filmte im vorigen Jahr auf dem Aachener CHIO bei einem Dressurwettbewerb 28 Pferde mit den weltbesten Reitern auf dem Abreiteplatz vor der Prüfung. Die Verhaltensbiologin Kathrin Kienapfel von der Ruhr-Universität in Bochum wertete die Videos aus. Das Ergebnis: „Der Großteil der Pferde war mit der Nasenlinie zum Teil deutlich hinter der Senkrechten. Wir haben drei Minuten am Stück bei jedem Pferd verfolgt. Wir haben die Unmutsäußerungen – Maul öffnen, Zähne und Zunge zeigen, Schweif schlagen – jedes Pferdes gezählt: Im Mittelwert waren es hundert, bei einem Drittel mehr als 150. In drei Minuten!“ Ein gewisses Maß an Disziplin und Spannung sei nötig; „da muss sich ein Pferd zwischendurch auch mal beschweren können“, sagt Kienapfel unserer Zeitung. „Aber hundert Mal in drei Minuten – das ist zu viel!“

Wertete ein Video des WDR aus: Wissenschaftlerin Kathrin Kienapfel. Foto: Dennis Henseleit/Fine Art Photo

Verstöße gegen faires Reiten zu ahnden, dafür sind bei einem internationalen Turnier wie dem CHIO in Aachen speziell ausgebildete Stewards der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) zuständig. FEI-Chefsteward Jacques Van Daele räumt ein, dass 2018 in einem Fall nicht rechtzeitig reagiert wurde. 47 FEI-Stewards überwachen in dieser Woche an allen Tagen auf dem gesamten Turniergelände, auf Plätzen und in Ställen den Umgang mit den Pferden. Sie verwarnen – falls nötig – die Reiter und können sogar gelbe Karten verteilen. Oder sie informieren Evi Eisenhardt, die die Rote Karte zeigen kann und allein entscheidet, ob ein Reiter disqualifiziert wird oder nicht.

Kann entscheiden, ob ein Reiter disqualifiziert wird: Dressurrichterin Evi Eisenhardt. Foto: Harald Krömer

Eisenhardt ist die Dressur-Chefrichterin beim CHIO. Eingeladen werden die Richter vom ALRV. Braucht sie Mut, um einen prominenten und für den Veranstalter wichtigen Reiter zu ermahnen oder gar von der Prüfung auszuschließen? „Sie müssen sich sehr sicher sein über Ihr Können und Wissen, wenn Sie einen Reiter ausschließen. Mut? Nein, Sie brauchen einen graden Rücken.“

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Dachverband aller Pferdesportler und -züchter, erklärt zu den WDR-Aufnahmen, „dass nicht in allen Szenen pferdegerechtes Reiten zu sehen ist“. Bei mindestens fünf Reitern hätte eingegriffen werden müssen. „Es ist richtig und wichtig, dass Missstände aufgezeigt werden.“ Julia Basic von der FN wirft dem WDR aber Einseitigkeit vor; es komme nicht zur Sprache, dass FN, FEI und Turnierveranstalter dagegen vorgehen.

Der Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) als Veranstalter des CHIO, der für sich „eine Vorreiterrolle beim Kampf für einen sauberen und transparenten Sport“ in Anspruch nimmt, spricht von „Irritationen am Trainingsplatz“ und dem Vorwurf „unfairen Abreitens einiger Reiter“. Es habe im vorigen Jahr Regelverletzungen gegeben. „Die Reiter haben eingesehen, dass bestimmte Praktiken weder von Stewards noch vom Publikum akzeptiert werden“, sagt Turnierleiter Frank Kemperman. Er ist nicht nur Vorstandsvorsitzender des ALRV, sondern auch Vorsitzender des Dressurausschusses des Weltverbands FEI.

Kemperman kritisiert ebenfalls den WDR-Beitrag: Weder Stewards noch Veranstalter noch Reiter seien gefragt worden. „Die Sendung war schlecht und sehr einseitig. Es waren Momentaufnahmen.“ Die Pferdefachfrauen, die die gezeigten Trainingsritte in dem Beitrag analysieren, akzeptiert Kemperman nicht als Expertinnen. „Die sind nicht im Sport zu Hause. Die kennen das Regelwerk nicht.“ Allerdings beruft sich Kienapfel genau auf dieses Regelwerk, das sie als maßgeblich betrachtet. Und die zweite Expertin, Margit Zeitler-Feicht von der Technischen Universität München, Autorin von „Handbuch Pferdeverhalten“, forscht seit 35 Jahren zu diesem Thema.

Auf Anfrage unserer Zeitung teilt der WDR mit, die verantwortliche Redaktion habe nicht einzelne Reiter anprangern wollen und deshalb alle unkenntlich gemacht. Man habe auch Stewards nicht angesprochen, um zunächst die Analyse von Wissenschaftlern und Ärzten abzuwarten. Fazit der zuständigen Redakteurin Katharina Adick: Die zu beanstandenden Ritte seien keine Einzelfälle; es gehe um mehr als nur Schwarze Schafe.

Zählt zu den vielversprechenden Talenten unter den deutschen Dressurreiterinnen: die Aachenerin Jill de Ridder. Foto: Thomas Rubel

Die Aachenerin Jill de Ridder, die zu den jungen vielversprechenden Talenten unter den deutschen Dressurreiterinnen zählt, hat eine sehr klare Meinung zu den kritisierten und filmisch dokumentierten Ritten auf dem Abreiteplatz beim CHIO 2018: „Es hat Vorfälle gegeben, die darf es nicht geben.“ Sie spricht von Situationen, „da hätten die Reiter vorher eine andere Lösung, Trainer andere Wege finden können, um zu vermeiden, dass Stewards überhaupt eingreifen müssen“. Schade sei, dass das in den Sozialen Medien häufig dem gesamten Sport angekreidet werde. „Es ist passiert, und es darf nicht passieren. Es gibt ein paar Schwarze Schafe, gegen die kommen die vielen guten Reiter medial nicht an.“

FN und ALRV sehen durchaus Handlungsbedarf und schicken jetzt erstmals sogenannte Info-Stewards an die Dressur-Trainingsplätze, die dort speziell Fragen von Zuschauern beantworten. Kienapfel: „Ich werde beim CHIO vor Ort sein, mir das ansehen und das tolle Angebot zum Dialog wahrnehmen.“

„Aggressives Reiten auf dem Vorbereitungsplatz, das das Pferd unter Stress setzt und seine natürliche Bewegungsentfaltung einschränkt oder gar verhindert, wird von Zuschauern, Reitern, Trainern, Turnierfachleuten und den Medien immer kritischer betrachtet“, heißt es auf der Webseite der FN. Eine enge Kopf-Hals-Haltung allein ist aber laut FN noch kein Indiz für inakzeptables Reiten.

Dagegen geht man beim CHIO vor: Der Kopf eines Pferdes wird deutlich hinter die Senkrechte zur Brust gezogen (Archivbild). Foto: imago/Jacques Toffi/imago sportfotodienst

„Dass der Pferdekopf leicht hinter die Senkrechte kommt, passiert jedem noch so guten Reiter mal. Das ist nicht sofort tierschutzgefährdend und verbotswidrig“, sagt Kienapfel. Eine Kopfposition hinter der Senkrechten sei laut Richtlinien ein Fehler. Wenn der Pferdekopf hinter die Senkrechte gebracht wird, wird das Tier laut Kienapfel physisch und psychisch beeinträchtigt: Muskelkrämpfe, eingeschränktes Sichtfeld, eingeengte Luftröhre, Atemprobleme. Sie sieht darin beim Dressursport derzeit das größte Problem.

Die Frage nach dem Zwiespalt

In der Dressurprüfung selbst spielt LDR keine Rolle. „Das macht ein Reiter in der Prüfung nicht. Er wird sein Pferd aufrecht präsentieren“, sagt Eisenhardt. „Als Richter wünschen wir uns eine Silhouette, die bergauf geht.“ Momentweise werde LDR in der Vorbereitungsphase von jedem Reiter praktiziert. „Das Problem ist die Zeitspanne. Nur eng und tief zu reiten, ist völlig unmöglich. Das darf nicht sein. Es widerspricht völlig unseren Prinzipien.“

Hyperflexion ist für Jill de Ridder kein Thema. „In meiner gesamten Ausbildung hat mir nie ein Trainer gesagt, ich solle so reiten.“ Sie brauche LDR nicht, schließt aber nicht aus, dass auch ihr das Pferd in eine Position gerät, „in die es nicht gehört“. Sie reite jedenfalls wie immer. „Ich habe weder Angst vor dem Publikum noch vor den Stewards. Ich hatte noch nie ein Problem mit einem Steward.“

Gibt es einen unvermeidlichen Zwiespalt zwischen dem Ehrgeiz eines Turnierreiters, ohne den ein Sportwettbewerb gar nicht auskommt, und dem Anspruch des Pferdes, ohne Zwang und Schmerzen natürlich zu laufen? Die Antworten sind unterschiedlich. De Ridder sieht da gar keinen Widerspruch. „Nein“, sagt sie sehr energisch. „Sonst würden wir diesen Sport nicht ausüben. Für die Reiterinnen und Reiter, die ich kenne, gilt: Zuerst findet man einfach das Pferd faszinierend, das Tier, dem ich doch nie etwas Böses antun könnte.“

Eine Sache des Vertrauens

Kienapfels Erfahrung ist anders: „Sobald es um hohe Preisgelder geht, gibt es zweifellos immer mal einen Konflikt zwischen erwünschter Leistung und erforderlichem Tierwohl. Die Gefahr besteht, dass das Wohl des Tieres untergeordnet wird. Um solche Konflikte zu sehen und zu vermeiden, gibt es den Kriterienkatalog zum Abreiten der FN. Würde der so in die Praxis umgesetzt, wäre das Tierwohl besser geschützt.“ Wenn alles nach Reglement läuft, kann es laut Richterin Eisenhardt zu dem genannten Zwiespalt nicht kommen. „Wenn der Reiter gut reitet, hat das Pferd keine Schmerzen“, sagt sie. „Wenn er sein Pferd bewusst mit Schmerzen reitet, müssen die FEI-Stewards eingreifen. Das ist ganz klar.“

Was macht den Ehrgeiz einer Dressurreiterin aus? Jedenfalls nicht, in einen solchen Zwiespalt zu geraten, antwortet de Ridder. „Mein Ziel ist, möglichst harmonisch eine Prüfung zu absolvieren, sodass alles fließt. Man kann nie ganz vermeiden, dass auch disharmonische Situationen entstehen, aber dann muss man versuchen, das durch Körpersprache auszugleichen. Jeder Reiter kennt Missverständnisse oder Widersprüche bei einer Lektion; dann muss ich schnell mit dem Pferd auf eine ihm zuträgliche Art kommunizieren.“

„So richtig interessiert den Spitzensport noch nicht, was wir machen“, erläutert Kienapfel. „Häufig werden die Pferde nicht nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft geritten. Und die Reiter empfinden das leider immer noch häufig als unkritisch.“ Ihre Analysen decken sich weitgehend mit jenen der International Society for Equitation Science. Wer macht es aus ihrer Sicht denn richtig? Kienapfel schwärmt geradezu von Ingrid Klimke, der Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin in der Vielseitigkeit. „Sie bringt höchste Leistung und ist mit ihren Pferden eine Einheit. Sie ist ein leuchtendes Vorbild. Bei ihr werden Sie keine Rollkur erleben. Sie beweist, dass ich zielgerecht Leistungssport betreiben und das Pferd achten kann.“

Jill de Ridder zeigt sich gelassen: „Jeder gute Reiter merkt, wenn es dem Pferd nicht gutgeht, wenn es überfordert wird. Dann muss man reagieren – und zwar so, dass sowohl Fachmann wie Laie merken: Das Pferd spürt Vertrauen. Wenn das nicht gelingt, läuft etwas verkehrt.“ Auch bei einem ganz lockeren entspannten Ritt könne ein Pferd stolpern und dann mit dem Kopf hinter die Senkrechte geraten. „Das heißt aber doch nicht, dass jemand schlecht reitet.“
Das Verständnis von Horsemanship

Ein Leistungssportler, der sich beim Marathon, Triathlon oder der Tour de France verausgabt oder gar überbeansprucht, macht das mit sich aus; es sei denn, er wird von kriminellen Funktionären gezwungen. Das Pferd wird nicht danach gefragt; es kann seinen Willen nicht äußern. Turnierchef Kemperman setzt mit seiner ganzen  jahrzehntelangen Erfahrung auf Horsemanship, wie man es in der internationalen Reiterschaft nennt: respektvolle Haltung zum und sachkundiger Umgang mit dem Pferd, eine vom Instinkt geleitete Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. „Darüber spreche ich mit den Reiterinnen und Reitern. Dem sind alle hier verpflichtet. Die Basis ist das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter.“ Wenn es bei Wettbewerben Enttäuschungen gibt, „ist meistens der Reiter schuld und nicht das Pferd“, sagt Kemperman. „Und Reiter sind auch nur Menschen.“

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