Aachen: Geschwister reiten gemeinsam und auch gegeneinander

Aachen: Geschwister reiten gemeinsam und auch gegeneinander

Wenn Geschwister in derselben Sportart erfolgreich unterwegs sind, kommt es oft zur Rivalität. „Als ich erfolgreich war, ritt Nadine noch im Nachwuchsbereich. Und als sie erfolgreich wurde, war ich nicht mehr oben dabei. Direkte Konkurrentinnen waren wir nie“, sagt Gina Capellmann-Lütkemeier. Doch aktuell hat ihre jüngere Schwester familiäre Konkurrenz: Nichte Fabienne Lütkemeier reitet mit D‘Agostino auf Augenhöhe mit ihr und Girasol.

Bei Capellmanns dreht sich seit jeher alles um die Pferde. Vater Kurt war ein erfolgreicher Spring- und Dressurreiter und später Präsident des ausrichtenden Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV). Er zeichnete den Weg seiner Töchter vor, versteckte die Hindernisstangen, so dass beide Dressur ritten. Anders bei Fabienne, genannt Fabi, deren Vater Friedrich-Wilhelm Lütkemeier selbst Springen bis Klasse S ritt. „Ich darf springen, habe auch Turniere bis Klasse L geritten. Aber Mama hat Angst, wenn ich springe“, erzählt die 23-Jährige schmunzelnd.

Fabienne Lütkemeier und D‘Agostino Foto: Karl-Heinz Frieler

Gina und Nadine konzentrierten sich auf die Dressur — mit Erfolgen bereits im Nachwuchslager. Gina feierte ihre größten Triumphe mit Team-Gold bei der WM 1986 in Toronto und 1987 bei der EM in Goodwood. Auf Ampere, den Vater Kurt aussuchte. „Der kaufte die Pferde immer, ohne mit uns zu reden. Ich hatte Glück, dass Nadine Callboy Ampere vorzog und ich ihn reiten durfte“, erinnert sich Gina, und Nadine setzt verwundert hinzu: „Daran kann ich mich nicht erinnern, das wäre doch auch ein Pferd für mich gewesen.“

Nadine Capellmann und Girasol. Foto: Karl-Heinz Frieler

Als Nadine Capellmann ins Seniorenlager umstieg, lag die erfolgreichste Zeit hinter ihrer Schwester, die inzwischen in Paderborn lebte. „Wir haben nie um einen Equipeplatz miteinander gekämpft“, sagt Gina. Anders jetzt ihre Tochter Fabienne, die bei der DM in allen Prüfungen die Nase knapp vorne hatte und ihrer Tante den Platz in der Equipe beim CHIO Aachen wegschnappte. „Unglaublich, ich freue mich sehr“, strahlt die hübsche 23-Jährige.

„Fabi reitet frisch und fröhlich, kann gut mit Druck umgehen. Das hat sie schon in jungen Jahren ausgezeichnet“, zollt ihre Tante ihr Respekt. Ausgebildet wurde die junge Amazone von Mutter Gina, seit einiger Zeit trainiert sie zudem bei Klaus Balkenhol, der maßgeblich daran beteiligt war, dass Nadine Capellmann den Sprung in den großen Sport schaffte. Zwei olympische Goldmedaillen, vier WM- und drei EM-Goldmedaillen zieren neben anderen den Trophäenschrank der 47-Jährigen.

Kinderstube nicht vergessen

Die beiden Schwestern wurden von Vater Kurt trainiert. „Seine Kinderstube vergisst man nicht, unser Vater hat unsere Reiterei geprägt“, sagt Gina, die Schwester Nadine hoch einschätzt: „Ich denke, sie ist eine der besten Prüfungsreiterinnen überhaupt. Wie sie in einem Wettkampf reitet, das macht ihr so schnell keiner nach.“ Und Fabienne fügt hinzu: „Nadine hat keine Schwächen, sie immer das Beste aus der jeweiligen Situation. Das habe ich mir von ihr abgeschaut.“

Für die jüngere war die ältere Schwester ein Vorbild: „Gina war mir ja voraus und schon erfolgreich, als ich eben anfing. Und unser Vater hat uns beiden die gleichen Werte vermittelt im Umgang und dem Verständnis mit dem Pferd“, sagt Nadine. Beiden Mädels gab Kurt Capellmann vor allem eines mit auf den Weg: „Es ist grundsätzlich der Reiter, der die Fehler macht. Und man muss sehr acht geben auf die Pferde“, sagt Gina.

Dass ausgerechnet Fabienne ihre direkte Konkurrentin ist, nimmt Nadine Capellmann locker. „Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ich habe es Fabi bei der DM mit meinen Fehlern im Spécial leicht gemacht.“ Fabienne, die 2012 in London schon Olympia-Ersatz war, lacht: „Es ist doch schön, wenn jemand aus der Familie dabei ist und ich in Aachen erstmals im Team reiten darf.“ Um sich auf Aachen zu konzentrieren, verschiebt sie auch ihre letzte Hausarbeit für ihr internationales Business-Studium. „Aber in der Woche zuvor stecke ich noch in den Klausuren“, sagt Fabienne seufzend.

In Aachen schließt sich der Kreis wieder: 32 Mal in Folge ritt Kurt Capellmann hier, „ein Rekord, den ich sicher eingestellt habe“, sagt Gina, die 2010 zuletzt beim CHIO startete, und Nadine ergänzt lachend: „Na, da habe ich ja noch ein Ziel.“ Sie wird mit Girasol in der CDI-Tour sowie mit Diamond Girl in der kleinen Tour starten.

Erstmals wird der jüngste Spross des Hauses Capellmann, Celine, die zweijährige Tochter von Nadine, CHIO-Luft schnuppern und vielleicht irgendwann in die Fußstapfen ihrer Familie treten.

Mehr von Aachener Zeitung