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Aachen: Frank Kemperman: In vielen Sätteln zuhause

Aachen : Frank Kemperman: In vielen Sätteln zuhause

Schweiß auf der Stirn, die Ohren rot, die Handys heiß, alle fünf Sekunden ein neuer Anruf, gleichzeitige Gespräche auf drei Leitungen: So sollte man den Manager des größten Freiluftturniers im Pferdesport auffinden kurz vor dem Start zum CHIO anno 2009. Stattdessen sitzt der Mann völlig entspannt in seinem klimagekühlten Büro - und scheint perfekt an die Temperaturen angepasst. „Die Vorbereitung läuft ruhig”, erklärt der Turnier-Macher.

Imponiergehabe mittels Hyperaktivität ist nicht sein Ding. Später wird er erklären, warum. „Ich musste lernen, nicht immer alles selbst zu machen.” Seine CHIO-Equipe ist schon lange auf Trab. „Es gibt keinen Stress. Wir sind ein eingespieltes Team, die Maschinerie läuft.”

Der Niederländer gilt im Quervergleich als lockerer als der gemeine „Oosterbuur”. Und Frank Kemperman scheint diesem Klischee zu entsprechen. Doch wenige Tage zuvor verlor auch Kemperman die Contenance. Mitten hinein in die perfekte Vorarbeit platzte die Nachricht von Isabell Werths positiver Dopingprobe. Die härteste Verfassungsprüfung seines Lebens? „Unglaublich”, sagt Kemperman, „das kann doch nicht wahr sein.” Nach dem offenherzigen Interview von Ludger Beerbaum hatte der Turnier-Boss gedacht, die Wogen würden sich langsam glätten.

„Ich dachte, jetzt ist Ruhe. Jetzt kann nichts mehr passieren.” Doch dann brach die Meldung über den Dopingfall Isabell Werth in die eh schon nicht mehr ganz heile Pferdewelt in der Soers ein. „Ich hoffe, dass jeder sieht, dass der ARLV alles tut im Kampf gegen Doping und die Zuschauer uns unterstützen und sagen: Das ist der richtige Weg. Wir können nichts dafür, wir dopen keine Pferde.”

Für den ansonsten so lockeren und humorvollen Manager ist inzwischen vorbei mit lustig: „Wir werden hoffentlich klare Spielregeln bekommen. Wenn einer die nicht einhält, ist er lange raus”, setzt er auf die anstehende „Verhör”-Arbeit und Ergebnisse der unabhängigen Kommission. Neben den verschärften Kontrollen macht sich Kemperman auch Gedanken über Prävention-Ansätze. „Es sind alles Menschen, und Menschen lieben Geld.” Zur Attraktivität des Geldes komme noch der Ruhm, den sich etwa der Gewinner des Großen Preises von Aachen erspringen kann. „Aber nicht auf dem Weg!” Seine Überlegungen gehen Ausbildung. „Früher galt: hoch und dick.” Seine Idee: mehr Augenmerk auf technisches Reiten.

Seine B-Note kann derzeit nur für seine Ausritte auf einem Stahlross gegeben werden. Für Frank Kemperman sind es auf jeden Fall die Highlights, wenn er für seine Kontroll-Fahrten übers Gelände radelt - auf einem Holländer natürlich. Trotz aller eingespielten Routine - das letzte Mal auf einem Vierbeiner saß er im Oktober letzten Jahres. Bei einem Freund in Sao Paulo. Die Ausritte waren „ein Traum”, so Kemperman: Natur pur, Rendezvous mit Wildschweinen und Hyänen inklusive. Die eigene Reiterei vermisst er schon, ein Pferd besitzt der Schimmel-Liebhaber nicht. Obwohl die Situation günstig scheint. „Unsere zweibeinigen Fohlen sind aus dem Haus, wir haben mehr Freiheit und keine Verpflichtungen mehr. Meine Frau kann öfter mit zu Turnieren reisen. Wir genießen diese Ungebundenheit.”

Hund und Pferd fehlen

Und so verkneift er sich - noch - ein eigenes Pferd („Aber es juckt schon”); und auch für seinen vor anderthalb Jahren gestorbenen Hund gibt es keinen Nachfolger, obwohl „ich ihn sehr vermisse”.

Natürlich hat er auch selbst geritten. Doch früh reifte die Erkenntnis: „Mit Reiten werde ich nie Geld verdienen.” Vom Pferdepfleger zum Top-Manager - nicht nur im Pferdesport. Kemperman startete als Manager des Gestüts Zangersheide in Lanaken (Belgien).

Den Wechsel zur Hengststation des Ministeriums bereute er schnell. Die Arbeit dort war ihm zu theorielastig. Der ehemalige Pferdepfleger konnte Überlegungen „warum sitzt der Schweif beim Pferd hinten und nicht vorn” nicht so richtig viel abgewinnen. „Ich wurde verrückt.” Der Sprung ins Fußballgeschäft war bereitet.

Mit knapp 32 Jahren bewies der Niederländer, dass er in mehr als einem Sattel zu Hause war. Kemperman wurde Manager bei Maastricht VV. Dort ging es schon bald um die Wurst - und das hatte nichts mit Pferden zu tun. Eine seiner ersten Amtshandlungen führten ihn in eine Metzgerei in Meerssen. Papa Meijer musste unterschreiben, dass sein Sohn Erik bei MVV Fußball spielen durfte. Die Karriere des ehemaligen Alemannen-Profis endete später im Schatten des Reitstadions. Bevor Frank Kemperman allerdings 1994 fest in der Soers landete, verdingte sich der umtriebige Niederländer als „Call-Manager”: Nach ersten Meriten mit der Organisation des Maastrichter Turniers war er über eine Marketing-Firma weltweit als Turnierdirektor buchbar.

Mittlerweile „bin ich ruhiger geworden”, der CHIO-Turnierdirektor führt als Vorstandsvorsitzender eine glückliche Ehe mit dem ARLV. In guten wie in schlechten Zeiten. Und so sind seine Fahrradtouren nicht immer Lustfahrten: Eben mal kontrollieren, ob bei der Verfassungsprüfung durch die Veterinäre alles gut läuft. Diese Pferde-Checks sind unter dem Damoklesschwert eines neuen Dopingfalls wichtiger denn je. Der Catwalk für Vierbeiner - mit einem schon mal angenehmen Nebenwettbewerb: Wenn die Pferdepflegerinnen mit ihren Schützlingen am Zügel besonders attraktiv auf die „Jury” zulaufen, wird schon mal gerne eine Extra-Runde angeordnet - Recall sozusagen.

Ein Leben für den Pferdesport

Geboren am 29. Januar 1955

Der 54-Jährige lebt in Lanaken (Belgien), ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.

15 Jahre lang Geschäftsführer und Sportdirektor des Aachen-Laurensberger Rennvereins

Seit Juni 2008 Vorstandsvorsitzender

Sportkoordinator der Pferdesport-WM in Den Haag (1994)

Bei den Olympischen Spielen in Sydney zuständig für die Springwettbewerbe (2000)

Leiter des Organisations-Komitees für die Weltreiterspiele in Aachen (2006)

Vorsitzender im Spring-Ausschuss des Internationalen Reitsportverbandes (FEI/bis 2008)

Vorsitzender im Dressur-Ausschuss der FEI